Klassenkampf - Endlich Ferien

Die Liste überlisten

Kolumne Von

Es ist alles erledigt. Alle Arbeiten sind korrigiert, die Noten vergeben und die Zeugnisse geschrieben, die Schülerinnen verabschiedet und die Blumensträuße verteilt – wir haben Ferien. Es ist nichts erledigt. Auf meinem Küchentisch liegt eine lange Liste, die ich gleich am ersten Ferientag verfasst habe, mit all den Dingen, um die ich mich jetzt, wo ich Ferien habe, endlich kümmern sollte. Kann. Darf. Es steht Sinn­volles und Schönes auf der Liste, wie zum Beispiel »jeden Tag kochen« und »Sport machen« und »in Ruhe Zeitung lesen«. Natürlich stehen auch sinnvolle und unschöne Dinge dort, wie »endlos aufgeschobene Arzttermine abmachen und einhalten« und »Konzept für den Abtrag des Gebirges schmutziger Wäsche ­entwickeln« und »dem Steuermenschen endlich die ganzen Zettel geben, die er seit einem halben Jahr gerne haben möchte (falls die sich unter dem Wäschegebirge anfinden sollten)«. Seit ich die Liste verfasst und auf den Küchentisch gelegt habe, sitze ich ihr gegenüber, auf der anderen Seite des Küchentischs, und beobachte sie.

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Nein, nein, das wird nicht langweilig, man muss sich das vorstellen wie eines dieser Fußballspiele, die jetzt alle immerzu anschauen, eines, bei dem ein ­Unentschieden ausgeschlossen ist und die Verlierermannschaft unwiederbringlich aus dem Turnier ausscheidet und in dem es aber die ganze Zeit unentschieden steht: Die Spannung steigt mit jeder Minute. Denn mit jedem Ferientag, an dem ich nichts von der Liste streichen kann, also sozusagen kein Tor geschossen habe, steigt die Spannung, ob ich es bis zum Ende der ­Ferien noch schaffen werde, überhaupt irgend­etwas Sinnvolles zu erledigen. Für mich ist das durchaus ­fesselnd, außerdem kann man nebenbei gut Netflix gucken, Kaffee trinken und Nägel schneiden. Momentan ist das Spiel noch nicht so recht in Gang gekommen, allerdings befinden wir uns ja umgerechnet erst so etwa in der achten Spielminute. Ich lasse es also noch entspannt angehen und verlasse häufig den Spielplatz, um den Verlockungen des Sommers zu erliegen und mich mit Bier, Barbecue und Birkenhain zu vergnügen. Aber schon in wenigen Tagen werde ich anfangen, über mögliche Auswechselungen einzelner Körperteile nachzudenken, um dann am Ende der Ferien mit dem Schiedsrichter, also mir selbst eigentlich, darüber zu verhandeln, ob man nicht ausnahmsweise und regelwidrig mein ganzes Gehirn austauschen kann. Das Elfmeterschießen wird bis dahin erfahrungsgemäß allerdings kaum noch abzuwenden sein. Die Liste wird derweil natürlich nur herumliegen und noch weniger zum Spiel bei­tragen als ich, aber sie hat das halt auch nicht ­nötig, sie beherrscht das Spielfeld ja allein schon durch ihre körperliche Präsenz. Womit sie allerdings nicht gerechnet hat: Den »Klassenkampf«, den kann ich jetzt schon mal streichen. Nimm das, Liste!