Der letzte linke Kleingärtner hält es mit Konrad Adenauer

Keine Experimente

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 37.

Das Wetter und der Kleingärtner – sie sind einander meist spinnefeind. Anfang März war es noch deutlich unter null Grad, dann hat es im maßlosen Überfluss geregnet und mittlerweile ist es hochsommerlich heiß, obwohl noch ein paar Wochen lang Frühling sein wird. Richtig war das ­Wetter in den vergangenen Wochen nicht. Richtig sieht es nur im Durchschnitt am Jahresende aus, was dem Kleingärtner aber der­zeit nicht weiterhilft. Das ist ähnlich wie mit dem mittleren monatlichen Einkommen im Landesdurchschnitt, mit dem sich Armut statistisch bereinigen lässt.

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Am Verhältnis zu meinen vier Hühnern kann die Welt wieder sehen, wie ich als Kleingärtner den kapitalistischen Verwertungszwängen trotze. Bei uns kommt der Gegner – also das Kapital, der Neoliberalismus, das Böse, der Trump und so – nicht durch. Ich und meine Hühner, also meine Hühner und ich, sind ein Bollwerk gegen das Monopolkapital aus »dem letzten Gefecht«.

Wir halten durch. Während Hühner, die auf das Eierlegen gedrillt beziehungsweise gezüchtet wurden, nach 14 bis 16 Monaten geköpft werden und ihren letzten Gang in die Tiefkühltruhe antreten, um später als Suppenhuhn die Verbraucher satt und glücklich zu machen, sind meine schon über zwei Jahre alt. Wie das? Habe ich als Kleingärtner ein besonderes Händchen oder ist es gar meine Aura oder mein Charme? Nichts davon. Und falsch verstandene Tierliebe ist auch nicht der Antrieb, die Hühnchen bis ans Lebensende durchzufüttern. Schon eher das Denken in Kreislaufsystemen, was generell für die Gartenarbeit hilfreich ist. Meine Hühner erbringen für mich einen fünffachen Nutzen: Eier legen, Boden frei scharren, Schnecken fressen, Boden düngen, Lebensmittelreste fressen. Wenn ein Nutzen in geringerem Maß erfüllt wird, stehe ich als Kleingärtner drüber und stecke dies schulterzuckend weg, da bricht der Kreislauf nicht zusammen. Die Leserinnen und Leser dürfen mir dies selbstverständlich gern als Tierliebe und Großzügigkeit anrechnen. Meinetwegen.

Damit in den Köpfen der Leser und Verbraucher nicht so viele Öko-Sentimentalitäten entstehen, noch dies: Auch Biohühner wandern nach etwas mehr als einem Jahr in den Kochtopf oder vorher in die Gefriertruhe. Denn die Quote der gelegten Eier nähert sich dann der betrieblichen Unwirtschaftlichkeit. Auch die Ökos folgen den Gesetzen der Verwertung, denn biologische Landwirtschaft ist zwar ein anderes Anbausystem, aber eben kein anderes Wirtschaftssystem.

Was geht sonst noch im Garten ab? Wie in der vorigen Kolumne versprochen, sind dicke Bohnen und Zuckererbsen längst ausgelegt, wenn auch ein paar Wochen zu spät. Schwamm drüber. Sie haben längst das Licht der Welt erblickt, sprich, sie sind gekeimt und strecken sich zügig der Sonne entgegen. Aus fünf Zentimetern Erdtiefe ist dies nach drei Wochen eine respektable Leistung. Der Boden ist durch die Mitarbeit meiner Hühner hervorragend gedüngt und von Schneckeneiern befreit. Den Rest haben ein paar Schubkarren Kompost beigetragen, den ich regelmäßig zur Bodenverbesserung einarbeite und selbst herstelle und siebe.

Ehrensache. Kein Kleingärtner, der etwas auf sich hält, lässt Kompost von außen kommen. Das ist unter unserer Würde. Nur einmal im Jahrzehnt, wenn im Garten größere bauliche Veränderungen anstehen, oder bei der Neuanlage eines Gartens, darf ein LKW Kompost anliefern. Aber man muss aufpassen: Solche Ausnahmen und zu viel Fremdes im eigenen Garten zerstören schnell die Reputation des Kleingärtners.

Überaus glücklich bin ich mit meinem vorgezogenen Gemüse auf der sonnendurchtränkten Fensterbank. Dafür hat es sich gelohnt, die Blumen abzuräumen. Während ich in den vergangenen Jahren Zucchini und Gurken meist ab Mai direkt in die Beete säte, damit aber nur leidlichen Erfolg hatte, liegt die Wachstumsquote bei 100 Prozent: jedes Saatkorn eine Pflanze. Bei den Zucchini wundert es mich, weil ich sie als Hybridsaatgut kaufte. Es bringt viel Ertrag, ist aber nicht nachbaufähig. Bei den Gurken war die hohe Keimquote vorher abzusehen, da ich das Saatgut selbst nachbaute. Aber 100 Prozent sind auch bei selbsthergestelltem Saatgut nicht zu toppen – was generell für 100 Prozent gilt. Kleingärtner beherrschen die Prozentrechnung.

Wenn ich als Kleingärtner nicht so scheißkonservativ wäre, sondern eine Spielernatur, würde ich die Zucchini- und Gurkenpflanzen schon dieser Tage ins Freie verpflanzen. Es könnte gutgehen, die Temperatur passt. Aber meist gibt es bis Anfang Mai noch den ­einen oder anderen kälteren Tag, was keineswegs Minustemperaturen bedeuten muss, aber doch fünf Grad oder so. Dies reicht, um Zucchini- und Gurkenpflanzen den Todesstoß zu geben. Ja, den Todesstoß, denn Pflanzen haben ein Seelenleben und wollen zartfühlend behandelt werden. Als Kleingärtner achte ich darauf. Um den 10. Mai herum kommen die Zucchini und Gurken ins Freie. »Keine Experimente« – das wusste schon die CDU unter Konrad Adenauer in den fünfziger Jahren. Und der hat schließlich immer gewonnen.

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