Santa-­Claus-Apokalypse in New York City

Helau, Santa!

Sekt und Sozialismus Von

SektSozDurch die Hochhausschluchten zieht der Schneesturm, von links und rechts, oben und unten, der Wind ist unerbittlich. Ich zerre meinen neonfarbenen Rollkoffer durch die Stadt, die niemals schläft – zumindest wird sie so genannt: New York City. Die beste Stadt der Welt, wenn man richtig reich ist. Eine Stadt voller Gegensätze, ­voller Aufregung und Ideen. Und voller Elend, zumindest wenn man kein Geld hat.

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Ich habe nicht viel Zeit an diesem Samstagmittag, ich renne von Block zu Block, von U-Bahnstation zu U-Bahnstation. Der Schneesturm legt alles lahm. Trotz allem ist meine Laune gut. New York City ist wunderbar in all ­seiner elendigen Pracht. Die Hauptstadt des 20. Jahrhunderts, die Metro­pole westlicher Exzellenz wie Dominanz.Und wie sich der sogenannte Westen seinem Ende Schritt für Schritt nähert, so tut es auch New York City. Ein günstiges Glas Weißwein kostet in einem durchschnittlichen Restaurant in Manhattan umgerechnet knapp 20 Euro.

Als ich an der 7th Avenue einbiege, stehe ich plötzlich vor einer Horde Menschen, die als Santa Claus verkleidet sind. Einige tragen sehr elabo­rierte Kostüme, andere einfach Pullover mit schlechten Weihnachtswort­witzen, manche sind als sexy Santa verkleidet, andere bizarr und akkurat als Rentiere geschminkt. Sie trinken, sie lachen, sie sind laut und rücksichtslos und sie sind viele. Mit jedem weiteren Block, den ich passiere, werden es mehr, sie werden aggressiver und ausgelassener. Teile der Kostüme landen im Matsch.

Als ich mich endlich wieder in der ­U-Bahn befinde, bin ich immer noch irritiert angesichts dieser Santa-­Claus-Apokalypse. Die Szene erinnert mich an Karneval im Rheinland, wenn Menschen sich im Winter bei Schneesturm und Matsch in Kostüme zwängen und jede Menge Alkohol kon­sumierend durch die Straßen ziehen.

Später erfahre ich, dass es sich bei dem von mir ehrfürchtig beobachteten Ereignis um die »Santa Con« handelte. Menschen verabreden sich im Internet, um sich in New York City in Weihnachtskostümen hemmungslos zu betrinken. Es klingt genauso irritierend, wie es ist, und doch wundert es mich nicht, denn Menschen brauchen diese Massenrituale. Rituale, in denen sie sich als Kollektiv erfahren können. Des­wegen gibt es Sekten und deswegen gibt es auch Weihnachten.

Es hat auch etwas Beruhigendes, denn es zeigt, dass sich die menschlichen Sehnsüchte letztlich gleichen und es daher keinen Grund gibt, einander zu hassen. Auch wenn das manchmal schwerfällt. Besonders, wenn Menschen Santa-Claus-Kostüme tragen.