»Sir«: Das neue Album von Fischerspooner ist da

Aye-aye, sir!

Die Electroclash-Pioniere von Fischerspooner bringen ihr viertes Album »Sir« heraus und haben auch eine Ausstellung in Wien gezeigt. Die Botschaft der Veröffentlichung: Feiern und vögeln!

Fischerspooner – wer war das noch gleich? Richtig, das New Yorker Duo, dessen Single »Emerge« 2001 die musikalische Sparte Electroclash einem größeren Publikum bekannt machte. Dieser Genrehybrid aus elektronischer Musik und Post-Punk läutete die nuller Jahre ein, boomte kurz, verglühte schnell, und verschwand tief im Archiv der Popgeschichte. Seither taucht er nur gelegentlich als Zombie wieder auf, etwa Ende vorigen Jahres, als LCD Soundsystem ihr Comeback-Album »American Dream« veröffentlichten.
Nun sind auch die Pioniere von Fischerspooner wieder da und bringen im zwanzigsten Jahr ihres Bestehens und neun Jahre nach ihrem letzten Longplayer das ambitionierte Album »Sir« heraus. Ambitioniert meint hier den offensichtlichen Wunsch, mit mehr als einer Handvoll neuer Tracks wieder in Erscheinung zu treten, denn begleitend zur Platte erscheint ein Bildband; dazu wurde im Wiener Museum Moderner Kunst (Mumok) eine Ausstellung gezeigt.

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Am auffälligsten ist jedoch die Transformation der Gruppe selbst: Verstanden sich Fischerspooner von Beginn an mehr als Performance­projekt denn als klassische Band, wird nun ästhetisch offensiver denn je die befreite queer-männliche Sexualität zelebriert. Das beginnt beim Artwork des Covers, auf dem Kopf und Hals des Sänger Casey Spooner in der Seitenansicht zu sehen sind. Die senkrecht nach oben herausgestreckte Zunge verkörpert in ihrer fleischigen Materialität auf den ersten Blick, wie sich das Projekt entwickelt hat. Auch das Cover des Debütalbums »#1« (2001) zeigte eine Zunge, damals allerdings noch in einer anonymen Nahaufnahme. »Sir« hingegen ist ein um Stimme, Körper und Begehren der Person (oder Figur) Casey Spooner herum konzipiertes Werk, innerhalb dessen die Rolle Warren Fischers als musikalischer Teil des Duos weiter in den Hintergrund tritt. Das macht tatsächlich nichts – den Erfolg und die musikalische Frische von »Emerge« konnten Fischerspooner ohnehin nie wiederholen.

Sieht man von ihrem einzigen Hit und einer Coverversion von Wires »The 15th« ab, findet sich auf dem Erstlingswerk wenig, was in Erinnerung geblieben wäre. Dem Nachfolger »Odyssey« von 2005 hört man dank des verstärkten Einsatzes von Post-Punk-Gitarren eine Weiterentwicklung an, allerdings verließen sich Fischerspooner hier noch sehr auf das Rezept ihres Erstling mit dem immer gleich klingenden Synthesizer-Basslauf in Kombination mit ausdrucksarmem Gesang. Auf dem dritten Album »Entertainment« (2009) versahen Fischerspooner ihre Elektropopsongs dann mit politischeren Texten, aber auch hier blieb das musikalische Ergebnis ohne die ungestüme Energie des Debüts substanzlos und hinterließ keinen bleibenden Eindruck. So gesehen waren die flamboyante Inszenierung des Drumherums und die Nähe zu Performancekunst, Drag und zeitgenössischem Tanz stets herausstechendere Eigenschaften des Projekts als die Musik selbst.

