Die südostasiatischen Asean-Staaten wollen mehr Wirtschaftswachstum durch Digitalisierung

Digitaler Sprung nach vorn

Südostasiatische Länder verzeichnen seit Jahren hohe Wachstums­raten. Nun verstärken sie ihre Bemühungen, die Digitalisierung für sich zu nutzen. Mit besonderem Interesse begleiten dies Russland und China.

Auch wenn die EU schwächelt, verfolgen die südostasiatischen Staaten weiterhin ein ähnliches Modell regionaler Zusammenarbeit. Im Verband Südostasiatischer Nationen (Asean) sind zehn Staaten vereint, die einen gemeinsamen Wirtschaftsraum gestalten wollen. Vergangene Woche tagte das Asean World Economic Forum (WEF) in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. Dabei ging es vor allem um die Themen Digitalisierung, künstliche Intelligenz, »Industrie 4.0« und internationaler Handel.

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»Die Chancen, die durch die vierte industrielle Revolution entstehen, sind in der Tat enorm«, sagte der vietnamesische Ministerpräsident Nguyen Xuân Phúc zur Eröffnung des Gipfels. Bisher galten die Asean-Staaten eher als Rohstofflieferanten und konnten dank niedriger Löhne hohe Wachstumsraten erreichen. Wie Singapur wollen nun auch die anderen Staaten des 650 Millionen Menschen umfassenden Raums die Digitalisierung vorantreiben.

In keinem anderen Asean-Land ist das Wirtschaftswachstum so stark wie in Vietnam. Nach einer Prognose der Asiatischen Entwicklungsbank soll Vietnams Wirtschaft in diesem Jahr um 6,7 Prozent wachsen, 2017 betrug das Jahreswachstum 6,8 Prozent. Auch wenn Staatsbetriebe weiterhin Vorteile wie leichteren Zugang zu Krediten genießen und die Wirtschaft dominieren, verfolgt die Regierung der Kommunis­tischen Partei immer stärker eine Politik des freien Markts. Unter anderem durch den Ausbau digitaler Infrastruktur will Vietnam bis 2020 zur Industrienation aufsteigen. Profitieren will das Land davon, dass es mit knapp 94 Millionen Einwohnern einen großen Markt darstellt und die Bevölkerung mit einem Durchschnittsalter von 29 Jahren sehr jung ist.

Entscheidend für solche Vorhaben ist der Außenhandel. Die Asean-Staaten wollen Handelshemmnisse innerhalb des Asean-Raums abbauen und ihren Zugang zum Weltmarkt verbessern. Konferenzteilnehmer betonten, dass der weltweite Handel sich durch Offenheit auszeichnen müsse. Singapurs Premierminister Lee Hsien Loong sagte, das regelbasierte und multilaterale Handelssystem, das bisher für »Wachstum und Stabilität« sorgte, stehe unter Druck und sei sogar bedroht. Der stellvertretende chinesische Ministerpräsident Hu Chunhua pflichtete ihm bei: »Protektionistische und unilaterale Maßnahmen einiger Länder unter­graben ernsthaft unser Handelssystem und gefährden die Weltwirtschaft.« Ohne Namen zu nennen, richtete sich diese Kritik eindeutig an die USA. So war es auch nicht verwunderlich, dass ein wichtiger Gast der Einladung zum WEF nicht gefolgt war: US-Präsident Donald Trump erschien anders als im vorigen Jahr nicht, angeblich wegen wichtiger innenpolitischer Verpflichtungen. Das verdeutlicht auch, welchen Stellenwert Südostasien für ihn hat.

Nahezu gleichzeitig mit dem Asean-Gipfel fand in Wladiwostok das »Östliche Wirtschaftsforum« statt. Drei Tage lang trafen sich hier Politiker und Vertreter der Wirtschaft auf Einladung Russlands. Ziel des 2015 gegründeten Forums ist die Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen Russlands zu den südostasiatischen Pazifikstaaten. Am Rande des Forums trafen sich unter anderem Chinas Präsident Xi Jinping und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin. Ein Schwerpunkt war der Ausbau der Infrastruktur. Im Zuge der chine­sischen »Belt and Road Initiative« bringt sich Russland als Mittler zwischen ­Europa und Asien ins Spiel. Mit seinem Projekt der »Neuen Seidenstraße« will China die Verkehrsinfrastruktur, Energieversorgung und Wirtschaftskoordination ausbauen und an seine einstige Bedeutung als »Reich der Mitte« anknüpfen. Ein Schwerpunkt der Initiative liegt auf Südostasien.

Während des Asean-Gipfels in Hanoi traf sich Hu Chunhua mit dem Vorsitzenden des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab. Dieser erklärte, seine Organisation sei gegen Protektionismus und man sei bereit, beim Projekt der »Neuen Seidenstraße« und bei der Entwicklung von Innovationen mit China verstärkt zusammenzuarbeiten.

Die wachsende wirtschaftliche Bedeutung Südostasiens und die neue Orientierung der Asean-Staaten auf Digitalisierung dürften der Globalisierung weitere Dynamik verleihen. Es ist jedoch kaum zu erwarten, dass sich die Politik an demokratischen Prinzipien oder sozialer und ökologischer Gerechtigkeit orientieren wird, sondern vielmehr an den staatlichen und wirtschaftlichen Interessen der Staaten des Bündnisses. Das verstärkte Interesse Russlands und Chinas deutet in diese Richtung. Der Protektionismus der USA und die augenscheinliche Unfähigkeit oder das Desinteresse der EU treiben die Asean-Staaten immer mehr in die Arme der beiden Länder.