Proteste gegen den Bau eines Wasserkraftwerks in Chile

Das Tal trocknet aus

In einem Tal nahe der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile wird seit 2013 das Wasserkraftwerk »Alto Maipo« gebaut. Dagegen gab es von Anfang an Proteste, da das Projekt die Wasserversorgung der Region bedroht. Sie richten sich auch gegen beteiligte Firmen und Banken in Deutschland und Österreich.

Viel Wasser ist nicht mehr in der Lagune, in der sie eigentlich baden wollten. Eine Gruppe Chileninnen ist für einen Ausflug in das Tal Cajón de Maipo im andinen südöstlichen Teil der Metropolregion Santiago de Chile gefahren. Je tiefer sie in das Tal fahren, desto weniger Menschen treffen sie. Dafür kommt bald eine gigantische Baustelle in Sicht.

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Der Cajón de Maipo ist nicht nur bei Ausflüglerinnen aus der chilenischen Hauptstadt beliebt. Hier in den Bergen, auf 2 500 Metern Höhe, wird seit 2013 das Wasserkraftwerk »Alto Maipo« gebaut. Nicht nur für den Wasserpegel in der Lagune, auch für die lokale Bevölkerung des Cajón de Maipo und die Trinkwasserversorgung der Hauptstadt  hat der Bau bereits Folgen: Das Flussbecken führt schon jetzt, vor Fertigstellung des Baus, 30 Prozent weniger Wasser als noch zehn Jahre zuvor, kurz nachdem die Pläne für den Bau bekannt geworden waren und erste Untersuchungen stattfanden.

»Es ist ein unverantwortliches Projekt, das das Wassersystem des Talbeckens extrem schädigen wird. Es geht um Wasser, das 40 Prozent der chilenischen Bevölkerung versorgt.«
Tomás González Astorga

Das geplante Wasserkraftwerk Alto Maipo droht das belebte Flusstal, die Lagunen und das empfindliche Ökosystem zu schädigen und auszutrocknen. 120 000 Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche könnten Gutachten zufolge wegen Wassermangels brach fallen.

In unterirdischen Tunneln von insgesamt 70 Kilometern Länge und einem Durchmesser von sechs bis acht Metern soll Wasser der drei Quellflüsse des Río Maipo abgezweigt und zu den Laufwasserkraftwerken Alfalfal II und Las Lajas in einer durchschnittlichen Tiefe von 800 Metern geführt werden, die gemeinsam den Kraftwerkkomplex Alto Maipo bilden. 100 Kilometer flussab wird das Wasser dann wieder in den Río Maipo zurückgeführt. Das Kraftwerk soll eine Gesamtleistung von 531 Megawatt haben. 17 Kilometer Hochspannungsleitungen sind geplant. Der gewonnene Strom soll aber nicht die lokale Bevölkerung oder die Hauptstadt, sondern vor allem den Kupfertagebau »Los Pelambres« versorgen.

Gebaut wird das Kraftwerk von Alto Maipo S.p.A., einer Tochterfirma des US-amerikanisch-chilenischen Energieproduzenten AES Gener. Zunächst ging man von Kosten in Höhe von rund 700 Millionen US-Dollar aus, mittlerweile werden 3,5 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Das Großprojekt finanzieren südamerikanische, europäische und internationale Banken, darunter die KfW-Ipex-Bank, ein Tochterunternehmen der deutschen Förderbank KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau). Führend am Bau beteiligt sind das österreichische Bauunternehmen Strabag AG und der deutsche Turbinenhersteller Voith Hydro. Die deutsche Baufirma Hochtief ist nach Unstimmigkeiten vergangenes Jahr ausgestiegen. Auch andere Investoren haben das Projekt wegen fehlerhafter Planung und ökologischer Bedenken verlassen.

Schon 2008 organisierte sich eine Protestbewegung gegen das Wasserkraftprojekt unter dem Slogan »No Alto Maipo« und informierte über dessen Hintergründe und mögliche Folgen. Tomás González Astorga engagiert sich seit Jahren in der Bewegung gegen Alto Maipo: »Es ist ein unverantwort­liches Projekt, das das Wassersystem des Talbeckens extrem schädigen wird. Es geht um Wasser, das 40 Prozent der chilenischen Bevölkerung versorgt.« Die chilenische Gesellschaft sehe das Projekt vorwiegend kritisch, so Gon­zález Astorga. Bei einer Demonstration gegen Alto Maipo in Santiago de Chile gingen vergangenes Jahr 20 000 Menschen auf die Straße. Am Projekt beteiligte Bauarbeiter streikten vor zwei Jahren für höhere Löhne und verzögerten die Fertigstellung des Kraftwerks, die ursprünglich für 2017 geplant war. Mittlerweile wird mit dem Betriebsbeginn nicht vor 2020 gerechnet. Anfang November wurde berichtet, 70 Prozent der Bauarbeiten seien abgeschlossen. Diese Angabe könnte aber von den Unternehmen aus taktischen Gründen erfolgt sein.

