Fünf Comics, die Krankheit und Behinderung thematisieren

Konturen des Andersseins

Bilder von Krankheit reproduzieren, hinterfragen und neu zusammensetzen: Wie der Comic mit Krankheit und Behinderung umgeht.

Ich habe Hunger und Angst vor dem Essen. Mal ganz abgesehen davon, habe ich jeden Begriff verloren, was es heißt, satt zu sein«, erklärt die Protagonistin in Regina Hofers autobiographischem Comic »Blad« gleich auf der ersten Seite.

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»Als Essgestörte verliert man, neben vielen anderen Dingen, das Gefühl für das eigene Aussehen.« In ihrem Comic-Debüt erkundet die in Wien lebende Zeichnerin das Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die zu ihrer Krankheit beigetragen haben: die Bedeutung der Mahlzeiten in der Familie, die Rituale in der Kindheit, die Kommentare der Familie zu ihrem Körper und ihrem Essverhalten und die früh einsetzende Pubertät. Im Comic finden sich die Zettel, auf denen Hofer in ihrer Jugend detailliert notierte, welche Speisen sie während eines Essanfalls zu sich genommen hat – ein Versuch, zu kontrollieren, was sich kaum mehr kontrollieren lässt. »Blad« sucht nach Bildern, in denen sich die Zerrissenheit der Protagonistin zwischen der Sehnsucht nach Struktur und dem Unkontrollierbaren der Essstörung spiegelt.

Der Comic bietet eine Ästhetik, die sich für die Erkundung psychischer Abgründe eignet. Im Spannungsverhältnis zwischen Text und Bild lassen sich die Ambivalenzen in der gesellschaftlichen wie auch eigenen Wahrnehmung von Krankheit diskutieren

Die Suche nach Bildern für das Anderssein treibt auch andere Zeichner um. Es scheint, als sei das Genre des Comics besonders geeignet für die Auseinandersetzung mit Krankheit, sei diese psychischer oder physischer Natur. Zahlreiche Comiczeichner haben die eigene beschädigte Psyche zum Thema gemacht oder erzählen von körperliche Gebrechen, unter denen sie oder Menschen aus ihrem Umfeld leiden.

»Meine Hände sind gelähmt. Ich kann zwar das Handgelenk bewegen, aber die Hand nicht, also zeichne ich aus der Schulter heraus«, erläutert beispielsweise der Luzerner Comiczeichner Roland Burkart in einem Interview. Der ehemalige Maler ist nach einem Arbeitsunfall von der Brust abwärts gelähmt. Er hat danach Illustration studiert und sich dabei eine sehr eigene Zeichentechnik aneignen müssen. Auf den über 100 Seiten seines Comicdebüts »Wirbelsturm« wird Burkarts psychischer und physischer Kraftakt spürbar, auf Grundlage seiner eigenen Erfahrungen die Geschichte von Piedro zu erzählen. Piedro ringt nach einem Badeunfall mit dem Wissen, nie wieder laufen zu können. Die auf das Wesentliche reduzierten Tuschezeichnungen beschönigen nichts, weder die Unsicherheiten des Zeichners im Umgang mit seinen Arbeitsmitteln, noch die Zweifel des Protagonisten Piedro, der nicht weiß, ob er wohl jemals die Realität akzeptieren wird, dass er für den Rest seines Lebens auf Medikamente und einen Rollstuhl sowie die Hilfe anderer angewiesen ist.

In einer Gesellschaft, die auf Leistung sowie körperlicher und geistiger Unversehrtheit basiert, wird der Kranke, derjenige, der von dieser Norm abweicht, an den Rand gedrängt. Die zugewiesene Rolle des gesellschaftlichen Außenseiters ist womöglich auch ein Grund, warum der Comic für eine Auseinandersetzung mit Krankheiten so attraktiv erscheint. Denn Comics sind historisch als Medium von Minderheiten entstanden, die mit diesem Medium die Mehrheitsgesellschaft thematisiert haben. Die Comics des frühen 20. Jahrhunderts waren nicht zuletzt geprägt von Zeichnern mit Migrationshintergrund, ihr Leben zwischen Assimilation und Abgrenzung, ihre Sprache, Probleme und Alltagssorgen stehen oft im Mittelpunkt der Comics. Auch das wohl populärste Genre der Comicgeschichte, der Superheldencomic, beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Außenseitern, mit Fragen von Norm und Abweichung, mit Körpern, die nicht dem Ideal der Gesellschaft entsprechen und deshalb Ängste auslösen. Hulk und X-Men-Charaktere wie Wolverine erscheinen der Mehrheitsgesellschaft zunächst als Monster. Andere Superhelden wie The Thing von den Fantastic Four oder Jessica Jones haben aufgrund ihrer körperlichen Abweichung mit Selbstzweifeln und Ängsten zu kämpfen.

