Drei neue Bücher zum NSU

Zehn Morde und kein Netzwerk

Nebenklagevertreterinnen und -vertreter im NSU-Prozess haben in den vergangenen Monaten drei Bücher veröffentlicht. Nicht alle sind wichtig für die Debatte über Rassismus.

Von November bis in den Februar ­trugen mehrere Nebenklägerinnen und Nebenkläger mit ihren Anwältinnen und Anwälten ihre Plädoyers im Münchner Prozess gegen mutmaßliche Mitglieder und Helfer des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) vor. Diese bedeuteten eine wichtige Zäsur im Verfahren, denn sie setzten Themen auf die Tagesordnung, die von anderen Prozessbeteiligten weitestgehend ausgeblendet worden waren. Einige dieser Plädoyers liegen nun in Buchform vor. Ein verbindendes Thema ist Rassismus, wie er in verschiedenen Formen im NSU-Komplex erkennbar ist.

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Mehmet Daimagüler, der Angehörige der in Nürnberg ermordeten İsmail Yaşar und Abdurrahim Özüdoğru vertritt, war einer der ersten, die sich äußerten. Und der erste, der sein Plädoyer als Buch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. Der Berliner Rechtsanwalt legte eine präzise Analyse des NSU-Komplexes, seiner gesellschaftlichen Einbettung und seiner fehlenden Aufarbeitung vor. Bei der Auseinandersetzung mit Rassismus rückt er in den Vordergrund, was sonst – auch in der Linken – nur zu selten Beachtung findet: die eigenen rassistischen Denkmuster, das eigene Versagen, wie Daimagüler es nennt: »Der Kampf gegen den Rassismus muss aber genau da geführt werden: wo er unseren Herzen so nah ist und das Aufbegehren deswegen schmerzt.«

Rassismus versteht Daimagüler als gesamtgesellschaftliches Phänomen. Es habe die Taten des NSU überhaupt erst möglich gemacht: »Die NSU-Mitglieder haben gemordet, weil sie Gedanken zu Ende gedacht und sich selbst als Vollstrecker einer schweigenden vermeintlichen Mehrheit gesehen haben.« Dabei verweist der Jurist nicht nur auf die neunziger Jahre, in denen sich die Mitglieder des NSU-Netzwerks in der damaligen Pogromstimmung radika­lisierten. Er geht in seiner Analyse zurück bis zum historischen Nationalsozialismus – nicht nur, was die Ideologie des NSU angeht.

Daimagüler beleuchtet die gesellschaftlich weit verbreitete Sehnsucht, den Nationalsozialismus und alles, was an ihn erinnern könnte, endlich abhaken zu können. Nicht zuletzt setzt sich Daimagüler mit dem institutionellen Rassismus der staatlichen Behörden auseinander, den die »Überlebenden des NSU« – wie er die Angehörigen der Opfer nennt – zu spüren bekommen haben.

Auch in dem Buch »Kein Schlusswort« analysieren die Autorinnen und Autoren Rassismus auf verschiedenen Ebenen. Die Nebenklagevertreterin Antonia von der Behrens ist Herausgeberin des Buchs, das die Plädoyers von vier Nebenklägerinnen und Nebenklägern und acht ihrer Anwältinnen und Anwälte versammelt, die auf den Prozess unter anderem durch eine Vielzahl akribischer Beweisanträge großen Einfluss genommen haben. In ihren Plädoyers gehen sie auf die Themen ein, die das Gericht und die Bundesanwaltschaft ausgeklammert haben. Eine »Gegenerzählung zum staatlichen Narrativ« nennt die Anwältin Anna Luczak die Plädoyers. Diesem Anspruch wird das Buch gerecht: Wichtige Erkenntnisse zu institutionellem Rassismus, staatlicher Mitverantwortung, zur Ideologie des NSU, zur Größe seines Unterstützungsnetzwerks, aber auch zum gesellschaftlichen Kontext, in dem der NSU entstehen und morden konnte, werden zusammengetragen. Dabei wird einerseits deutlich, wie viele Fakten der Behauptung der Bundesanwaltschaft, es habe sich beim NSU um ein abgeschottetes Trio ohne staatliche Unterstützung gehandelt, entgegenstehen – insbesondere dadurch, dass nachgezeichnet wird, wer alles mutmaßlich zum Netzwerk gehörte. Andererseits verdeutlicht das Buch, wie viele Fragen wegen der fehlenden und verhinderten staatlichen Aufklärung offen sind.

