Julian Heigel, alternativer Bestatter, im Gespräch über Familie, Glauben und die Pläne für seine eigene Beerdigung

»Mich interessiert das Rituelle«

Julian Heigel hat sich in Berlin als alternativer Bestatter selbständig gemacht. Mit seiner Firma Thanatos, benannt nach dem Gott des Todes in der griechischen Mythologie, ist er auf queere Bestattungen spezialisiert. Mit der »Jungle World« sprach Heigel über Familie, Glauben und die Pläne für seine eigene Beerdigung.
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Der Service, den Sie anbieten, heißt »selbstbestimmtes Bestatten«. Was genau bedeutet das?
Wenn Menschen sterben, wissen die Hinterbliebenen oft nicht genau, was sie tun sollen. Was macht man jetzt? Brauchen wir Musik? Einen Redner? Dabei denken sie nicht darüber nach, was eigentlich für sie selbst angemessen wäre. Da irgendwie auszubrechen, einfach auf einen Redner, einen Friedhof oder eine regulierte Feier zu verzichten, weil es nicht passt, das ist selbstbestimmtes Bestatten. Eine Kollegin hat mal gesagt: »Es ist gut, bei einer Bestattung nicht unbedingt das zu machen, was der Bestatter für normal hält.«

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Wie sieht das in Ihrem Alltag aus?
Meine Tage beginnen meist am Computer. Bei mir läuft fast alles übers Internet. Thanatos Bestattung  hat derzeit keine eigenen Räume, daher arbeite ich von zu Hause, in den Aufbahrungsräumen der Fuhrunternehmen, auf dem Friedhof, in den Wohnungen meiner Kundschaft oder im Pflegeheim. An den Wohnungen mag ich sehr, dass ich da soviel von den Toten mitbekomme und erfahre, wie ihr Leben aussah. Was ich tue, ist eine Mischung aus Gesprächen, Begleiten und Organisieren. Und natürlich die direkte Arbeit mit den Toten. Dazu lade ich die Angehörigen immer ein.

»Es gibt auch Hipster-Bestattungen, die sehr viel Wert auf Design und einen urbanen, digitalen Style legen.«

Mit dem, was Sie machen, sprechen Sie vor allem queere und linke Menschen an. Was ist denn anders, wenn die sterben?
Es gibt Menschen, die sehr alternativ und selbstbestimmt leben und denen trotzdem jeder Bezug zum eigenen Sterben fehlt. Sich auf den Tod einlassen zu können oder nicht, ist keine Frage von politischer Gesinnung. Eher von Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Ein Unterschied ist, dass Linke es eher gewöhnt sind, Dinge nicht nur in der Kleinfamilie zu lösen, sondern gemeinschaftlich zu tragen. Bei vielen Menschen gibt es den Impuls, ein Begräbnis als die Aufgabe zweier Bezugspersonen zu betrachten, statt es für ein weiteres Umfeld der gestorbenen Person zu öffnen. Das machen Linke eher. Das Bedürfnis nach einem alternativeren Begräbnis ist aber nicht nur ein linkes Bedürfnis. Allgemein ist der Tod gerade ein Thema, das enttabuisiert wird.

Gilt das auch für alternative Szenen?
Die Nachkriegsgeneration wollte noch gar nichts mit dem Tod zu tun haben und hat das Thema mit beiden Händen von sich gedrückt. Aber jetzt ist da viel Bewegung. Ich und andere Bestatter bekommen auch immer mehr Medienanfragen. Und die Anzahl alternativer Bestattungsunternehmen wächst immer weiter. In Berlin gibt es inzwischen ungefähr zehn solcher Unternehmen, auch wenn die meisten davon wie bei mir nur von einer einzelnen Person geführt werden. Manche spezialisieren sich auf buddhistische oder anthroposophische Bestattungen, ich bin wohl ein bisschen in der queeren Nische gelandet. Es gibt auch Hipsterbestattungen, die sehr viel Wert auf Design und einen urbanen, digitalen Style legen. Und dann gibt es Leute, die dezidierter links stehen – dazu würde ich mich auch zählen.

Ergeben sich daraus auch politisch rote Linien? Es gäbe ja genug Linke, für die die Antroposophie so eine Linie darstellt.
Ich würde auf jeden Fall kein Nazibegräbnis machen. Die würden mich aber wohl auch nicht ansprechen.

Sie haben Theologie und Musik studiert und sagen, es gibt einen direkten Bezug zu dem, was Sie jetzt machen. Wo genau liegen die Anknüpfungspunkte?
Mich hat schon immer das Rituelle, Liturgische interessiert. Ich komme aus der katholischen Kirche, wo die formale Inszenierung ja einen sehr großen Stellenwert besitzt. Ich habe irgendwann gemerkt, dass das nicht mehr passt, aber das Interesse am Ritual und auch am Übersinnlichen ist geblieben. Mein Glaube ist weiter geworden, aber die großen Fragen treiben mich weiterhin um.

