Was kümmert mich der Dax - Maria statt Jesus?

Mehr Madonna

Kolumne Von

Der deutsche Katholizismus hat ein Problem. Er ist nur ein notdürftig getarnter Protestantismus, der den amtlichen Stempel dem Zauber des mystischen Irrationalismus vorzieht. Noch hinter der »Entschädigung und Kostenpauschale für die Mitglieder des Bayerischen Landtags« findet sich auf Seite 281 des Bayerischen Gesetz- und Verordnungs­blattes der berüchtigte »Kreuz-Erlass« Markus Söders. Wenn er am 1. Juni in Kraft tritt, wird jeder Behördenleiter in protestantischem Untertanengeist ein Kreuz aufhängt haben.

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Vor dem Kreuz andächtig Betende wird man aber wohl nicht erblicken. Wie heruntergekommen der deutsche Katholizismus ist, zeigt sich schon daran, dass niemand gefragt hat, warum es statt des Kreuzes nicht mal eine Madonna sein darf. Martin Luther entzog der Gottesmutter Maria, der einzigen heilsgeschichtlich relevanten Frau, die Verehrung. Nun lassen sich die bayerischen Katholiken vom Lutheraner Söder gegen Maria, die Patrona Bavariae, führen.

In Andalusien geht es noch anders zu, und das nicht nur in der Semana Santa, der heiligen Osterwoche. So wurde in Malaga am 26. Mai des 150. Jahrestages der Proklamation der Santa María de la Victoria als Schutzheiliger gedacht. Zu diesem Anlass trug man in aufwendigen Prozessionszügen in jahrelanger Arbeit hergestellte prächtige Marienbildnisse kilometerweit durch die Stadt – während Real Madrid ­gegen Liverpool spielte. Bei knapp 30 Grad in einem schwarzen Anzug in dichtgedrängten Reihen einen dieser tonnenschweren Altäre zu schultern, ist kein Vergnügen. Ins Schwitzen gerät man auch bei der schwierigen Aufgabe, mit einer mehr als fünf Meter langen gebogenen Metallstange erloschene Kerzen auf dem schwankenden Marienthron wieder anzuzünden. Der heilige Ernst wird dabei ständig gebrochen – hier brabbelt ein Mönch in sein Smartphone, dort prüft ein Träger mit der freien Hand, ob sein ­gegeltes Haar noch richtig sitzt. Nörglerinnen und Nörgler mögen einwenden, dass der spanische Katholizismus eine Hochburg der Reaktion und die Marienverehrung eine patriarchale Ideologie ist, deren Keuschheitskult sich ins Wahnhafte steigern kann. Sie haben natürlich recht. Der Katholizismus gestattet aber eine fröhliche Sündhaftigkeit und der Marienkult drängt den Gläubigen immerhin zur Sublimierung und Ästhetisierung seines Machismo.

Die Inquisition ist auch nicht mehr das, was sie einmal war, doch wäre für Bayern ein Autodafé, ein Glaubensakt, wünschenswert. Den Bayern sei auferlegt, für jedes in einer Behörde aufgehängte Kreuz in einer Prozession mindestens ein Marienbildnis zu tragen. Sie sollten die Bürde ihres Glaubens wenigstens einmal selbst spüren.