Sex und Sci-Fi im Film »The Untamed«

Wenn die Ehe ein Monster gebiert

Im mexikanischen Science-Fiction-Sozialdrama »The Untamed« wird eine trostlose Paarbeziehung durch sexuelle Phantasien und einen Meteoriteneinschlag aufgemischt.

Am Rande, aber kaum zufällig, wird auf einer Party in »The Untamed« ein Elefantenwitz erzählt. Wie so ziemlich alle Elefantenwitze – »Trifft ein Elefant eine Ameise … « – basiert auch dieser auf dem grotesken Effekt ­einer unverhältnismäßigen Paarung, einem Missverhältnis von Groß und Klein. »The Untamed« ist von Beginn an auf Disproportionen angelegt: Stürzt ein Meteroit auf die Erde ... Ficken eine Frau und ein Monster ... Oder: Trifft ein Sozialdrama auf Sci-Fi, Fantasy und Horror.

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Der mexikanische Regisseur Amat Escalante hält sich gar an die Dramaturgie dieser Sorte von Witz, wenn er seinen neuesten – und übrigens nicht witzigen – Film ganz direkt und ohne jede Umschweife beginnen lässt (weshalb auch an dieser Stelle ohne schlechtes Gewissen gespoilert werden darf). Entgegen jeder Genreregel wird gleich in der zweiten Szene das »Monster« offenbart – oder zumindest ein nicht unwesentlicher Teil davon. Eine junge Frau, nackt und mit lustverzerrtem Gesicht, zieht etwas, das wie ein Tentakel aussieht, erschöpft zwischen ihren Schenkeln hervor. Es ist weißlich, leicht glitschig und erstaunlicherweise gar nicht mal so eklig. Als eine weibliche Stimme, die von draußen in den dunklen, verliesartigen Raum dringt, erklärt, dass jetzt Schluss sei, bittet die Frau darum, noch etwas bleiben zu dürfen.

Die Frau, Verónica (Simone Bucio), ist geschwächt und verletzt, an ihrer Hüfte klafft eine blutige Wunde. Begleitet von flächigen, leicht sägenden Streicherklängen taumelt sie durch eine nebelverhangene Landschaft, versucht mit größter Mühe, auf ihr Motorrad zu steigen. Doch schon nach dem nächsten, harten Schnitt ist »The Untamed« in der Welt des rohen, kompromisslosen Realismus angelangt, für den der mexikanische Filmemacher bekannt ist, für den er ­bewundert und gehasst wird. Escalante, ein Autodidakt, der als Regie­assistent bei Carlos Reygadas (»Battle in Heaven«) begann, hat sich mit ­Filmen wie »Sangre« (2005), »Los Bastardos« (2008) und dem Drogen­kartell-Film (manche nannten ihn auch Drogenkartell-Torture-Porn) »Heli« (2013) den Ruf eines Holzhammer-Radikalen erworben. Harte ­Stoffe aus der mexikanischen Gegenwart verarbeitet er in langen, meist statischen Einstellungen und mit expliziten Gewaltdarstellungen. Ausgangspunkt seiner Geschichten ist häufig ein Bild oder eine Meldung aus der Zeitung. Den Anstoß zu »The Untamed« gab etwa das Foto einer Männerleiche, die in einem Fluss trieb, versehen mit der schrillen Schlagzeile: »Schwuchtel ertrunken aufgefunden«.

Nach der kosmisch-extraterrestrischen Exposition wechselt »The Untamed« zunächst in den Modus eines Beziehungsdramas.

Nach der kosmisch-extraterrestrischen Exposition wechselt »The ­Untamed« zunächst in den Modus eines Beziehungsdramas. In Kontrast zu den orgasmischen Sensationen mit dem Tentakelwesen in der Waldhütte, das von einem leicht guruhaft wirkenden Wissenschaftlerpaar ­betreut und »genährt« wird, gibt es traurigen ehelichen Sex in der Kleinstadt, genauer:in Escalantes Heimatort Guanajuato. Während Alejandra (Ruth Ramos), eine berufstätige Mutter zweier kleiner Söhne, von ihrem Ehemann Ángel (Jesús Meza), einem Straßenarbeiter, von hinten genommen wird, ist ihr ausdrucksloses Gesicht in nahaufnahme zu sehen. ­Ángel ist die eigentlich tragische Figur des Films. Er hat heimlichen Sex mit Alejandras Bruder, dem Krankenpfleger Fabián (Eden Villavicencio), überspielt sein unterdrücktes schwules Begehren indes mit grobem ­Machismo und einer ausgestellten Homophobie. Als Fabián dem Kindergeburtstag fernbleibt, sagt er: »Besser er kommt nicht. Sonst steckt er die Kinder noch mit seinem Schwulsein an.« Alle Figuren in dem Dreieck sind kreuzunglücklich und einsam. Und der Schwanz, der zunächst noch an die Stelle der multiplen Tentakelphalli tritt, scheint auch keine rechte sexuelle Erfüllung zu schenken. Einmal sieht man die Bauarbeiter miteinander raufen und sich gegenseitig in den Schritt greifen, ein ­regressives Gebaren, das ihrer unterdrückten Geilheit den Anschein ­eines harmlosen Spiels gibt – »Zeig mir deinen kleinen Wurm!«

