Michel Houllebecqs Roman »Serotonin«

Der sexpositive Mann

Ein Erotomane hadert mit dem Schicksal. Auch der französischen Käsewirtschaft geht es nicht gut. Wen Michel Houellebecqs neuer Roman »Serotonin« kalt lässt, der hat kein Herz.

Mit seinem neuen Roman »Serotonin« erweist sich Michel Houellebecq abermals als Kassandra der europäischen Literatur. Bevor der Protest der »Gelbwesten« losbrach, bannte der Autor die brennenden Autobahnen in ein Schlachtengemälde. Auch wenn im Roman niemand eine Warnweste trägt, sind die Parallelen zu den Ereignissen doch deutlich. Die Übereinstimmung reicht von der Debatte über das zögerliche Eingreifen der mit den Wutbürgern heimlich sympathisierenden Polizisten bis hin zu Erörterungen der medialen Wirkung von lodernden Flammensäulen auf Aphalt. Ein Timing, das dem Buch zusätzliches Gewicht verleiht.

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Die enge Liaison von Roman und Wirklichkeit betrifft auch die Figur des Erzählers. Wie schon in Houellebecqs vorigen Romanen fällt es auch in diesem schwer, zwischen Autor und Figur zu unterscheiden: hier der fatalistische Kettenraucher Houellebecq, dort der depressive, tablettensüchtige Florent-Claude Labrouste.

Gerade bei diesem tiefschwarzen Roman ist die Differenz aber nicht ganz unwichtig. Schließlich denkt der Protagonist intensiv über den Freitod nach. Schon seine Eltern begingen Suizid, der unheilbar kranke Vater und die jüngere Mutter in ihren Vierzigern, die sich zum Sterben neben ihren Eheman legte. Dramaturgisch schöpft die zwischen Todesverfallenheit und Glücksanspruch schwankende Erzählung ihre Spannung aus der über allem liegenden Frage, ob sich der depressive Protagonist für den Suizid entscheidet.

»Er ist ein anderer«, beeilte sich dann auch der Schriftsteller Frédéric Beigbeder, Freund, Kollege und Trauzeuge von Houellebecq, in einem Beitrag in der Welt klarzustellen. Beigbeder (»99 Francs«, 2001) betont, dass es dem frisch vermählten Hou­ellebecq im wahren Leben gut gehe. Die eigentliche Frage, die sich beim Lesen stelle, sei daher: »Wie kann ein Typ, der so glücklich ist im Leben, eine so verzweifelte Geschichte veröffentlichen?«

Gute Zeiten kennt auch der Erzähler in »Serotonin«, allerdings liegen diese weit in seiner Vergangenheit. