Rapper Kollegah über den Holocaust

Das Echo nach dem Echo

Der Deutsch-Rapper Kollegah sieht nach seinem Besuch in Auschwitz im Prinzip keinen Unterschied zwischen dem Holocaust und der Politik Israels im Konflikt mit den Palästinensern.

Es ist erst ein knappes halbes Jahr her, dass die Rapper Kollegah und Farid Bang mit empörenden Textzeilen einen Eklat provozierten. »Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen« hieß es in dem Stück »0815« auf ihrem Album »Jung, brutal, gutaussehend 3«, für das sie obendrein den Echo verliehen bekamen.

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Zahlreiche Musiker gaben daraufhin als Zeichen des Protests ihren Echo zurück und kritisieren die antisemitischen, homophoben und sexistischen Aussagen der Musiker. Um ihr Image wieder aufzupolieren, demonstrierten Kollegah und Farid Bang dann im Sommer bei einem medienwirksamen Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz Einsicht und Reue. Zudem distanzierte sich Kollegah von dem Album und gelobte, eine Art Provokationspause einlegen zu wollen.

Doch nur wenige Wochen später stellt Felix Blume, wie ­Kollegah mit bürgerlichem Namen heißt, seine Geschichtsvergessenheit erneut unter Beweis. Mehr noch: Nach dem Interview mit Hiphop.de am 9. November kann er sich nicht mehr auf Kunstfreiheit und Provokation als Stilmitteil berufen, gab er dort doch seine Haltung zu Israel kund. In Israel passiere »im Prinzip das Gleiche wie damals bei uns, in Deutschland. Nämlich während des Holocausts«, kommentierte er und fuhr nach zaghafer Intervention des Interviewers fort: »Das systematische Töten ist der Punkt. Das wird heute auf der Welt praktiziert, mehr als je zuvor.« Für ihn ist die Situation der Palästinenser ein zeitgenössisches Äquivalent zur systematischen Entrechtung jüdischer Menschen und der industriellen Vernichtung von mehr als sechs Millionen Juden im »Dritten Reich«. Kollegah halluziniert einen Genozid an den Palästinensern. Dabei würde es sich, zugespitzt gesagt, um den ersten Völkermord in der Menschheitsgeschichte handeln, bei dem die Bevölkerungszahl stetig steigt.

In antisemitischer Manier konstruiert der Rapper eine Schuldumkehr: Waren Juden einst die Opfer der Nationalsozialisten, stünden sie heute auf der anderen Seite und unterdrückten die palästinensische Minderheit. Ähnlich wie Xavier Naidoo, der mit verschwörungsideologisch-antisemitischen Texten, Ansprachen vor der Reichsbürger-Szene und der Liedzeile »Muslime tragen den neuen Judenstern« aufgefallen ist, sieht er sich als Märtyrer, der auszusprechen wagt, was nicht gesagt werden darf. Kollegah ist mit seinen antisemitischen und relativierenden Aussagen eben nicht alleine. Vielmehr gesellt er sich als pöbelnder Gast auf eine gut besuchte Veranstaltung, deren Teilnehmer durch Songs, publizistische Tätigkeiten oder theoretische Vergleiche die Selbststilisierung als Opfer vorantreiben. Problematisch ist das allemal. Schließlich relativiert eine Gleichsetzung von Antisemitismus und »Islamophobie« den Holocaust und verhindert zudem eine kritische und not­wendige Debatte über Islamismus.