Homestory

Homestory #34

Jedes Jahr bricht in der Redaktion in der Woche vor dem Abflug das Reisefieber aus. Wie ist das Wetter am Zielort? Können die da kochen? Wie steht es um die Wein-, Brau- und Destillierkultur? Alles, was man zu diesen Themen hört, lässt auf einen wunderbaren Aufenthalt hoffen. Es wird sonnig, aber nicht zu heiß, die georgische Küche hat einen hervorragenden Ruf, ebenso der Wein und der Chacha, der georgische Grappa. Die Berglandschaften sind schön, man kann im Schwarzen Meer baden, und rechtzeitig vor unserer Ankunft hat das Verfassungsgericht Cannabis legalisiert. Doch halt! Da war doch noch was. Richtig, wir müssen ja auch eine Zeitung produzieren. Das ist eine Tradition, mit der wir auch dieses Jahr nicht brechen wollen, zumal es – mag es nach dem Chacha-Probierabend auch mal lästig sein – ja Spaß macht, sich in einem Land umzuschauen, mit dem man sich zuvor allenfalls sporadisch befasst hat. Kontakte wurden bereits geknüpft, Expertinnen und Experten in Berlin ausgefragt oder nach Tiflis eingeladen.

Anzeige

Das Schöne am Journalismus ist ja, dass man ständig etwas dazulernen kann – wenn man es denn will. Manchmal werden auch fast vergessene Dinge wieder interessant. Ältere Redakteure, die in einer Zeit sozialisiert wurden, als man in der radikalen Linken kaum mitreden konnte, wenn man nicht wenigstens ein paar Schnellkurse »Einführung in den Marxismus« und »Geschichte der Oktober­revolution« absolviert hatte, fragen sich: Was war doch gleich die »georgische Affäre«? Und, was damals als kleinbürgerlicher Reformismus gegeißelt worden wäre: Waren die Menschewiki wirklich so finstere Konterrevolutionäre? Deren georgische Republik würde ihren 100. Geburtstag feiern, wenn die Bolschewiki, angeführt und auch an der Nase herumgeführt vom berühmtesten Sohn des Landes, Josef Stalin, nicht einmarschiert wären. Stalins Todestag jährt sich übrigens zum 65. Mal, und es gibt noch weitere Jubiläen: das zehnjährige des Kriegs mit Russland und das 15jährige der Rosenrevolution.

»Es gibt sie noch, die Revolution – zumindest in Georgien«, stand damals in der Jungle World. Ein für unsere Verhältnisse ungewöhnlich optimistischer Satz. Allerdings: »Die drei Hauptfiguren der Oppositionsbewegung wurden von Schewardnadse (dem damals gestürzten Präsidenten) selbst in die Politik eingeführt« – so richtig optimistisch fiel der Artikel dann doch nicht aus, und vier Jahre später hieß es: »Die Rosen sind verblüht«.

Statt im Rosengarten tummeln sich die Unzufriedenen nun offenbar in den Techno-Clubs, einer Razzia im »Bassiani« im Mai folgten jedenfalls heftige Proteste. »Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution, «, lautet ja ein beliebter linkshedonistischer Sinnspruch. »Wenn ich nicht tanzen kann, könnt ihr was erleben«, ist nun offenbar ein Motto in Georgien. Um die politischen Implikationen der »Techno-Revolte« werden sich die jüngeren Redakteurinnen und Redakteure kümmern, die noch das nötige Durchhaltevermögen (Hilfsmittel in Pillen- oder Pulverform hat das Verfassungsgericht nicht legalisiert) für den Tanz bis zum Morgengrauen haben.