Homestory #31


Andere fahren in den Urlaub. Die Redaktion der Jungle World produziert eine Zeitung, denn the show must go on. Damit die treuen Abonnentinnen und Abonnenten nach mehrwöchigem Sommerurlaub einen Stoß Jungle Worlds zum Altpapier tragen können. Ein bisschen schade ist das schon, oder? Die schöne Zeitung, einfach in den Müll. Das muss natürlich nicht sein! Der eine oder die andere wird das Abo noch rechtzeitig umabonniert haben, damit der deutschnationale Flakhelfer-Opa oder der Antiimp-Onkel, der früher für Waffen für El Salvador gesammelt hat und heute Putin und Assad die Treue hält, sich ein paar Wochen lang ihre restlichen Haare raufen können. Oder damit die voriges Jahr beim G20-Gipfel frisch politisierte Lieblingscousine mal etwas Neues liest. Und für genau diese Lieblingscousine, den Flakhelfer-Opa und den Antiimp-Onkel sowie für ein paar Kioskkäuferinnen müht sich bei bestialischer Hitze die um einige Urlaubsfälle dezimierte, wieder einmal am Limit arbeitende Restredaktion, eine genau so schöne Zeitung zu machen wie sonst auch.

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Aber die Redaktion fährt ja auch bald weg. Und zwar noch Georgien – die Planung läuft schon auf Hochtouren. Gerade noch rechtzeitig hat die Geschäftsführerin ein riesiges Debakel verhindert, weil sie zufällig bei der Fluggesellschaft angerief – und nebenbei erfuhr, dass der ursprünglich gebuchte Flug »leider gecancelt« worden sei. Ach so? Und wann wollte die werte Fluggesellschaft ihren Passagieren das mitteilen? Inzwischen haben die Redaktionsmitglieder neue Flüge, aber ein gewisses Misstrauen bleibt.

Dafür werden zwischen Auslands- und Themaressort bereits eifrig die Reiseführer herumgereicht. Darunter natürlich einer der beliebten Marke »Lonely Planet«, das must für den mondänen Backpacker beziehungsweise die mondäne Backpackerin. Der Band deckt Georgien, Armenien und Aserbaidschan in einem ab, sozusagen im Kaukasus-Sparpaket. Übersichtlich, verständlich – und ein wenig trivial. Alle Orte, denen darin mehr als ein Absatz gewidmet ist, sollte man meiden, da sie erfahrungsgemäß von »Lonely Planet«-Backpackern überrannt sind. Aus Spaß hat sich die Redaktion zusätzlich einen etwas umfangreicheren deutschsprachigen Reiseführer gegönnt – und der ist tatsächlich ausschließlich für Georgien. Aber zugleich ein wirklich zweifelhaftes Vergnügen. Wie bei deutschsprachigen Reiseführern üblich handelt es sich dabei um ein sprachlich unterirdisches, offenbar völlig unlektoriertes Machwerk, in dem Rassenbiologie und Ethnokitsch so munter und unbekümmert daherkommen, dass es beim Lesen weh tut. Eingangs heißt es, dass »die meisten Georgier zum Typ des südeuropäischen- bzw. Mittelmeermenschen« zählen (gemeint sind braune Augen, dunkle Haut und Haare). Über die orthodoxe Kirche liest man selbstverständlich kein schlechtes Wort. Was tun mit dem Buch? Den Kohleofen kann man damit vorerst jedenfalls noch nicht befeuern.