Eine Leerstelle analysieren etwa die Nebenkläger Muhammet Ayazgün und Arif S., die den Nagelbombenanschlag 2004 in der Kölner Keupstraße überlebten: den von ihnen erlebten institutionellen Rassismus. Im Zentrum ihrer Plädoyers stehen weniger die Anschlagsgeschehnisse selbst als die rassistischen polizeilichen Ermittlungen und das Verhalten von Politikerinnen und Politikern wie dem damaligen Bundesinnenminister Otto Schily (SPD). Ayazgün kritisiert, dass von dem, was die Opfer »nach den Anschlägen der Neonazis durch die staatlichen Organe, durch die Polizei, erleiden mussten«, immer noch nicht gesprochen werde.

Ein Kuriosum ist hingegen das Buch »Nazis Inside« von Angela Wierig. Wierig war Nebenklagevertreterin von Ayşen Taşköprü, der Schwester des 2001 in Hamburg ermordeten Süleyman Taşköprü. In ihrem Plädoyer ­entlastete sie den Angeklagten Ralf Wohlleben: Die Schuld an der Beihilfe zu neun Morden sei ihm nicht nachweisbar. Ayşen Taşköprü versuchte daraufhin, ihrer Anwältin das Mandat zu entziehen, und zog sich schließlich Ende Januar vollständig aus dem Prozess zurück. Daher hatte der Prozess für Wierig auch nur »401 Tage«.

Die Hamburger Rechtsanwältin wehrt in ihrem Buch die Auseinandersetzung mit Rassismus ab. Diese Abwehr beginnt bei eigenen rassistischen Denkmustern, darauf spielt sie mit dem Titel »Nazis Inside« an: »Ich habe den Eindruck, es herrscht bei einigen Leuten eine regelrechte Panik, mit ›Rechten‹ in Zusammenhang gebracht zu werden. Vielleicht kommt diese ­Panik aus der Furcht heraus, im Dialog eigene Gedanken wiederzufinden. Diesen kleinen fiesen Nazi inside zu entdecken.« Eine Auseinandersetzung mit diesen eigenen – offenkundig rechten, autoritären – Gedanken findet nicht statt. Dafür schreibt Wierig, sie finde die »Message« eines NPD-Videos »gar nicht schlecht«; zudem werde ihr »schwummerig« angesichts der »Flüchtlingswelle«.

Den Begriff des institutionellen Rassismus lehnt sie ab und leugnet etwa den rassistischen Charakter der polizeilichen NSU-Ermittlungen im Fall Enver Şimşek genauso wie die Existenz von gesamtgesellschaftlichem Rassismus. Dazu muss sie aber manche Fakten schlicht falsch wiedergeben. So schreibt Wierig über die polizeilichen Ermittlungen zum Mord an Enver Şimşek: »Ein türkischstämmiger Blumenhändler wird erschossen aufgefunden. Am helllichten Tag, an einer belebten Landstraße. Es gibt keine Zeugen.« Dabei gibt es drei Zeugen, die Angaben zum Mord an Şimşek machten – was unter anderem bei Daimagüler nachzulesen ist.

Zudem bedient Wierig etwa bei der Darstellung deutsch-türkischer Nebenklagevertreterinnen und -vertreter und Angehöriger der NSU-Opfer bei Rechten gängige Ansichten. Über eine deutsch-türkische Nebenklageanwältin schreibt sie: »Glücklicherweise hat die Kollegin einen eigenen Migrationshintergrund, so dass niemand wagen darf, ihre Sicht der Dinge zu kritisieren, ohne sich dem Rassismusvorwurf ­auszusetzen.«

Über den Vater eines NSU-Mord­opfers schreibt sie: »Mir ist durchaus bewusst, dass Orientalen anders trauern als Deutsche.« So ist Wierigs Buch ein trauriger Beleg dafür, wie wichtig die beiden anderen Bücher sind.

 

 

Mehmet Daimagüler: Empörung reicht nicht! Unser Staat hat versagt. Jetzt sind wir dran. Mein Plädoyer im NSU-Prozess. Bastei Lübbe, Köln 2017, 350 Seiten, 18 Euro
 

Antonia von der Behrens (Hrsg.): Kein Schluss­wort. Nazi-Terror, Sicherheitsbehörden, ­Unterstützernetzwerk. Plädoyers im NSU-Prozess. VSA-Verlag, Hamburg 2018, 324 Seiten, 19,80 Euro
 

Angela Wierig: Nazis Inside. 401 Tage NSU-Prozess. Osburg, Hamburg 2018, 277 Seiten, 20 Euro