Linke, Rassismus und Islamkritik

Rassistische Islamkritik ist ein Widerspruch

Eine Linke, die Islamkritik als rassistisch denunziert, verzichtet auf den universalistischen Freiheits- und Gleichheitsanspruch.

In der Wissenschaft ist der Rassebegriff längst passé, unterschiedliche Menschenrassen gibt es nicht. Rassismuskritik geht deshalb davon aus, dass ­andere die Existenz solcher Rassen nur unterstellen und damit, beziehungsweise mit der Zuschreibung angeblich »rassischer« Merkmale, die Ausgrenzung, Unterdrückung, Diskriminierung und Verfolgung von Menschen rationalisieren.

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Diejenigen, die dies tun, werden sinnvollerweise als Rassisten bezeichnet. Während der klassische Rassismus diese Merkmale als biologisch bedingt halluziniert, werden sie heute meist als quasi unveränderbare kulturelle Eigenschaften dargestellt. Diese modernisierte Form des Rassismus wird meist als Kulturalismus bezeichnet.

Kritik setzt die Veränderbarkeit der kritisierten Verhältnisse voraus. Etwas Unveränderbares kann man nicht kritisieren.

Eines der verbreitetsten Verdikte ­gegen Islamkritik lautet nun, diese sei rassistisch. Explizit ist dann schnell von »antimuslimischem Rassismus« die Rede. Allerdings ergibt dieser Vorwurf nur Sinn unter einer von zwei Voraussetzungen. Entweder gehen diejenigen, die ihn erheben, zumindest implizit davon aus, beim Islam handele es sich um eine Art »Rasse«, er sei also etwas den Muslimen unveränderlich Anhaftendes. Oder sie unterstellen den Islamkritikern, ihrerseits den Muslimen unveränderliche Eigenschaften zuzuschreiben und diese als »Rasseneigenschaften« zu werten. Aufgrund dieser essentialistischen Zuschreibungen würden Muslime dann zu Feinden erklärt.

Allerdings wäre eine rassistische Islamkritik ein Widerspruch in sich. ­Kritik setzt die Veränderbarkeit der kritisierten Verhältnisse voraus. Etwas Unveränderbares kann man nicht kritisieren. Man kann es benennen, kann es negativ oder positiv beurteilen, aber selbst die scharfsinnigste und zutreffendste Beschreibung eines unwandelbaren Zustandes wird ihn nicht ändern. Wer Hirsche für ihr Revierkampfverhalten kritisierte, würde sich lächerlich machen. Wer Machoverhalten von Männern kritisiert, tut dies hin­gegen, weil es nicht natürlich, sondern gesellschaftlich bedingt ist, tut es mit dem Ziel, patriarchale Strukturen aufzuheben. Islamkritik geht analog davon aus, dass mit dem Islam gerechtfertigte menschenfeindliche Strukturen überwunden werden können.

Antimuslimische Ressentiments und Moslemfeindschaft von AfD, Pegida und anderen sind in diesem Sinne keine Kritik, auch wenn sie von ihren Protagonisten als Islamkritik verkauft werden. Die Neue Rechte löst Versatzstücke der Islamkritik aus ihrem kritisch-emanzipatorischen Kontext heraus und entledigt sie ihres aufklärerischen Inhalts. Den Rechten dient der Islam als Auf­hänger für Kampagnen gegen Flücht­linge und Migranten. Der flüchtlingsfeindliche Charakter wird an Begriffen wie »Scheinasylanten«, »Asylbetrüger« oder »Wirtschaftsflüchtlinge« sichtbar. Wenn die Rechten Frauen­unterdrückung, Homophobie oder Antisemitismus in muslimischen Communities anprangern, ist dies instrumentell. Im rechten Blog »Politically Incorrect« etwa wendet man sich einerseits gegen muslimische Homophobie, während man andererseits schwulenfeindliche Beiträge veröffentlicht, in denen dann die Homophobie nicht islamisch, sondern christlich begründet wird. Analog leugnen oder verharmlosen AfD-Politiker und -Anhänger den Antisemitismus in den eigenen Reihen.

Ein dem Rassismusvorwurf verwandtes, gebetsmühlenartig vorgetragenes Argument lautet, Islamkritiker griffen eine religiöse Minderheit an, verschonten aber die dominierende christliche Religion und mäßen somit auf diskriminierende Weise mit zweierlei Maß. Insbesondere Linke betonen gerne, eine spezifische Islamkritik sei unnötig, da alle Religionen gleichermaßen abzulehnen seien. Dabei übersehen sie, dass das Christentum im Zeitalter der Aufklärung und der bürgerlichen Revolutionen weitgehend – wenn auch nicht völlig – politisch entmachtet, zivilisiert und humanisiert wurde, während der Mainstream-Islam diese Aufklärung nicht kennt. Das geschah nicht freiwillig, aber es ist ge­schehen, wobei die Trennung zwischen religiöser und politischer Sphäre in der christlichen Theologie Anknüpfungspunkte fand, etwa in dem Jesus zugeschriebenen Wort: »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.«