Small Talk mit Leopold Grün über den Dokumentarfilm »Montags in Dresden«

»Da sieht man den Unfug«

Das Dokumentarfilmfestival DOK Leipzig zeigte vorige Woche den Film »Montags in Dresden«. Darin lässt Regisseurin Sabine Michel drei Aktivisten von Pegida unkommentiert zu Wort kommen. Mit Leo­pold Grün, einem Mitglied der Auswahlkommission, sprach die Jungle World darüber, warum der Film gezeigt wurde.

Small Talk Von Tobias Prüwer
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STMuss man Pegida-Anhängern mit einem Film ein Podium bieten?
Der Film ist eine Form der Auseinandersetzung. Er zeigt exemplarisch drei Weisen, wie die Leute zu Pegida gekommen sind. Es hilft nicht, alle in einem Topf zusammenzuwerfen. Es wird klar, aus welchem Gesinnungsumfeld sie ihre Überzeugungen aufgebaut haben. Das macht ein Film gut, der nicht einfach nur draufhält.

Die Regisseurin lässt die drei ausführlich ihre Weltanschauung darlegen. Deren Ausführungen sind nicht neu, René Jahn etwa saß auch schon bei »Maischberger«.
Eine repräsentative psychologische Studie zu sein, ist nicht Aufgabe eines Dokumentarfilms. Die Regisseurin bemüht sich, drei Felder aufzumachen. Einer hat mit seinem erzkatholischen Weltbild in der DDR Schwierigkeiten und kommt mit seinen Auffassungen auch jetzt nicht klar. Ein anderer liefert über die Schiene des Wende­verlierers nur eine Personenbeschreibung von sich selbst ab. Und eine Frau spricht von Ängsten, wobei man sich fragt, wo die eigentlich herkommen. Das macht begreiflich, über welche Menschen man da redet. Wenn Sie das umdrehen: Diesen Film auszugrenzen und nicht zu zeigen – was lässt man da weg?

Der Film korrigiert nicht einmal Falschaussagen etwa über Teilnehmerzahlen bei Demonstrationen. Wäre das nicht das Mindeste gewesen?
Da haben Sie eine falsche Vorstellung von der Aufgabe eines Dokumentarfilms. Der Film zeigt Dinge so eindeutig, dass man sie als Zuschauer begreift. Wir beschweren uns doch sonst so häufig über den belehrenden Ton in Dokumentarfilmen. Am Ende finde ich den Film noch zu rückversichernd, weil die Regisseurin klarstellt, dass sie nicht bei Pegida steht.

Sie bedient sich dabei problematischen Vokabulars, redet von der »totalen Zerstörung« Dresdens und davon, »fremd im eigenen Land« zu sein.
Wir sind nicht mit allem im Film einverstanden, im Sinne der künstlerischen Arbeit. Deshalb haben wir ihn nicht im Wettbewerb laufen lassen. Aber er ist letztlich ein Zeitdokument und hatte keine lange Montagephase hinter sich, wo man Dinge noch zehnmal ­reflektiert. Er hat einen Diskurs angestoßen. Sie rufen ja auch an, weil Sie irritiert sind.

Ja, über handwerkliche Mängel. Wo sucht der Film denn eine Diskussion, wenn er Aktivisten einfach reden lässt?
Die entlarven sich selbst. Wenn René Hahn davon spricht, dass die Leute alle mal zum Militär gehen sollten, damit sie nicht so aufmüpfig sind, sieht man den Unfug. Er begreift sich doch selbst als aufmüpfig. Da ist der totale Widerspruch. Das hätte die Regisseurin auch weglassen können. Ein bisschen kann man dem denkenden Zuschauer auch zutrauen.

Pegida feiert sich für den Film. War Ihnen das klar?
Selbstverständlich ist das ein Risiko. Wir haben darüber gesprochen, was passiert, wenn der Film beklatscht wird von den falschen ­Leuten. Ich will aber keine Diskussion verhindern. Aber ich verstehe Ihre Aufregung.

Ein Film, der Leute zeigt, die gar nicht diskutieren wollen, soll also als Dokument der Aufklärung gefeiert werden?
Es ist das einzige Angebot. Uns wurde kein anderer Film zum Thema angeboten.

Pegida ruft dazu auf, zur öffentlichen Vorführung zu gehen.
Es ist ein wunderbares Missverständnis, dass die Leute, die im Film sind, sich feiern und nicht die Regisseurin. Die begreifen das nicht. Vielleicht merken sie etwas, wenn sie auf Leute im Kino treffen, die hoffentlich eine andere Haltung zum Ausdruck bringen.