Small Talk mit Julia Benz von der »Psychiatriekritischen Gruppe Bremen« über die Reform der Bremer Psychiatrien

»Brutale Realität«

Vergangene Woche, fünf Jahre nach der Reform der Bremer Psychiatrien, zog die Gesundheitsdeputation des Landes Bremen Bilanz. Mehrere Gruppen protestierten. Sie halten die Zustände in Psychiatrien und Forensiken in dem Bundesland keineswegs für fortschrittlich. Die Jungle World hat mit Julia Benz von der »Psychiatriekritischen Gruppe Bremen« gesprochen
Small Talk Von

Am Donnerstag vergangener Woche hat Ihre Gruppe eine Protestaktion zum Zustand der Psychiatrie veranstaltet. Worum ging es?
Anlass war die Sondersitzung der Gesundheitsdeputation des Landes Bremen »zum Stand der 2013 von der Bremer Bürgerschaft beschlossenen Psychiatrie­reform«. Es existiert ein krasser Widerspruch zwischen dem vom Politik- und Medizinbetrieb gemeinsam gezeichneten Idealbild einer menschenfreundlichen, fortschrittlichen Psychiatrie in Bremen und der brutalen Realität, die Psychiatrisierte und Zwangs­psychiatrisierte tatsächlich erleben. Auf dem Bremer Marktplatz und vor den Türen der Deputationssitzung haben wir mit Megaphon, Kreide, Schildern und Transparenten auf das Komplott von Psychiatrie, Justiz, Senat und Politik aufmerksam gemacht und unsere Forderungen kundgetan. Dazu gehört eine unabhängige Beratungs- und Beschwerdestelle für das Bremer Psychiatriewesen.

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Ihre Gruppe beschäftigt sich seit Jahren mit der Bremer Forensik. Wie kam es dazu?
Wir haben verschiedene Gründe dafür, uns mit der Kritik an der Psychiatrie zu beschäftigen. In Bremen wurden mehrere Menschen gemeinsam auf die Forensik Bremen-Ost aufmerksam, weil eine bekannte Person in die Fänge der Bremer Wegschließmaschinerie geriet. Was sie erlebte und was wir seitdem erfahren haben, war Anlass, gegen die Zwangspsychiatrie vorzugehen. Nicht nur Forensiken, auch Allgemeinpsychiatrien sind Tatorte.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Das System Forensik ist auf Unterdrückung und Deformierung der Person, Repression und Zwang aufgebaut. Wir kritisieren, dass im Namen von Therapie und Resozialisierung Machtmissbrauch, Willkür und Gewalt zum »therapeutischen« Alltag gehören. Psychiatrische Gutachten, unbefristete oder zu lange Unterbringungen, fehlende oder schlechte Therapien, ungenügend Möglichkeiten, Schulabschlüsse nachzuholen, langes Warten auf Facharzttermine, Zwangsbehandlungen und Zwangsmedikamentierungen, Absonderungen, Isolationshaft, fehlende Perspektiven, Zerstören von Menschen. Die Liste ist lang, die Vorwürfe sind schwerwiegend.

Vergangenes Jahr sorgte ein Todesfall in der Bremer Forensik für Schlagzeilen. Hat sich seitdem etwas verändert?
Nein, niemand übernahm Verantwortung für Ahmets Tod, der 2017 den Versuch einer Absonderung in Bremen-Ost nicht überlebte. Es gab weder personelle Konsequenzen, noch ermittelten Polizei und Staatsanwaltschaft objektiv. Nur wenige Wochen später wurde ein Inhaftierter auf derselben Station über einen Zeitraum von mehreren Wochen überwiegend hand- und fußfixiert abgesondert. Es kam zu menschenunwürdigen und rechtswidrigen Situationen.

Sind die kritisierten Probleme Folge des Personalabbaus?
Die Haltung und Macht der Klinik und ihres Personals gegenüber den unter »Fürsorge« stehenden sogenannten Patientinnen und Patienten ist das Problem. Forensik ist ein Geschäftsmodell, das wächst und aufrüstet. Da wäre es paradox, für die Forensik mehr Personal zu fordern. Inhaftierte, die über Verhältnismäßigkeiten hinaus weggesperrt sind, müssen entlassen werden. In Zeiten, in denen neue Polizeigesetze und neue Psychisch-Kranken-Gesetze verabschiedet werden, ist es ein elementarer Kampf, die Stimme gegen das psychiatrische Establishment zu erheben.