Björks neues Album »Utopia«

Future Forever

Wie ist das Verhältnis zwischen Utopie und Pop? Die musikalische Virtuosin Björk verhandelt diese Frage auf ihrem neunten Album »Utopia« und gibt klangvolle Antworten.

»Wie hören wir uns zuerst? – Als endloses vor sich Hinsingen und im Tanz«, schrieb Ernst Bloch 1918 in »Geist der Utopie«. Im Singen, in der Kunst, zeige sich der Vorschein des Möglichen, der Utopie. In »Das Prinzip Hoffnung« bemerkt er: »Kunst ist ein Laboratorium und ebenso ein Fest ausgeführter Möglichkeiten.« Auf dem Weg zur Verwirklichung konkreter Utopien, der

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Herstellung objektiver Bedingungen für subjektives Glück, ist die Kunst ein wichtiger Begleiter. Und ein Versprechen.
Björk hat im Entstehungsprozess ihres neuen Albums »Utopia« sicher auch Bloch gelesen; nach eigenem Bekunden verschlang sie die gesamte Ideengeschichte der Utopie. Alles auf ihrem neuen Album »Utopia« blickt nach vorne, in Richtung zu verwirklichender Visionen – »break the chains of the fuck-ups of our fathers« singt sie im Stück »Tabula Rasa«.
Auch Pop ist Utopie, ein Gegenentwurf zur Normalität, zum Alltag und schlechten Ganzen, manchmal sogar Weg in eine bessere Welt: In den Raumschiffen George Clintons und Sun Ras war ein temporäres Entkommen aus dem Alltagsrassismus möglich. Und Pop hat immer mit der Möglichkeit gespielt, nicht in einer Identität zu verharren, Zuschreibungen und die Enge des Ich zu überschreiten. In dieser Transzendierung der eigenen Identität lag das utopische Moment von Pop – dass Pop immer mehr zum Gegenteil dessen geworden ist, ein Spektakel der Normalität, nimmt ihm nicht sein utopisches Potential.

 

Ein Entwurf des neuen Menschen

Wenn Björk sich in diese Geschichte von Utopie und Pop einschreibt, so ist das Album vor allem nach seinen konkreten utopischen Entwürfen zu befragen: nach transzendierenden Momenten, politischen und ökonomischen Alternativen, nach neuen Sounds und Versprechen. Schon das Cover zeigt die neue Pop­identität der Sängerin: ein nicht mehr menschliches Wesen, in dem dennoch die Züge der Isländerin zu erkennen sind. Ein Entwurf des neuen Menschen, auf den Promofotos zum Album ausgestattet mit einem umgeschnallten Dildo, der mit der Flöte in der Hand korrespondiert und auf die zweite Utopie des Albums verweist: die Möglichkeit einer Welt ohne Männer. Oder eher: ohne Männlichkeit. Die auf dem Album beschriebene Utopie besteht aus einer Insel, auf der nur Frauen und Kinder leben, die gemeinsam Musik machen, umgeben von unbekannten Bäumen, Vögeln und Orchideen. Das Video zu »The Gate« versetzt die Björk vom Plattencover in diese neue Welt, in der einerseits ein Leben im Einklang mit der Natur abgebildet wird, das sich jedoch nicht in Hippie-Romantik erschöpft, sondern die Idee von Natürlichkeit und den Rückzug ins Natürliche transzendiert, ein Leben einfordert, in dem Natur und Technik miteinander versöhnt sind. Nichts in dieser Natur ist natürlich, sie ist vollständig am Computer generiert. Diesen Aspekt der Versöhnung von Natur und Technik überführt Björk auch in den Sound des neuen Albums, das geprägt ist von Flötenarrangements. Über Monate hinweg hat sie in Island jeden Freitag mit einem aus 20 Frauen bestehenden Flötenensemble an den Arrangements gefeilt, nach einem Sound gesucht, der den Flöten das Natürliche nimmt, während sie gleichzeitig mit ihrem musikalischen Partner Arca an synthetischen Sounds gearbeitet hat, die wiederum luftig und organisch klingen. Das Ergebnis ist eine Soundästhetik, in der die Herkunft der Töne nicht mehr zu erkennen ist, ebenso wenig wie die leitmotivisch eingesetzten Vogelstimmen, die teilweise von Außenaufnahmen der Sängerin stammen, teilweise aus Samples von einem ihrer Lieblingsalben, »Hekura« von David Toop.

