Benutzen Sie das Mobiltelefon noch, um mit anderen zu sprechen, und wenn ja, warum?

Kommunizieren, aber wie?

Lässt sich Kommunikation heutzutage vollständig über Instant Messaging abwickeln? Eine Chatterin und ein Telefonierer berichten.

Anrufer sind Angreifer

Am 3. Dezember 1992 veränderte Neil Papworth mit nur zwei Worten die Welt. Der 22jährige britische Ingenieur tippte in einen Computer die erste SMS der Weltgeschichte ein: »Merry Christmas« stand darin. Ein Vodafone-Manager, der sich gerade auf einer Weihnachtsfeier befand, bekam die Textnach­richt auf einem Orbitel TPU 901. Fast 30 Jahre später gehören SMS zur Vorgeschichte der digitalen Kommunika­tion, die heutzutage unseren Alltag bestimmt.

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Ich bin keine digital native, im Haus meiner Eltern stand das Scheibentelefon im Wohnzimmer. Meinen ersten eigenen PC hatte ich mit 17. Mir war schon immer ein Rätsel, warum davon ausgegangen wird, dass diejenigen, die in der durchdigitalisierten Welt aufwuchsen, gekonnter mit den neuen Kommunikationstechnologien umgehen als wir, die digital immigrants, denen ­unterstellt wird, sie müssten sich erst in die neue Technik »einfinden«.

Meine Generation ist die letzte, die sich noch erinnern kann, »wie es ohne Smartphone war«. Ja. Es war furchtbar. Ich könnte jetzt eine Liste vieler Situa­tionen verfassen, die man heute ganz bequem per Messengerdienst klären kann und die damals, »als es noch kein Smartphone gab«, halbe oder ganze Katastrophen hätten auslösen können – angefangen bei ganz simplen Fragen wie: »Wann kommst du?« Anstatt mit solchen Banalitäten zu langweilen, möchte ich hier den eigentlichen Grund nennen, warum mein Leben extrem an Qualität gewonnen hat, seit ich mit dem Telefonieren weitestgehend aufgehört habe.

Seit ich nicht mehr telefoniere, kommuniziere ich nicht nur viel mehr, ­sondern auch viel besser.

Eingehende Anrufe empfinde ich fast als einen Angriff auf meine Person. Die physische Nähe, die durch die Stimme simuliert wird, ist rücksichtslos und übergriffig. Niemand hat mich gefragt, ob ich vielleicht gerade etwas Wichtigeres zu tun habe, als in diesem Moment meine Aufmerksamkeit auf den Anrufer oder die Anruferin zu richten. Sie platzen einfach rein und klingen meist so, als wäre ihnen das nicht mal bewusst. Wenn mich ­äußere Umstände dazu zwingen, selbst doch ein Telefonat zu tätigen, versuche ich wenigstens immer, schriftlich anzukündigen, dass ich jetzt bald an­rufen werde, und frage höflich, ob das passt – wobei es sich meist um den letzten Versuch handelt, die Sache doch bitte schriftlich zu klären.

Um diesen Gefühlszustand zu beschreiben, gibt es auf Deutsch das ziemlich altbackene Wort »Lampenfieber«; der englische Begriff, perfomance anxiety bringt eher auf den Punkt, um was es dabei geht: nämlich ganz einfach ums Scheitern. Jetzt werden natürlich die Extrovertierten unter Ihnen mit einem süffisanten Lächeln weiterblättern. Angst? Vor einem Telefongespräch? Ja. Etwa davor, mit Unerwartetem konfrontiert zu werden und ­keine Zeit für eine angemessene Reaktion zu haben. Davor, nicht eloquent genug zu sein.

Davor, mein Gegenüber nicht zu verstehen – das Problem kennen vielleicht Expats, die sich immer in einer Fremdsprache artikulieren müssen, egal wie gut sie diese beherrschen –, und schließlich davor, dass man mir diese Angst anmerkt. Auch in der Nähe telefonierender Menschen geht es mir ähnlich, egal, ob sie neben mir in der U-Bahn sitzen oder im Großraumbüro nicht nur dienstliche, sondern auch private Anrufe tätigen – wenn du Pech hast, will der kommunikationsfreudige Kollege dich auch am Inhalt des soeben geführten Gesprächs teilhaben lassen.

Ich habe sämtliche Töne meines Smartphones stummgeschaltet. Das betrifft Anrufe, SMS, Chat-Nachrichten und Benachrichtigungen aller Art. Wenn ich wissen will, ob jemand mir etwas mitteilen möchte, nehme ich mein Smartphone in die Hand und sehe nach. Ich lasse mich nicht überraschen, ich entscheide selbst, wann welche Kommunikation auf welchem Weg statt­finden darf – Stichwort Selbstbestimmung.

Seit ich nicht mehr telefoniere, kommuniziere ich nicht nur viel mehr, ­sondern auch viel besser. Ich kann Nachrichten hundertmal lesen, nachdem ich sie bekommen habe und bevor ich sie verschicke; ich habe die großartige Hilfe von Emojis, die manchmal ganze Sätze ersetzen können, ohne dass ich in die Verlegenheit komme, sie aussprechen oder aufschreiben zu müssen.

Unter vielen digital immigrants hält sich die Annahme hartnäckig, private oder gar intime Angelegenheiten gehörten nicht in einem Chat. »Lass uns ­bitte wirklich darüber reden«, kommt dann irgendwann. Jedes Mal frage ich mich: »Warum?« Wenn ich nachfrage, stelle ich in den meisten Fällen fest, dass es nicht etwa um berechtigte Privacy-Gründe geht, sondern dass Chatten nicht als »richtige« Kommunikation angesehen wird. Es gilt als etwas Minderwertiges und irgendwie Albernes.