 

Museum Moderner Kunst, Wien

Blick in die im vergangenen Sommer gezeigte Ausstellung »Sir« im Mumok in Wien

Bild:
mumok / Klaus Pichler

 

Für »Sir« nun wurden als Koproduzenten und Co-Songwriter R.E.M.-Frontmann Michael Stipe sowie Beyoncé-Produzent Boots gewonnen. Sie verhelfen dem Gesamtsound hörbar zu mehr Druck und Abwechslungsreichtum.Tatsächlich ist erst beim vierten Track, dem tanzbar-repetitiven »Everything is Just Alright«, zum ersten Mal das ewige Synthbass-Arpeggio zu hören, das die ersten beiden Alben dominierte. Als Vorbote des beim New Yorker Electro­nic-Großlabel Ultra Records er­scheinenden Albums wurde »Have Fun Tonight« nebst Video schon im Juni vorigen Jahres veröffentlicht. Eine nachvollziehbare Wahl, denn die Hommage an polyamouröse Beziehungen versammelt alle Elemente, die »Sir« ausmachen. Casey Spooners Gesang klingt exaltierter und dominanter als zu Electroclash-Zeiten und formuliert, über energische Popstrukturen gelegt, die Kernforderung des Albums: feiern und vögeln! War Fischerspooner schon ­immer eine gewisse sleaziness zu eigen, wird diese nun textlich wie ­visuell in eine Ästhetik der Verschwitztheit und des Rauschhaften überführt, deren Nähe zur Disco- und Cruising-Kultur etwaige frühere Assoziationen mit Post-Punk ablöst. »Top Brazil«, ein weiteres vorab veröffentlichtes Video, kam dementsprechend gleich mit einer Altersbeschränkung daher. In dem Clip wird in einem zwischen Nachtclub und Gay-Sauna changierenden Raum Casey Spooner (mit Freddie-Mercury-Gedenkschnurrbart) von so vielen nackten eingeölten Männern umschlungen, dass nicht wenige Youtube-User sich genötigt fühlten, darauf in den Kommentaren homophob zu reagieren. Der Song ist musikalisch eher banal und reiht lyrisch Klischee an Klischee (»Let’s do it, I go all the way/I know it’s just a game we play«) aneinander, dennoch zeigen die vielen aggressiven Reaktionen, dass Fischerspooner mit ihrer offensiv artikulierten Queerness heute politisch wirkungsvoller agieren als mit ihren vergleichsweise ungelenken Versuchen von Kulturkritik auf dem »Entertainment«-Album. Sie selbst schreiben über »Top Brazil«: »Das Video feiert eine Pop­ästhetik, die üblicherweise für den weiblichen Archetyp reserviert bleibt und macht die männliche Form frei, um sexuell, expressiv und furchtlos zu sein.«

Im Wiener Museum Moderner Kunst wurde diesem Anliegen eine ganze Ausstellung gewidmet. Die ebenfalls »Sir« betitelte Rauminstallation setzte den maskulinen homosexuellen Körper auf großflächigen Videos und Fotografien in Szene. Der Fotograf Yuki James lichtete dafür Bekanntschaften, Kollegen und Grindr-Kontakte Casey Spooners in dessen New Yorker Wohnung ab. Wie in den Musikvideos steht auch hier der Körper des Sängers selbst im Mittelpunkt. Stets mit traurigem Blick und entblößter muskulöser Brust posierend, performt Spooner seine zu gleichen Teilen unentspannt wie exhibitionistisch wirkende Figur zwischen privatem und öffentlichem Begehren.

Auf eine Albumlänge von 13 Tracks gedehnt, wirkt die thematische Beschränkung redundant, einige gelungene Popsongs sind aber auf »Sir« zu finden. Die zweite Single »Togetherness« etwa, die düsterer und brüchiger daherkommt als einige der arg gewollt lasziv klingenden Füller. Solche Momente der theatralen Abgründigkeit stehen Fischerspooner ebenso wie die schweren Synthesizer gut und lassen »Sir« in seinen besten Momenten sowohl im Darkroom als auch auf dem Dance­floor funktionieren. Die Platte ist ein Selbst- und Sendungsbewusstsein ausstrahlendes Lebenszeichen, auf das vielleicht niemand gewartet hat, aber mit dem sich die Band erfolgreich von den Altlasten des Electroclash befreit.

 

Fischerspooner: Sir (Ultra Records)