Über Verónica, die im Krankenhaus von Fabián verarztet wird, kommt das beschränkte häusliche Milieu schließlich auch mit dem großen Wurm in Kontakt. Dabei gehen Fabián und Alejandra aus der Begegnung in der Hütte im Wald (eigentlich ein archetypisches Motiv des Horrorfilms) gleichsam gereinigt hervor – bevor sie ebenso wie Verónica einer gefährlichen Sucht verfallen. Das Wesen wird bei Escalante zum Inbegriff eines »natürlichen« Primiti­vismus, also all dessen, was in der konservativen, katholischen Gesellschaft Mexikos verboten, zensiert, unterdrückt und bestraft wird. Auch den Tieren wird eine enge Verbindung zu ihren Bedürfnissen nachgesagt. In einer visionären Szene folgt die Kamera einem Hund bis zu einem Krater, in dem Tiere unterschiedlicher Arten wild miteinander kopulieren. Hunde, Ziegen, Schlangen, ­Vögel, Schildkröten, Dachse: eine buchstäblich animalische Sexorgie.

Wer im Film auf was genau blickt, lässt sich manchmal nur erahnen. Immer wieder baut Escalante trans­humanistische Perspektiven ein: Mal blickt man aus Hundesicht auf die Totale der Waldhütte, mal bewegt sich die Kamera des chilenisch-dänischen Bildgestalters Manuel Alberto Claro (er hat unter anderem für Lars von Trier »Melancholia« und »Nymphomaniac« fotografiert) schlangenartig eine enge Straße entlang – ein somnambules Kriechen, das den Film wie mit einem schwer greifbaren Fieber infiziert.

Die Metapher des Films – das Verbotene ist das Monströse – mag so schlicht sein wie die Figuren und die Ordnung ihres Begehrens. Bemerkenswert jedoch ist, mit welch ungewöhnlichem Zartgefühl Escalante von der Begegnung zwischen Mensch und Monster erzählt. »The Untamed« steht zwar ganz in der Tradition der tentacle erotica, jenem porno­graphischen Fetischgenre, das seinen Ursprung in japanischen Illustrationen (etwa von Hokusai) hat, bevor es im Feld der gezeichneten Pornographie (Anime und Manga) größere Verbreitung fand. Doch während im Horrorgenre der Sex zwischen ­jungen Mädchen und Monstern meist mit Gewalt verbunden ist (tentacle rape) oder zumindest mit krankhaftem Wahn – im Abspann wird dem polnischen Filmemacher Andrzej Żuławski gedankt, dessen überspanntes Werk »Possession« (1981) als ­Referenz anklingt –, sucht Escalante nach einer sanften, geradezu fried­fertigen Form sexueller Ekstase, die (neben allen schädlichen Neben­effekten) zu mentaler Ausgeglichenheit und Selbstbestimmung führt. Auch das äußerst dezente creature design unterscheidet sich vom ­abjekten Körperhorror nur um feine Nuancen.

Das Tentakelwesen ist unheimlich, aber gewiss nicht unattraktiv. »Bist du jetzt erleuchtet?« fragt Ángel fassungslos, als Fabián die Beziehung beendet. Dass sich die Begegnung mit einem Monster im menschlichen Gesicht nicht nur als Ausdruck von Angst, Schrecken und quälender ­Entfesselung abbildet, sondern als leicht entrückter Ausdruck von tiefem Glück und plötzlichem Bei-sich-Sein, ist das eigentliche Wunder des Film.

 

The Untamed (Mexiko 2016). Buch und ­Regie: Amat Escalante, Darsteller: Ruth ­Ramos, Simone Bucio