Mitte November bat die Bewegung »No Alto Maipo« das zuständige Umweltgericht, die Bauarbeiten sofort zu stoppen, bis die Resultate der Umweltstudien vorlägen. Es geht um die Folgen der Bohrungen für die Wasserqualität der Metropolregion, da chemische Giftstoffe in das Wasser gelangen können. Eine Studie der Universität von Chile aus dem Jahr 2015 kam bereits zu dem Schluss, dass Gewässer im Cajón de Maipo wegen der Bauarbeiten mit Arsen, Nickel, Blei und Mangan kontaminiert seien. Seit 2013 wurde das Projekt Alto Maipo in drei Fällen wegen Verstößen gegen Umweltauflagen sanktioniert. Neun von 14 Bürgerbeschwerden, die die Umweltbehörde gegen Alto Maipo wegen Verstößen gegen die Baugenehmigung eingereicht hat, wurden als schwerwiegend eingestuft und werden derzeit vor chilenischen Gerichten verhandelt. Für González Astorga und seine Gruppe ist dies ein großer Erfolg in ihrem Kampf.

Die am Projekt beteiligten Firmen versuchen, für Alto Maipo zu werben, und kämpfen um ihren Ruf. Amory Lovins ist ein US-amerikanischer Physiker und Energieexperte; dessen Name sei ungefragt von der österreichischen Stiftung Energy Globe Foundation auf ihrer Internetseite als Aushängeschild für die Umweltverträglichkeit des Projekts verwendet worden, so der chilenische Umweltschützer und Staudammgegner Juan Pablo Orrego zur Jungle World. Er habe Lovins darüber informiert, der daraufhin die Stiftung aufforderte, seinen Namen zu löschen. Lovins wollte mit seinem Namen nicht für ihre Lobbyarbeit herhalten.

Kritik gibt es auch an der Bundesregierung, die über die KfW-Ipex-Bank an Alto Maipo beteiligt ist. In ihrer Antwort vom 13. April 2017 auf die Kleine Anfrage von Abgeordneten und der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen zu »Umweltverschmutzung und Menschenrechtsverstößen beim Kupferbergbau« und zur Beteiligung deutscher Unternehmen sowie Rohstoffpartnerschaften zwischen Deutschland und chilenischen Unternehmen geht die Bundesregierung zwar auf die Kritik an Alto Maipo ein, stellt das Projekt dann aber doch als unproblematisch dar. Neuere Wasserkraftprojekte wie Alto Maipo sähen sich »regelmäßig Bürgerprotesten ausgesetzt«. »Die Konflikte um ›Hydro Aysén‹ und ›Alto Maipo‹ zeigen, dass die Bevölkerung ihre Kontrollrechte wahrnimmt. Erwähnenswert ist hier aber auch, dass das Wasserkraftprojekt ›Alto Maipo‹ eine komplette Rückführung des zur Energieproduktion genutzten Wassers in den Flusslauf vorsieht und gleichzeitig dank der Staustufen eine stabilere Wasserversorgung für Gemeinden und Landwirtschaft sichern kann«, heißt es weiter in der Antwort.

Die am Projekt beteiligte Weltbank will die Auszahlung weiterer Kredittranchen wegen Verstößen gegen den Umweltschutz überprüfen. Die KfW-Ipex-Bank scheint sich hingegen nicht an ihren eigenen Standards für Menschenrechte und Umweltschutz zu orientieren. Sie gewähre »nur dann eine Finanzierung, wenn (...) die Nachhaltigkeitsrichtlinie der KfW-Ipex-Bank eingehalten wird, die sich an den international akzeptierten und anspruchsvollen Umwelt- und Sozialstandards gemäß der Weltbankgruppe (...) orientiert«, heißt es auf ihrer Website.

Auch Voith Hydro hat sich bislang nicht aus dem Projekt Alto Maipo zurückgezogen. Im August 2017, über ein Jahr nach dem Mord an der Umweltschützerin Berta Cáceres in Honduras, zog sich das Unternehmen allerdings aus dem dortigen Wasserkraftprojekt »Agua Zarca« zurück, gegen das es große Proteste gab.

Mitglieder von »No Alto Maipo« wollen 2019 nach Deutschland, Österreich und Norwegen reisen, um dort direkten Druck auf Banken und Unternehmen auszuüben, so González Astorga.