Laborbericht - Die Sommer- und Winterzeitdebatte

Schlaft aus

Kolumne Von

Was passiert, wenn man Deutschen die Möglichkeit gibt, sich gegen einen großen Unfug zu entscheiden? Genau: Sie wählen zielsicher den noch größeren Unfug. Vor kurzem etwa wollte die EU-Kommission von den Europäern wissen, ob die Zeitumstellung abgeschafft werden soll, und falls ja, ob die Menschen ihre Uhren lieber dauerhaft nach der Sommer- oder der sogenannten Winterzeit – »Standardzeit« wäre korrekter – gestellt haben wollen. Erste Erkenntnis: Die allermeisten EU-Bürgerinnen und -Bürger interessiert das Thema nicht. In den meisten Mitgliedsstaaten lag die Beteiligung an der Umfrage der EU-Kommission im Promillebereich, Ausnahmen bildeten einzig Deutschland mit 3,8, Österreich mit 2,9 und Luxemburg mit 1,8 Prozent. Zweitens: 84 Prozent der Teilnehmenden sind gegen die nervige Umstellung; so weit, so vernünftig. Drittens jedoch sprach sich auch eine Mehrheit für die ständige Sommerzeit aus; vermutlich glauben nicht wenige, dass dadurch die Tage im Winter länger wären.

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Die Erdachse, deren Neigung für die wechselnde Tageslänge verantwortlich ist, kümmert es allerdings nicht, was die Uhren anzeigen. Ganzjährige Sommerzeit hieße zum Beispiel, dass die Sonne etwa in Hamburg an den kürzesten Tagen des Jahres erst um halb zehn aufgeht. So wenig wie an an der Himmelsmechanik lässt sich per Dekret an der inneren Uhr der Menschen ändern – was ja auch eines der Hauptargumente gegen den halbjährlichen Wechsel ist.

Besonders betroffen wären alle, die ohnehin schon an ständigem »sozialen Jetlag« leiden. Laut Studien des Münchner Chronobiologen Till Roenneberg beginnt für mehr als die Hälfte der Erwachsenen der klassische Büroarbeitstag von neun bis 17 Uhr nach mitteleuropäischer Zeit (MEZ) zu früh. Der Forscher ist deshalb auch erklärter Gegner der dauerhaften Sommerzeit und kritisiert zudem die mangelnde Aufklärung zur EU-Umfrage: »Wenn Jean-Claude Juncker der Leiter der EU-Kommission gesagt hätte, dass wir künftig alle ganzjährig eine Stunde früher arbeiten müssen, wären die Leute auf der Straße gewesen.«

Nach Auswertung der Umfrage hatte Juncker in Aussicht gestellt, dass sich die EU-Mitglieder bereits ab nächstem Herbst frei für die eine oder andere Regelung entscheiden können. Ende Oktober wurde das Thema erstmals auf einem informellen Treffen der EU-Verkehrsminister besprochen; die offizielle deutsche Position war bis Redaktionsschluss noch nicht bekannt. Eine Empfehlung für die Sommerzeit kam von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), der zwar nicht zuständig, aber offenbar Frühaufsteher ist. Vielleicht sollte er lieber noch einmal darüber schlafen.