Platte Buch - Christian Y. Schmidt: Der letzte Huelsenbeck

Unter Strom

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Nach der Beerdigung seines Freundes Viktor in Berlin wird der Journalist und Hobbyornithologe Daniel, der vor Jahren nach Ostasien ausgewandert ist, von seiner Vergangenheit eingeholt. In den siebziger Jahren gründete er mit Viktor und zwei Freunden die »Huelsenbecks«, eine vom Neodadaismus inspirierte Gruppe, die mit absurden Aktionen zwischen Hedonismus und Revoluzzertum subtilen Widerstand gegen die Verhältnisse leistete.

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Irgendwann landeten die vier in Amerika. Doch Daniel wird das Gefühl nicht los, dass auf dieser Reise etwas Merkwürdiges passiert sein muss, an das er sich nicht erinnern kann und das ihm nun Schlaf und Verstand raubt. So irrt er psychisch lädiert durch die Gegend und versucht zu ergründen, was er so lange verdrängt hat. Er therapiert sich mit Rauschmitteln, landet bei einem skurrilen, von David Lynch besessenen Psychiater, der ihn mit der Methode »Cooper« heilen will, taucht bei seinen Jugendfreunden in der Provinz auf und versucht so, den Abgründen seines eigenen Lebens auf die Schliche zu kommen.

Christian Y. Schmidt ist mit seinem rasanten Roadtrip ein zwischen Ironie und Wehmut changierendes Porträt einer zerrissenen Persönlichkeit gelungen, deren Sinnsuche existentielle Fragen aufwirft. Man fühlt sich an die Beat-Prosa Jack Kerouacs erinnert oder an den harten Jargon eines Jörg Fauser. Das fiktive und wilde Universum, das der Autor erschafft, strotzt vor unkonventionellen Gedanken und Dialogen und ist mit (pop)kulturellen Referenzen gespickt.

Der Text ist ein so dichter stream of consciousness, dass man bei der Lektüre den Eindruck gewinnt, man befände sich im Kopf der Titelfigur. Was den Roman auszeichnet, ist die kantige und atemlose Sprache, die der inneren Unruhe und Getriebenheit des Helden entspricht. Als Zeuge dieser Reise steht der Leser bis zum Schluss selbst unter Strom und fühlt sich nach der Lektüre in der Tat wie nach einem David-Lynch-Film: verwirrt und mit dem Gefühl, aus einem intensiven Traum erwacht zu sein.

 

Christian Y. Schmidt: Der letzte Huelsenbeck. Rowohlt 2018, Berlin, 400 Seiten, 22 Euro