Zudem bietet der Comic eine Ästhetik, die sich für die Erkundung psychischer Abgründe eignet. Im Spannungsverhältnis zwischen Text und Bild lassen sich die Ambivalenzen in der gesellschaftlichen wie auch eigenen Wahrnehmung von Krankheit diskutieren, der Comic besitzt die Möglichkeit, Bilder von Krankheit zu reproduzieren, zu hinterfragen und neu zusammenzusetzen. »Blad« zeichnet sich durch eine klare Seitenkomposition aus, von der nicht abgewichen wird, vier quadratische Panels füllen eine Seite. Es sind Abbilder des Unkontrollierbaren und der verzerrten Selbst- und Fremdwahrnehmungen des eigenen Körpers. Die Protagonistin inkarniert sich in unterschiedlichen Figuren; gezeigt werden abstrakte geometrische Formen, aus denen sich Körper herausbilden, Fragmente, die sich zu ganzseitigen Motiven zusammenfinden und wieder auseinander­streben. Text und Bild stehen in Korrespondenz miteinander, mal doppeln sich Erzähltes und Abgebildetes, mal ergänzen sich die Ebenen und mal ist der Text zum Verständnis der Zeichnung notwendig. Auf diese Weise stellt Hofer das Auseinanderstreben von Selbst- und Fremdwahrnehmung, den ambivalenten Blick auf den eigenen Körper dar.

Bulimie

Regina Hofer beschreibt in »Blad« die Qualen der Magersucht

Noch komplexer und doch zurückhaltender arbeitet die Schweizer Künstlerin Lika Nüssli, die sich in ihrem neuen Buch »Vergiss dich nicht« mit der Demenz ihrer Mutter beschäftigt. Am Anfang stehen ihre eigenen Erinnerungen an die Mutter, Bilder von gemeinsamen Ausflügen in der Kindheit, die in ihr Bewusstsein drängen. Gleichzeitig wuchert eine schwarzes Gewebe, umgibt sie und ihre Mutter und lässt sie wieder frei. »Alles wird Erinnerung, sobald der Moment des Geschehens vorbei ist. Sie werden zu unsteten Bildern im Kopf«, heißt es im Text. Die Fragilität von Erinnerung fängt die Zeichnerin in ihren Bildern ein. Das schwarze Muster nimmt sich immer mehr Raum und drängt sich immer weiter zwischen Mutter und Tochter.

Der Comic habe sich nach ihren Besuchen im Heim für demenzkranke Menschen entwickelt, sagt Nüssli, von einer »poetischen Umsetzung der Seinszustände« spricht der Klappentext. So werden neben der Mutter auch andere Bewohner des Heims porträtiert, mal aus der Perspektive der Künstlerin, mal aus der Innensicht der Demenzkranken, in der sich ihre unmittelbare Umgebung mit ­Erinnerungsfragmenten, Halluzinationen und Ängsten verbindet. Mit dem Verlust der kontrollierten Erinnerung bilden sich neue Formen von Realität, die für die Erkrankten schlüssig und bedeutsam sind. Die Erzählung wechselt zwischen klassischer Panel-Aufteilung, klaren nar­rativen Strukturen und der Auflösung der Panel-Begrenzungen in Phan­tasiewelten.
»Vergiss dich nicht« ist ein liebevolles Erinnerungsalbum an eine Person, deren Erinnerung für immer verloren ist. Traurig muss die Künstlerin erkennen: »Es gibt und gab Geheimnisse in unserer Familie. Hin und wieder ploppt eines auf, wirft ein neues Licht auf uns alle und zieht Fragen nach sich. Leider kannst Du mir keine Antworten mehr geben.«

Mit ebensolcher Behutsamkeit nähert sich auch der in Zürich lebende Pirmin Beeler in seinem Comicdebüt »Hat man erst angefangen zu reden, kann alles Mögliche dabei herauskommen« seiner psychisch kranken Mutter an. Anders als im Fall der Demenzkranken bei Lika Nüssli aber kann er mit seiner Mutter kommunizieren. Anne lebt seit vielen Jahren mit ihrem neuen Mann Ali in einem kurdischen Dorf im Südosten der Türkei, der Protagonist selbst ist bei seinem Vater aufgewachsen. Die von matten Aquarellfarben, hellem Blau, Grün und Gelbtönen bestimmten Bilder schildern einen Besuch in einem Dorf nahe des Bergs Ararat. Sensibel sucht der Autor nach einem Zugang zur Gedankenwelt der Mutter.