Und wie sieht es mit dem Glauben anderer Menschen aus?
Die Leute haben unterschiedliche Vorstellungen von dem, was nach dem Tod passiert. Es gibt Menschen, die sind davon überzeugt, dass die Verstorbenen mit ihnen reden oder ihnen Zeichen geben. Ich kann das mittlerweile gut mittragen und ihre Wahrnehmung anerkennen. Ich weiß nicht, ob ich das dann auch glaube, aber ich sage ihnen nicht: »Das stimmt nicht.«

Um welche Bedürfnisse geht es den Menschen bei Bestattungen?
Also zuerst ist es ein Abschiedsritual, ein bewusstes Abschiednehmen von einem Körper. Und nicht unähnlich einer Trauung ist es ein Übergangsritual. Deshalb finde ich es auch so toll, Bestattungen individuell zu gestalten, weil dadurch das Ritual zugänglicher und persönlicher wird. Leuten, die Erfahrung mit bewusster Ritualisierung haben, sind da viel offener. Ich hatte mal mit Schamanen zu tun, die hatten ganz viel Sicherheit in dem, was sie getan haben. Die haben ihre Ahnen angerufen – das mag man finden, wie man möchte, aber es war schön zu sehen, mit wieviel Selbstverständlichkeit sie sich dem Abschiedsprozess gestellt haben.

Hat der Tod etwas Politisches?
Die Bestattungsunternehmen bieten meist nur einen Standard: Du siehst die tote Person nicht mehr, du hast eine festgelegte Auswahl an Blumen, Särgen oder Urnen, die alle unglaublich teuer sind. Dir wird vermittelt, dass deine Trauer schnell wieder vorbei sein soll und du funktionieren musst. Da wird ganz viel Angst, Scham und Machtlosigkeit erzeugt. Es hat etwas Politisches, zu schauen, was die eigenen Bedürfnisse sind und wie man sich in dieser Situation ermächtigt.

In der queeren Szene herrschen oft sehr harte Brüche zwischen einer Wahlfamilie und der leiblichen. Wie sieht die Arbeit damit aus?
Bisher habe ich in diesen Fällen vor allem mit der Wahlfamilie sehr eng zusammengearbeitet und da gab es dann Befürchtungen wegen der leiblichen Familie. Das ließ sich aber immer gut zusammenbringen. Die Frage ist, welche Bedürfnisse stehen hinter den Wünschen und wie kann man alle unter einen Hut bringen. Einen Fall, in dem das so gar nicht ging, hatte ich bisher aber nicht.

Und wenn es den gäbe, wie sähe das dann aus?
Das ist schwierig. Eigentlich sind die Eltern, Kinder oder Geschwister die Bestattungspflichtigen, Totenfürsorge wird das genannt. Aber es gibt noch die rechtlich-verbindliche Klausel des letzten Willens. Wenn also glaubhaft gemacht werden kann, dass die tote Person wirklich etwas anderes wollte, dann schlägt dieses Recht des letzten Willens auch die Totenfürsorge. Es gibt ein sehr enges Zeitfenster, bis eine Beerdigung oder Einäscherung passieren muss, drei bis vier Wochen. In dieser Zeit kann man keinen Rechtsstreit führen, sondern muss sich gütlich einigen.

Sie erwähnen auf Ihrer Website auch den Lesbenfriedhof in Berlin. Ein Begräbnis dort kann als ein Moment von Identifikation gesehen werden. Auf der anderen Seite könnte es auch als Festschreibung einer gesellschaftlichen Trennung über den Tod hinaus verstanden werden, bei der dann ein identitätspolitisches Bedürfnis noch über den Tod hinaus befriedigt wird
Das ist der uralte Vorwurf an Queers: Warum sondert ihr euch ab? Und die Antwort bleibt auch gleich: Es ist ein Schutzraum, in dem Menschen sein können, wer sie sind und sich wohlfühlen. Ein Ort, an dem andere Menschen so sind wie sie und eine Gemeinschaft entsteht. Die Leute, die sich dafür entscheiden, dort begraben zu werden wollen nicht unsichtbar machen, wie sie gelebt haben. Es gibt in Berlin zum Beispiel auch einen Aids-Friedhof, auf dem viele Homosexuelle liegen. Und den so genannten Kommunistenfriedhof. Dadurch entstehen bestimmte Stimmungen auf dem Friedhof.

Haben Sie Ihre eigene Bestattung schon geplant?
Ja. Aber die plane ich alle paar Monate um. Es muss auf jeden Fall ein Erdgrab sein. Jetzt gerade würde ich mir wünschen, dass viele Menschen kommen und meine Lieblingskollegen die Bestattung vornehmen. Ich wünschte mir eine Feier im alten Bethanienkrankenhaus, aber mal sehen, ob das klappt. Ich habe genau aufgeschrieben, was ich anziehen will und welche Dinge zu mir in den Sarg sollen. Meine Klaviermappe zum Beispiel.