Ständige Aufmärsche von Neonazis zermürben die Antifa in Dortmund

Ein einsames Geschäft

Nazis aus Dortmund sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Die Stadt ist zwar keine »national befreite Zone«, aber Antifas haben es mit einer einmaligen Situation zu tun. In keiner Großstadt marschieren Neonazis so oft auf.

Es gibt diese beinahe mythischen Orte der Antifa: Göttingen etwa, wo der Bahnverkehr beeinträchtigt ist und es Steine hagelt, wenn Nazis marschieren. Es gibt aber auch diese Orte, in denen das Alltagsleben wie ein Naziaufmarsch wirkt: Chemnitz etwa, wo schon einmal fünf Männer in Thor-Steinar-Jacken an der Supermarktkasse stehen. Und dann gibt es da noch Dortmund, eine Stadt mit 600 000 Einwohnern, die einst als die westdeutsche »Herzkammer der Sozialdemokratie« (Herbert Wehner) galt. Hier demonstrieren wöchentlich Neonazis, meist ohne Gegenwehr.

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Eine Nazistadt ist Dortmund trotzdem nicht. Alleine in der Nordstadt, ­einem migrantisch geprägten Stadtteil, in dem viele Linke leben, gibt es mit dem anarchistischen Zentrum »Black Pigeon«, der Kollektivkneipe »Nordpol« und dem Kulturzentrum »Langer August« drei explizit linke Orte. Eigentlich könnte Dortmund eine durchschnittlich langweilige deutsche Großstadt sein, wie Hannover oder Nürnberg. Kein ­Paradies, aber auch ­keine braune Hölle: Die ­linke Szene hat eine gewisse Größe. Wenn Nazis an die Öffentlichkeit treten, verbünden sich die Linken in der Regel mit der Zivil­gesellschaft. Für die Nazis wird es unangenehm, sie sind für eine gewisse Zeit verschwunden, dann geht das Spiel wieder von vorne los.

In Dortmund machen sich die Nazis seit mehr als 30 Jahren breit und können mittlerweile ungestört auftreten. Sie haben sich mit unnachgiebiger Penetranz den öffentlichen Raum erkämpft.

In Dortmund ist das anders, hier machen sich die Nazis seit mehr als 30 Jahren breit und können mittlerweile ungestört auftreten. Sie haben sich mit unnachgiebiger Penetranz den öffentlichen Raum erkämpft. Charlotte*, die seit ein paar Jahren vorwiegend in antirassistischen Initiativen tätig ist, erklärt das im Gespräch mit der Jungle World so: »Die Dortmunder Nazis sind sehr routiniert darin, öffentliche Auftritte zum Selbstzweck zu nutzen. Sie nerven, weil sie es können, die Zeit und die Ressourcen haben. Damit haben sie linken Protest mürbe ­gemacht.«

Was Charlotte meint, wird am jüngsten Skandal deutlich. Mitte September demonstrierten die Nazis in den Stadtteilen Dorstfeld und Marten. Der Anlass war die Ingewahrsamnahme einiger Rechter Tage vorher am Rande eines Demokratiefestes im Stadtteil Dorstfeld, den die Rechten als »Nazikiez« bezeichnen. Bei den rechtsextremen Aufmärschen gab es keinen Gegenprotest, lediglich Robert Rutkowski, der auf Twitter als @Korallenherz regelmäßig über Naziaufmärsche berichtet, twitterte über die Demonstration. Zu sehen gab es Videos, in denen die Nazis »Nie wieder Israel« und »Nationaler Sozialismus – jetzt, jetzt, jetzt« riefen. Zudem wurden Bengalos gezündet. Polizei war in der Nähe der Neonazis fast gar nicht zu sehen.

Viele Medien sowie Politiker und Politikerinnen bis hin zu Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) sprachen sich für ein striktes Vorgehen gegen Antisemitismus aus. Die Nazis reagierten auf die Berichterstattung mit einer weiteren Kundgebung vor dem Gebäude der Lokalzeitung Ruhr Nachrichten. Dem Gegenprotest, der ausnahmsweise auch bürgerliche Kreise umfasste, hielten sie ein Transparent mit der Aufschrift »Euer Grundgesetz schützt auch Antisemitismus!« ent­gegen. Mit solchen Sprüchen und ihren Provokationen schaffen sie es immer wieder in die bundesweite Berichterstattung.