Während Lika Nüssli die Leser mit der hereinbrechenden Demenz, den schwarzen Wolken, die die Erinnerung verschlingen, schier erdrückt, bleibt bei Pirmin Beeler die psychische Erkrankung der Mutter bilderlos – über die Krankheit wird auch nicht gesprochen. Und doch erzählen die Bilder viel über die Ängste, die Anne umtreiben. »Meine Mutter sieht sich keine Filme an, auch die Tagesschau nicht. Die gezeigte Gewalt macht ihr Angst. Bei den Nachrichten hat es allerdings noch andere Gründe. Sie fühlt sich vom Tageschau-Sprecher belästigt«, heißt es einmal im Comic. In der Abgeschiedenheit der Berge, weitab der Schweiz, hat sie sich mit diesen Ängsten arrangiert und einen Weg gefunden, sich nicht von ihnen überwältigen zu lassen. Sie sind Teil ihres Lebens, ihr Mann Ali akzeptiert sie, und der Sohn kann die Ruhe und Klarheit der Landschaft in seinen Aquarellbildern als Spiegel ihrer Seelenlandschaft zeigen.

Anne hat in der Bergwelt der Türkei einen Ort gefunden, an dem das, was von der Mehrheitsgesellschaft als Störung verstanden wird, nicht im Mittelpunkt steht. Dort kann sie ihr Leben in ihrem Tempo und zu ihren Bedingungen leben.

Auch das Dorf Neuerkerode in Niedersachsen verspricht Ruhe und Heilung: Seit 150 Jahren existiert dieser Ort für Menschen mit geistiger Behinderung. Der Berliner Zeichner Mikael Ross war zum Jubiläum eingeladen, temporärer Bewohner des Dorfes zu werden und auf Basis seiner Begegnungen einen Comic zu ­gestalten, der einerseits die Geschichte des Dorfes erzählt, aber vor allem die Menschen porträtiert, die dort ein Zuhause gefunden haben. Das Ergebnis des Aufenthalts ist die Comicgeschichte »Der Umfall«. Sie begleitet den Jugendlichen Noel, der nach einem Schlaganfall seiner alleinerziehenden Mutter nach Neuerkerode zieht und sich dort zurechtfinden muss.

Ross nimmt den Blickwinkel seiner Protagonisten ein, erzählt von ihren Ängsten, Phantasien und Träumen, die sich kaum von denen der meisten anderen Menschen unterscheiden, deren Anderssein ihnen jedoch immer wieder zum Verhängnis werden kann. Die Bedrohung ihres anderen Lebens wird durch eine historische Episode angerissen, die von der Deportation der Einwohner von Neuerkerode während des Nationalsozialismus erzählt. »Der Umfall« will Empathie für die Menschen ­wecken, die als Behinderte stigmatisiert meist am Rande der Gesellschaft leben.

Manchmal können Comics auch selbst Teil des Heilungsprozesses sein. In »Blad« von Regina Hofer wird ein Studium der »Bildnerischen Erziehung« in Salzburg für die Protagonistin zur Hoffnung, der Enge und dem Unverständnis der Familie zu entkommen und Strategien zu entwickeln, den Zerstörungstrieb künstlerisch zu kanalisieren. Obwohl sie in dieser Zeit ihren gravierendsten Zusammenbruch erlebt, bleibt die Hoffnung auf die heilende Kraft der Kunst bestehen: »Ich hasste Salzburg. Hasste mich. Wollte verschwinden … neu anfangen. Ich beschloss nach Wien zu gehen. An die Akademie der Bildenden Künste«, heißt es am Ende. »Blad« ist das Ergebnis dieses Neuanfangs.

 

  • Pirmin Beeler: Hat man erst angefangen zu reden, kann alles Mögliche dabei herauskommen. Edition Moderne, Zürich 2018, 112 Seiten, 24 Euro
  • Roland Burkart: Wirbelsturm. Edition ­Moderne, Zürich 2018, 118 Seiten, 19 Euro
  • Regina Hofer: Blad. Luftschacht-Verlag, Wien 2018, 118 Seiten, 18 Euro
  • Lika Nüssli: Vergiss dich nicht. Vexer-Verlag, St. Gallen 2018, 176 Seiten, 35 Euro
  • Mikael Ross: Der Umfall. Avant-Verlag, Berlin 2018, 128 Seiten, 28 Euro