Pop und Populismus

Keine Lieder über die AfD

Der Rechtspopulismus wird immer populärer. Und was macht der Pop?

In einem Kunst- und Kulturzentrum in Berlin-Mitte betritt die Band Gegenphase an einem Freitagabend Ende Februar die Bühne. In dieser Woche haben Wahlforscher herausgefunden, dass sich die AfD zur beliebtesten Partei nach der CDU entwickelt hat. Zwei Gitarristen, ein Bassist und ein Schlagzeuger in ausgesucht unprätentiösen Jeans spielen im Kulturzentrum Acud Stücke mit Titeln wie »Schatten«, »Verfehlungen« oder »U-Bahn«. Seine innere Zerrissenheit zeigt der Sänger namens Dagobert in Punk-Manier mittels eines silbernen Klebebands, das seinen kaputten Schuh zusammenhält.

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Irgendwann steht er im Publikum herum und tappt mit dem rechten Fuß zur Musik auf den Boden. Er sieht sehr gut aus. Im Remake eines Visconti-Films könnte Dagobert mühelos eine Hauptrolle übernehmen. Er hat mehrere Platten mit Liedern über ersehnte oder enttäuschte Liebe veröffentlicht. Dutzende weitere fertig produzierte Lieder sollen in den nächsten Jahren erscheinen.

Drei Schritte neben ihm wirft Patrick Wagner Blicke auf die Bühne. Andere nicken, um im Rhythmus zur Musik mitzugehen, Wagner jedoch wirft kämpferisch und trotzig seinen Kopf nach vorn. Hinter ihm und seiner derzeitigen Formation Gewalt liegt eine Tour mit den Friends of Gas in ausverkauften Läden. Unterwegs reifte der Plan, ein Album herauszubringen.

»Wir lassen eine Auflage von 500 pressen«, sagt Wagner. »Dann bieten wir sie zum Verkauf an. An einem einzigen Abend, für drei Stunden, und keine Minute länger.«

 

Weder das Club-Publikum noch all die Lieblingsbands, mit denen man in der gemeinsamen WG unter sich bleibt, haben die AfD verhindern können.

 

Wagner ist der John Lennon vom Ostkreuz. Nach der Scheidung von seiner Ehefrau begann für ihn wie für den Ex-Beatle nach der Trennung von Yoko Ono ein längeres verlorenes Wochenende, während dem Wagner »die Decke angestarrt« haben will.
Wie Lennon nach dem Ende der Beatles schreibt Wagner nun Stücke über die Leiden eines Menschenlebens, die sowohl Fremdschämen über die Selbstentblößung auslösen als auch Intensität herstellen. Jeder Song erzählt Wagners ganzes Leben und wird in Urschreitherapie-Lautstärke vorgetragen: »Wir haben uns limitiert.«

Nachdem Gegenphase die Bühne verlassen haben, rücken mehrere Dutzend Mitte-Hipster noch etwas weiter nach vorne, die Spannung steigt spürbar. Das liegt aber weniger an der nun beginnenden Darbietung des musizierenden Kabarett-Ensembles Lunsentrio als vielmehr an dessen Keyboarder Nick McCarthy. Der Musiker hat etliche Jahre bei Franz Ferdinand gespielt, einer Band, die während der Nullerjahre, nach den Strokes und vor den Arctic Monkeys, für eine Saison der heißeste Tipp in der Indierockwelt war. McCarthy ist für die Berliner Szene-Figuren das, was für die Konzertbesucher des Wiener Opernballs die Bauunternehmerbegleiterin ist: ein Promi, der die Konzertgäste in nervöse Unruhe versetzt.

Die steigenden Umfragewerte der AfD dagegen scheinen kaum jemanden aus der Fassung zu bringen. Um herauszufinden, woran das liegt, hilft ein Blick auf die Möglichkeiten, die Musiker heute haben.

Früher bestand die Herausforderung für den einen oder anderen ­darin, eine »Nische zu finden« oder zu »besetzen«, so wie man mal ein Haus besetzt hatte. Inzwischen aber hinterlassen Abende wie der im Berliner Acud den Eindruck, dass weder das Auffinden noch das Besetzen solcher Nischen besonders schwerfällt. Leute auf einer Bühne treffen sich mit den Leuten vor dieser Bühne in der gutgemeinten Absicht, nicht nur an diesem Abend miteinander auszukommen, sondern einander über ganze Lebensabschnitte immer mal wieder zu be­gleiten.

Das Publikum wohnt gewissermaßen mit seinen jeweiligen Lieblingsmusikern zusammen wie in einer WG, mögen sie Gegenphase oder Tocotronic heißen, Gisbert zu Knyp­hausen oder The toten Crackhuren im Kofferraum. Die Band in einem Zimmer, deren Anhänger im anderen. Anlässlich von Auftritten treffen sich beide in der WG-Küche. So bestreiten sie gemeinsam ihr Kulturleben.

Und falls es zwischendurch ­finanziell für die Musiker nicht gut genug läuft, um die WG-Miete auf­zubringen, finden sich helfende Hände.

Die eine Hand gehört den Privatleuten, idealistischen Gönnern oder Sponsoren. Einer Kunstprofessorin zum Beispiel, die einem Musiker jahrelang die Miete zahlt. Einem bildenden Künstler, der die Bezahlung von Wohnungskaution, Schwarzfahrertickets und der Hochzeitsreise übernimmt oder einem Musiker die Zahnbehandlung finanziert, einem Label aus dem finanziellen Engpass hilft oder eine Kunstzeitschrift vor der Insolvenz bewahrt.

Die andere Hand reichen Theater, welche gut subventionierte Jobs ­anbieten, oder das Bundesinnenministerium, wie es sich auf mittlerweile Hunderten von Plattencovern nachlesen lässt. Musiker haben demnach in den vergangenen Jahren zwar nicht immer neue musikalische Entdeckungen gemacht, sich aber einige neue Finanzierungsmöglichkeiten erschlossen. Leider verschwindet die Entdeckerfreude prompt und zuverlässig, wenn es um den Umgang mit aktuellen ­politischen Entwicklungen geht.

Weder das Clubpublikum noch all die Lieblingsbands, mit denen man in der gemeinsamen WG unter sich bleibt, haben die AfD verhindern können.

Doch wenn sich etwa Alice Weidel in Interviews, Podiumsgesprächen und Talk-Runden im Fernsehen als Verkünderin »unbequemer Wahr­heiten« präsentiert, etwa der, dass Migranten dem Staat auf der Tasche liegen, die Leitkultur zerstören und die Deutschen erst von einer Tafel in Essen weg- und dann ganz aus dem Land drängen wollen, scheint das zumindest den Musiker Pierre Baigorry auf Trab zu bringen.

Der Musiker, der als Mitglied von Seeed und als Solokünstler unter dem Namen Peter Fox berühmt geworden ist, arbeitet zurzeit nicht nur an seiner Musik. Er trifft sich auch mit Interviewpartnern, etwa dem Wirtschaftswissenschaftler ­Rudolf ­Hickel, um mit ihm über die Vorteile einer Finanztransaktionssteuer zu sprechen, und sendet das Gespräch im Rahmen seines Podcasts »Politricks«. Es ist gut möglich, dass ein Song oder ein Track oder ein Podcast nicht die Welt verändern kann. Aber ganz sicher die Leute, die den Song, den Track und den Podcast hören.