Das neue Album von Yo La Tengo

Trotzige Schwerelosigkeit

Die tiefenentspannte Indierockband Yo La Tengo veröffentlicht mit »There’s a Riot Going On« ein weiteres zeitlos klingendes Studioalbum.

Klar war bei Yo La Tengo schon von vornherein: Es wird sich wieder um ein gutes Album handeln – das fünfzehnte der Band von Georgia Hubley und Ira Kaplan aus Hoboken, New Jersey. 35 Jahren bestehen sie bereits. Die Zeit, in der man hätte erwarten können, Yo La Tengo würden irgendwann ihre besondere Kraft verlieren und auch mal mittelprächtige Alben veröffentlichen, ist lange vorbei. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass ihr signature sound eine etwas größere stilistische Breite aufweist als es bei den anderen Indierock-Bahnbrechern wie Sonic Youth, Dinosaur Jr. oder Pavement der Fall ist.

 

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Im Unterschied zu manch anderen Veteranen des US-Indierock können Yo La Tengo ohnedies genreübergreifend auch Beach-Boys-Popisten, Byrds-Folkies oder Fleetwood-Mac-Softies das Herz erwärmen.

 

Der Titel »There’s a Riot Going On« ist angelehnt an das gleichnamige, in der Schreibweise minimal abweichende Album voll düsterem psychedelischen Soulfunk von Sly and the Family Stone. Während sich Sly Stone 1971 damit allerdings vom Hippie-Optimismus der sechziger Jahre verabschiedeten, reagieren Yo La Tengo, in einer ähnlich deprimierenden politischen Situation, mit trotziger Schwerelosigkeit und nachdenklicher, aber geradezu sanftmütiger Freundlichkeit. Es gibt auf der Platte dann auch kaum verzerrte Gitarren und wenn doch, dann als dreampoppige Klangteppiche. Dennoch findet sich auf dem Album mit »For You Too« zumindest einer ihrer typischen Indierocker, mit dem treibenden Schlagzeugspiel von Hubley und dem ebenso beharrlichem, unablässigem Bassanschlag von James McNew, während Kaplan mit Stimme und ­Gitarre in andere Sphären driftet und seinem Gegenüber dabei vorsichtig die innige Verbundenheit und Fürsorge anbietet: »For you / when­ever there’s hurt and / when things are uncertain / May­be I could be that guy / I’d like to try.«

Musikalisch ist »There’s a Riot« hingegen von großer, gleichwohl intimer Unaufgeregtheit und klingt zum Teil sogar wie Easy Listening, was bei Yo La Tengo indes aber keinesfalls zu seichten oder austauschbaren Stücken führt. Im Gegenteil waren sie immer schon Meister des Understatement und der aparten Unaufdringlichkeit. Hinzu kommt, dass das Album von John McEntire (zugleich Schlagzeuger der leichtfüßigen, angejazzten Postrock-Bands Tortoise und The Sea & Cake) abgemischt wurde, dies dürfte noch zusätzlich zur Leichtigkeit der Songs beigetragen haben. Aufgenommen und produziert wurde es von der Band selbst.

Ihre regulären Alben erscheinen bereits seit 25 Jahren auf dem bis heute stilbildenden und geschmackssicheren New Yorker Independent-Label Matador. Bisweilen haben Yo La Tengo auch Film-Soundtracks komponiert – etwa für Kelly Reichardts minimalistisches Roadmovie »Old Joy« (2006) mit Will Oldham als Hauptdarsteller – oder Kompilationen mit Coverversionen veröffentlicht, die dann zumeist beim kleinen bandeigenen Label Egon Records ­herauskamen. Das letzte Matador-Album, »Stuff Like That There« von 2015, bestand allerdings auch zu zwei Dritteln aus Covern, die einmal mehr die Vielseitigkeit der Band unter Beweis stellten, da sie sich von Country (Hank Williams) über Funk (Parliament) bis zu Wavepop (The Cure) Songs verschiedenster Musikstile zu Eigen machte.

Im Unterschied zu manch anderen Veteranen des US-Indierock können Yo La Tengo ohnedies genreübergreifend auch Beach-Boys-Popisten, Byrds-Folkies oder Fleetwood-Mac-Softies das Herz erwärmen. Durch die ausgeprägten Harmoniegesänge auf dem neuen Album dürfte dies bei »There’s a Riot Going On« sogar noch stärker der Fall sein. Jedenfalls erweckt dieses unmittelbar den Eindruck: Der Frühling kann kommen! Gleichermaßen eignet sich die Platte als Soundtrack für den Spaziergang im Park, für den Frühjahrsputz oder, noch besser, um sich ein weiteres Mal umzudrehen und genüsslich dösend im Bett liegen zu bleiben, während die Sonne durch die Vorhänge schimmert.

 

Yo La Tengo: There’s a Riot Going On (Matador)