Laborbericht - Abgasskandale

Straßenkampf um jeden Meter

Fahrverbote – das klingt, je nach Standpunkt, entweder nach paradiesisch autofreien Städten oder aber nach diktatorischer Einschränkung der persönlichen Mobilität. Zwar gilt die Maßnahme nur Dieselfahrzeugen, die die Abgasnorm Euro 6 nicht erfüllen, und das bisher bundesweit gerade einmal auf zwei Straßenabschnitten in Hamburg; in den Anzeigenblättern der Automobilindustrie wird dennoch um jeden Meter Asphalt gekämpft, als stünde die feindliche Übernahme der Verkehrswege durch Radfahrer und sonstige Ökoterroristen unmittelbar bevor.

Anzeige

Vom »Damoklesschwert drohender Dieselfahrverbote« schreibt etwa die Neue Osnabrücker Zeitung in einer Meldung, die den Kämpfern für die motorisierte Freiheit gerade recht kommen dürfte: An einer Hauptverkehrsstraße im niedersächsischen Oldenburg wurden an einem Sonntag im Oktober Rekordwerte an Stickoxiden gemessen – an diesem Tag fand dort allerdings ein Marathonlauf statt, die Straße war für den Verkehr gesperrt.

Auch die Messungen in Hamburg stellen den Sinn von Fahrverboten in Frage: Im Oktober 2018 lag die Schadstoffbelastung an den für alte Dieselfahrzeuge gesperrten Strecken sogar über den Werten des Vorjahresmonats. Das sagt allerdings zunächst einmal nur aus, dass es noch mehr Schadstoffverursacher gibt als die verbannten Fahrzeuge. Auch andere Verbrennungsmotoren stoßen bekanntlich keine Einhornfürze aus, und die Hauptverdächtigen im Fall der Oldenburger Messungen sind zwei nahegelegene Blockheizkraftwerke.

Aber alles halb so wild, gibt der Lungenfacharzt Dieter Köhler im Stern zu Protokoll: Es existiere kein wissenschaftlicher Beleg dafür, dass Stickstoffdioxid in einer Konzentration, wie sie durch den Straßenverkehr erzeugt wird, einen schädlichen Einfluss auf den menschlichen Körper habe. Allerdings dürfte jemand, der tagtäglich mit Raucherlungen zu tun hat, andere Maßstäbe an die Luftqualität anlegen als etwa Eltern von kleinen Kindern, und prinzipiell werden Grenzwerte ja absichtlich so niedrig angesetzt, dass eine Gefährdung durch die betreffenden Substanzen ­definitiv ausgeschlossen werden kann.

Tatsächlich aber zeigt sich an den genannten Beispielen der ganze Unsinn der Dieseldebatte – allerdings nicht im Sinne von VW und anderen Autofirmen, denen das Scheingefecht sogar nutzen dürfte. Nicht nur kurbelt es die Neuwagenverkäufe kräftig an, es lenkt auch von den weitaus gravierenderen Problemen des motorisierten Verkehrs ab: An erster Stelle wäre natürlich der CO2-Ausstoß zu nennen, hinzu kommen Unfallgefahr, Lärm, verstopfte Straßen und eine menschenfeindliche Städteplanung. All dem ist mit kosmetischen Maßnahmen nicht beizukommen, sondern nur mit einer radikalen Mobilitätswende weg vom Auto. Fahrverbote für alle aber scheinen in weiter Ferne, solange stattdessen alle über Stickoxide und Feinstaub diskutieren.