Björks Stimme sucht von Song zu Song nach den Versprechen von Pop und nach den Gespenstern der Popkultur.

Für die Entstehung dieses Sounds war jedoch ein Blick zurück notwendig, ein Abklopfen der Vergangenheit nach utopischen Momenten. Schon Bloch hat Tagträume und Märchen zum weiten Feld des Utopischen gezählt. Hier, in der Welt der Fabeln und Märchen, hat Björk einen Verweis auf das utopische Potential der Flöte entdeckt. Isländische Märchen erzählen von Frauen, die vor der ihnen gesellschaftlich zugewiesenen Rolle mit ihren Kindern an einen unbekannten Ort fliehen und dort Flöte spielen. In den Überlieferungen werden sie von den Männern verfolgt und für ihre Flucht mit dem Tod bestraft. In Björks Version jedoch gelingt der feministische Lebensentwurf, sowohl im Songtext wie auch im Flötenensemble. Frauen zu unterstützen, ihre Position als Star auch für die Vernetzung und Verbreitung solcher feministischer Ideen zu nutzen, treibt Björk schon länger um, auch weil sie als Frau immer wieder um die Anerkennung als Musikerin, Produzentin und Arrangeurin hinter all ihren äußerlichen Verwandlungen kämpfen musste.

 

Ein utopischer Ort, der dich aufnimmt, wenn du verletzt oder einsam bist

Eine hierarchiefreie Zusammenarbeit, die sie sich wünscht, hat Björk, wie sie in einem Interview einmal sagte, aus dem Punk gelernt: »Ich hatte meine erste Punkband bereits mit 14 Jahren. Ein wesentliches Element aller Zusammenarbeiten von mir ist es, dass jeder die gleichen Rechte besitzt.« In dieser Zeit Mitte der Achtziger, in der sie eng mit den britischen Anarchopunks von Crass verbandelt war, mit Penny Rimbaud Platten aufnahm und auf Crass Records Alben veröffentlichte, hat sie deren Suche nach alternativen Lebensentwürfen verinnerlicht. Wie Crass geht auch bei Björk diese Suche weit über die rein musikalischen Aspekte hinaus: Während Crass versuchten, in der Kommune und mit eigenem Label ihre Utopie eines Lebens außerhalb kapitalistischer Verwertungszusammenhänge zu verwirklichen, greift Björk die derzeitigen Diskussionen um Kryptowährungen auf und bietet als erste Künstlerin die Möglichkeit an, ihr Album in einer solchen Währung zu bezahlen, in Bitcoin, Audiocoin, Litecoin oder Dashcoin. Darüber hinaus erhält jeder Käufer eines Tonträgers über ihren Online-Store einen Downloadcode über 100 Audiocoins und soll so einen ersten Einstieg in diese digitale Währung erhalten.

Und Björk schreibt auf ihrem Album selbstverständlich auch das große Popversprechen fort: das Versprechen der Heilung durch die Liebe. »I Care for You« – Pop ist eben auch ein utopischer Ort, der dich aufnimmt, wenn du verletzt oder einsam bist. Musikalisch ist »Utopia« wie bereits die vorherigen Alben allerdings kaum mehr Pop, die Songs sind ein orchestraler Entwurf zwischen Kammermusik und elektronischen Experimenten, auch das enge Format des Popsongs lassen sie weit hinter sich.
Björks Stimme sucht von Song zu Song nach den Versprechen von Pop, nach den Gespenstern der Popkultur, von denen auch Mark Fisher geschrieben hat. Bei Fisher ging es um die verlorenen Utopien, die einstigen Versprechen von Pop, um eine melancholische Sehnsucht nach der Zukunft. Der Neoliberalismus habe gesiegt, eine Utopie erscheine von der Gegenwart aus betrachtet kaum mehr vorstellbar, so Fisher, daher der Blick so vieler Musiker in den Rückspiegel, damit sie über den Umweg der Vergangenheit um die verlorene Zukunft trauern könnten. Björk gibt sich mit diesem Blick zurück nicht zufrieden, ebenso wenig wie mit dem Sieg des kapitalistischen Realismus. Stattdessen versucht sie sich an der Rückeroberung, an der Neuschreibung des Utopischen im Pop. Ihr geht es um nicht weniger als um das Versprechen von Zukunft. Im letzten Song »Future Forever« singt sie: »Imagine a future and be in it / Feel this incredible nurture, soak it in / Your past is a loop – turn it off.«


Björk: Utopia (One Little Indian Records)