»Natürlich ist es hilfreich, dass mittlerweile gefühlt jedes Medium einmal ein Feature über das Naziproblem in Dortmund gemacht hat. Öffentlichkeit zu schaffen, ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit und damit waren wir in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich. Wenig hilfreich ist der panische oder sensationslüsterne Ton, den diese Beiträge teilweise pflegen. Das Leben der Menschen in Dortmund wird nicht von Nazis bestimmt, aber die Nazis sind für einen Teil der Menschen hier eine ernstzunehmende Gefahr für ­Gesundheit und Leben«, sagt Tobias*, der sich in der »Autonomen Antifa 170« gegen Nazis engagiert, der Jungle World.

Wie aber haben die Rechtsextremen es geschafft, den Gegenprotest völlig aufzureiben? Tobias sagt lakonisch, Protest gegen Nazis könne in Dortmund ein »ziemlich einsames Geschäft« sein. Bei der vorherrschenden »#wirsindmehr«-­Rhetorik frage man sich schon, wo die Leute seien, so der Antifaschist. Charlotte sagt: »Von so etwas wie Zivilgesellschaft ist hier nicht viel zu erwarten, weil alles, was abseits der SPD-Linie läuft, durchweg kriminalisiert und diskreditiert wird. Goutiert wird, was brav bleibt, nicht stört, nette Bilder für die Nachrichten produziert.« Das zivilgesellschaftliche Bündnis »Dortmund nazifrei« etwa verweigert sich seit Jahren der Organisation einer effektiven Massenblockade gegen Naziaufmärsche. Tobias organisiert seit Jahren den Protest gegen Nazis mit: »Bei den großen Aufmärschen kommen verlässlich sehr viele Leute, aber im Alltag bleibt das häufig an organisierten Antifas und einigen Aufrechten aus den linken Parteien hängen. Der naheliegende Schluss ist, immer da zu sein, wenn Nazis auftauchen. Das ist aber natürlich schwierig, wenn man im Leben noch weitere Ziele hat, als Nazis anzuschreien.«

Dass es in der Stadt auch einmal gut für die Antifa laufen kann, zeigte der 3. Oktober. Zwei rechtsextreme Kundgebungen sollten stattfinden. Gegen die eine, in der Nordstadt, demonstrierten über 250 Anwohner und Antifas. Die Nazis konnten erst mit mehr als einer Stunde Verspätung beginnen und standen in einem von Polizisten gebildeten Kessel, der von Gegendemons­tranten umringt war. Gegen die zweite Kundgebung demonstrierten auch viele Fans von Borussia Dortmund, die auf dem Weg ins Stadion waren. Hier platzte den Nazis der Kragen, in einem Tumult entleerten sie zwei Feuerlöscher aus ihrem Lautsprecherwagen in die Menge. Acht von ihnen landeten daraufhin in Polizeigewahrsam.

Die Antifas aus Dortmund sind zufrieden mit dem Tag. Tobias sagt, es sei »ein großer Unterschied zu den Regionen im Osten, wo Nazi sein etwas völlig Normales ist«, dass man im Westen »gesellschaftlich geächtet« sei, wenn man bei den Nazis mitlaufe. Auch Veranstaltungen mit AfD-Beteiligung habe man in den jüngsten Wahlkämpfen skandalisieren können. »Wir konnten in einem Ausmaß mobilisieren, dass mehrere Veranstaltungen abgebrochen werden mussten«, sagt To­bias. Das ist der Unterschied zu manch einer Stadt in Ostdeutschland. Trotzdem ist es in Dortmund nicht einfach. Die Nazis sind in der Lage, mehrmals in der Woche den harten Kern ihrer Anhänger zu mobilisieren. Antifas können ihnen hinterherrennen, müssen aber auch mal eine Kundgebung ignorieren. Eine unbefriedigende Situation.

 

* Vollständiger Name der Redaktion bekannt.