Ich habe die schönsten Liebes­­erklärungen meines Lebens per Chat ­erhalten. Sind sie deshalb weniger schön? Liebt mich die Person, die sie geschrieben hat, nicht »wirklich«? Ist die Freude, die mir diese Worte bereiten, nicht echt? Wenn ja, möchte ich gerne wissen, warum. Aber auch das werde ich vermutlich nicht schriftlich erfahren dürfen, sondern in einem »richtigen Gespräch«.

 

Federica Matteoni

 

 

Nie wieder blaue Haken

Gerade war ich zwei Stunden in einem Meeting. Ich schaue auf mein iPhone und es ist fast alles grün. Ich scrolle durch die Push-Nachrichten. Verabredungswünsche, kurze Nachfragen zu bestimmten Projekten, ein Kuss-Emoji von Isa, ein Zwinkersmiley von Paul, der mich daran erinnern soll, dass ich ihm noch 20 Euro Zeche schulde. Zwischen die grünen Icons mischt sich ein weißblaues – die Frage einer Freundin über den Facebook-Messenger, ob ich mein Posting über das freie Zimmer öffentlich stellen könne, damit sie es teilen kann. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Meeting bereuen soll oder eher mein knapp 120 Gramm leichtes Kommunikationsmonstrum in der Hosentasche.

So oder so, es wird kommuniziert, und zwar viel und auf allen Kanälen. Die einzigen, die sich zumindest in diesen Minuten glücklich schätzen können, sind die 17 Menschen, die ihr Anliegen aus dem Kopf und in die diversen Messenger geschoben haben.

Ich bekomme jeden Tag mehrere Nachrichten, in denen nur ein Wort steht, wie »Na?« oder »Huhu!«; wenn ich dann anrufe, wird nicht rangegangen.

Schließlich haben sie alle ihre Reminder, Fragen, Anmerkungen, Wünsche und was auch immer ihnen in der ­Sekunde des Absendens auf der zarten Seelen brannte, zu mir »rüberkommuniziert«. Daraus erwächst gemeinhin die Verpflichtung, sofort zu antworten. Stichwort: blauer Haken. Instant Messaging halt.

Eine der Nachrichten enthält lediglich ein Fragezeichen, weil ich auf den Zwinkersmiley bisher nicht reagiert habe. Als hätte ich wegen 20 Euro ­meine Telefonnummer gewechselt oder wäre gar in den Kongo ausgewandert. Ich beginne zu antworten.

Ich halte mich kurz, meine Daumen sind riesig und außerdem laufe ich zum Auto. Ich antworte auf den Zwinkersmiley und das Fragezeichen mit einem Ausrufezeichen, und noch während ich eine weitere Nachricht beantworte, bekomme ich schon eine empörte Antwort auf mein Ausrufezeichen. Ein Ausrufe­zeichen sei ja nun wirklich keine adä­quate Antwort auf seine berechtigte Nachfrage. Ach, denke ich, und außer zwei blauen Haken bekommt mein Gläubiger keine weitere Reaktion.
Susi möchte von mir wissen, wie es mir geht. Sie meint diese Frage in der Tat ernst – auch wenn sie über Whatsapp gestellt wurde. Ich möchte aus­giebig antworten, doch meine Daumen sind zu groß. Ich schreibe also einfach: »Löppt!« Das stimmt zwar nicht, aber mit viel Glück entgehe ich weiteren Nachfragen.

Der Motor läuft, ich habe alles irgendwie beantwortet, oder besser: Ich habe alle Bälle zurückgespielt, denn eines wird mir wie so häufig klar – mit Kommunikation hat das im Grunde nichts zu tun. Mit viel gutem Willen könnte man es gerade noch als Trivialkommunikation bezeichnen. Ein Dialog kommt nicht wirklich zustande.

Neulich traf ich eine Freundin zum Abendessen, sie stieg in mein Auto und wir freuten uns, einander zu sehen, wir lächelten uns an. Allein dieser ­Moment hatte mehr Inhalt als jeder Chat. Wir redeten auf dem Weg zum ­Restaurant ununterbrochen über alles, was seit unserem letzten Treffen geschehen war. Wir waren bei einem dieser superlauten Italiener. Wir mussten also laut reden und doch konnten wir uns gut verstehen. Ihre Augen, ihr Mund, auch ihr ganzes Gesicht mit all der Mimik nahmen an der Unterhaltung teil.

Wir haben uns in zwei Stunden ­alles erzählt, was es Neues gab. Hätten wir das in einem Chat versucht, hätte es wahrscheinlich ein halbes Jahr gedauert. Und wir hätten uns mehrmals gestritten, weil wir uns falsch verstanden hätten. Allein schon, wie gehetzt man tippen muss, während man beim Antworten sieht, dass der andere schon wieder schreibt. Das ist so, als würde ­einem der Gesprächspartner ins Wort fallen, oder schlimmer, als würde man über seine Antwort nicht mal nachdenken. Ich bekomme jeden Tag mehrere Nachrichten, in denen nur ein Wort steht, wie »Na?« oder »Huhu!« (ist das überhaupt ein Wort?); wenn ich dann anrufe, wird nicht rangegangen. Man wollte eigentlich gar nicht reden, sondern nur ein bisschen rumchatten. Aha. Ich bleibe dabei, ich rede am liebsten mit Menschen, wenn ich ihnen in die Augen schauen kann. Zwinkern kann ich auch ohne Emoji.

Ich habe jetzt alle bisherigen Messenger gelöscht und bin zu Threema ­gewechselt, da hat man wenigstens seine Ruhe, etwa wie am Info-Point im Baumarkt.

 

Fabian Roemer