Das Medium - Kaffeekultur an deutschen Raststätten

Schokozeugs und Extraschaum

Kolumne Von

Nachts auf der Autobahn erlebt man interessante Dinge. Tagsüber natürlich auch, zumindest wenn man Staus und darin stehende, in der Nase bohrende Autofahrer interessant findet. Nachts wird dagegen meistens ohne Unterbrechung gefahren, oder gerastet, was weniger geruhsam ist als am Tag, denn angehalten wird nur, wenn das Auto Treibstoff braucht oder der Mensch Kaffee.

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Nun sind die Zeiten, in denen Nachtaktive an Rasthöfen braune Brühe verkauft bekamen, die gegen 17 Uhr aufgesetzt wurde und seither vor sich hinköch­elte, ähnlich lange vorbei wie die, in denen es als Menschenrecht galt, nicht fürs Pipimachen bezahlen zu müssen. Heute haben hochmoderne Kaffeeautomaten Einzug in die Raststätten gehalten, an denen man für vierfuffzich jede nur vorstellbare Sorte plus Vanille-Geschmack, Schokozeugs und Extraschaum kaufen kann. Oder könnte: Bei meinem letzten Aufenthalt in einer dieser Raststätten offenbarten mir die ratlosen Blicke von Angehörigen der U.S. Army, die um die Wundermaschine herumstanden, dass irgendetwas nicht funktionierte. Irgendwann gaben sie auf. Das Problem bestand darin, so zeigte sich rund eine halbe Minute später, dass man kein Geld mehr in das Kaffeedingens werfen konnte, was schlecht ist, weil kein Geld, kein Kaffee.

Tja, da könne er leider auch nichts machen, bedauerte der Raststättenangestellte, das Dingens sei nämlich randvoll mit Münzen und müsse erst geleert werden, was aber ­nur am kommenden Morgen gehe, weil der Schlüssel dafür im Büro sei und das sei nachts abgeschlossen. Aber es gebe ja auch noch anderen Kaffee, fügte er hinzu, und zeigte auf eine Maschine, der ein sehr unschön säuerlich-angebrannter Geruch entstieg. Die Nachtwelt, sie ist nach wie vor höchst unvollkommen eingerichtet.

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