ჯუნგლები - Ein Besuch im Stalin-Museum in Gori

Der Sockel steht noch

Josef Stalin wird in seinem Geburtsland Georgien gehasst und verehrt. In Gori, wo er geboren wurde, ist sogar ein Tempel für ihn erbaut worden. Zwei Museumsrundgänge.

Die Vergangenheit macht nur Ärger. Überall lässt sie ihren Kram herumliegen, an dem man sich dann den Zeh stößt. Dieser leere Sockel in der georgischen Stadt Gori zum Beispiel, der etwas verloren auf einer gigantisch breiten Prachtstrasse steht, die selbst etwas verloren wirkt, mitten hineingefräst in dieses Provinzkaff von 50000 Einwohnern. Auf diesem Sockel stand einmal eine Statue des berühmtesten Sohns der Stadt, Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili, bekannt geworden als Josef Stalin. An diesem Sockel stößt sich die ganze Stadt Gori, nein, das ganze Land Georgien immer noch den Zeh. 2010 ließ die georgische Regierung diese Statue sowie eine weitere vor dem Rathaus entfernen, doch die Bewohner Goris protestierten, bis heute verhindern sie eine Umwidmung des unweit des Sockels beheimateten Stalin-Museums zu einer Gedenkstätte für die Opfer des Stalinismus.

Über allem thront der große Genosse, Stalin selbst, als weiße Marmor­statue. Er lächelt sanft, als würde er gleich ein Karamellbonbon aus der Tasche ziehen.

Hinter diesem übriggebliebenen Sockel am Ende der Stalin-Allee erhebt sich ein Marmortempel, ein Baldachin, in die Höhe gestemmt und von klassizistischen Säulen gehalten, der sich über ein verlottertes Holzhäuschen spannt. In diesem Haus wurde Stalin 1878 als Sohn eines armen Schusters geboren. Die Hütte steht seit 1936 unter Denkmalschutz. Der Großteil der Stadt wurde für den Stalin-Boulevard samt dem sich dort neben dem Geburtshaus befindenden Stalin-Museum plattgemacht. Die Sandsteinfassade des Museums glüht im brennenden Sonnenlicht, vor dem man in den Arkaden Schutz suchen kann, die sich um dieses Gebäude samt Türmchen und Zinnen spannen. Das Museum wurde 1957 fertiggestellt, als sich die Sowjetunion anderer Überbleibsel der stalinistischen Epoche gerade entledigte: der Gulags, der Deportationen und der rigiden Beschränkungen der Kunst, Literatur und Architektur auf den Sozialistischen Realismus beispielsweise. Eine bombastische Marmortreppe empfängt die Besucher, oftmals deutsche Reisegruppen, deren graue und blaue Kurzarmhemden sich blass von dem blutroten Teppich abheben, der auf dem Marmor liegt. Über allem thront der große Genosse, Stalin selbst, als weiße Marmor­statue. Er lächelt sanft, als würde er gleich ein Karamellbonbon aus der Tasche ziehen.

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Draußen kann man das Zimmerchen besuchen, das der kleine Josef mit seiner Familie und der des Vermieters bewohnte, wodurch man fast versteht, warum Stalin später auf ­einem so luxuriösem Privatzug bestand. Dieser steht neben dem Mu­seum, das man allerdings nur besuchen kann, wenn man an einer Tour teilnimmt.

 

Moment, wo ist Trotzki?

In ein erschreckendes Oberteil mit Leopardenprint gewickelt, stapft eine grimmige Touristenführerin die Treppe empor und führt in einen Saal, wo sie sofort ­beginnt, Zahlen und Fakten herunterzurasseln. Es sind nicht die Fakten, die man erwartet; statt von Millionen Toten spricht die Führerin über die Texte und die Flucht des jungen Stalin. Zackig deutet sie mit einem dünnen Metallstab auf verblichene Fotos bekannter Kommunisten, als wolle sie Truppenbewegungen auf einer Karte aufzeigen. Wie ein General marschiert sie durch die gigan­tische Marmorhalle, man kommt kaum hinterher. Ein Band mit Stalins Gedichten in englischer Übersetzung sei im Museumskiosk käuflich zu erwerben, schnauzt sie, bevor sie in rasendem Tempo anhand fürchterlich kitschiger Porträts, verstaubter Dioramen und verblichener Fotos die Verwandlung von Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, wie sein Name in Russland gesprochen wurde, zu Josef Stalin nacherzählt. Der Pelzmantel und allerlei Büromaterial des Parteisekretärs und späteren Gene­ralissimo befinden sich in Vitrinen, an denen die Besucher schnell vorbeigeführt werden. Die Führerin hetzt durch die dreißiger Jahre, kaum verlangsamt vom Zugeständnis an die jüngste historische Forschung. Es habe »Fehler gegeben«, räumt sie lediglich ein.

Dann beginnt sie mit ihren Ausführungen zum »Großen Vaterländischen Krieg«. Kurz darf man verweilen, um der Opfer und des Ruhms des sowjetischen Volks zu gedenken. Diese 30 Sekunden Ruhe hätte die Führerin besser nicht gewähren sollen. Denn nun hat man die Muse, sich zu erinnern: Moment, wo ist Trotzki? Wie war das nochmal mit dem Molotow-Ribbentrop-Pakt? Wie viele Mil­lionen Russen, Balten, Georgier, Ukrainer, Juden, Bauern, Ärzte, Künstler und Kommunisten fielen Stalins Terror zum Opfer?

Doch es ist schon wieder zu spät, um Fragen zu stellen, man wird in einen sakralen Raum geschoben. Im dunklen Rund liegt auf einem schwarzen Satinkissen, beleuchtet von einem Scheinwerfer, Stalins silbern glänzende Totenmaske. Auf einer geschwungenen Rampe wird man im Kreis daran vorbeigeführt, ein Trauermarsch soll es sein. Die nächste Halle ist voller pompöser Kronleuchter und gläserner Vitrinen, in denen sich Geschenke an Stalin stapeln: Holzschuhe mit seinem Konterfei von holländischen Genossen, Metall­skulpturen von polnischen Minenarbeitern, selbst ein Reiskorn, das von einem indischen Bewunderer mit einem Loblied beschriftet wurde.

Noch 2015 erinnerte der damalige georgische Ministerpräsident Irakli Gharibaschwili in einer Fernsehansprache daran, dass der Zweite Weltkrieg von einem Georgier gewonnen worden sei.

Nun folgt eine Neuerung. Plötzlich verlegen führt die Dame die Besucher in einen Raum unter der großen Treppe. Hier hängen spärlich beleuchtet Aufnahmen russischer Soldaten und Panzer, die 2008 die Stadt besetzt hatten, als es zu einem kurzen Krieg zwischen Georgien und Russland gekommen war. Zwei Regionen Georgiens, Abchasien und Süd-Ossetien, gelten seither als abtrünnig, es war ein Testlauf für Russlands Vorgehen auf der Krim. »Können wir gehen?« schnaubt die Dame.

Das georgische Verhältnis zu Stalin ist, gelinde gesagt, zwiespältig. An jeder Straßenecke gibt es Devotionalien zu kaufen und Taxifahrer weisen beim Vorbeifahren stolz auf Graffiti-Stencils mit dem berühmten Schnauzer hin. In einer vollen Bar macht sich ein betrunkener Unternehmensberater lauthals über die faulen Europäer lustig, die Märkte regulieren wollten. Da doch lieber die endlosen Ladenöffnungszeiten, liberalisierte Kreditvergabe und fehlenden Bauvorschriften des Postkommunismus. Aber trotzdem ein toller Kerl, dieser Stalin, sagt der Unternehmensberater.

Noch 2015 erinnerte der damalige georgische Ministerpräsident Irakli Gharibaschwili in einer Fernsehansprache daran, dass der Zweite Weltkrieg von einem Georgier gewonnen worden sei. Stalin sprach Russisch mit einer starken georgischen Färbung, als er ins Machtzentrum der Sowjetunion vordrang. Georgien galt unter Sowjetbürgern als wirtschaftlich bessergestellte Region; ­Georgier, die nur zwei Prozent der Bevölkerung ausmachten, waren in Kultur und Politik bis zum Ende des Kalten Kriegs überrepräsentiert.

Andererseits hatte das zaristische Russland Georgien um 1800 schlicht ­annektiert. In der Revolution gewann das Land unter einer bürgerlichen Regierung die Unabhängigkeit, doch nach nur drei Jahren eroberte es die Rote Armee zurück. Den meisten Bolschewiki war die rückständige Südseite des Kaukasus zwar ziemlich egal, doch georgische Kommunisten drängten darauf, die Rote Armee zu entsenden – am lautesten Stalin. Das berühmte Testament, in dem Lenin vor dem machthungrigen Stalin warnt, bezieht sich explizit auf dessen brutales Vorgehen in Georgien.

Doch nirgends fand Stalin auch so glühende Anhänger wie hier. Heutzutage reduzieren die offiziellen Stellen die Geschichte auf die Lesart, Georgien sei eine unterdrückte Kolonie gewesen. Im historiographisch fragwürdigen Nationalmuseum in Tiflis heißt ein Flügel schlicht »Museum der sowjetischen Besatzung«. Auf der letzten Wand steht groß: »Occupation Continues!« Darunter hängen Fotos aus dem Krieg mit Russland von 2008.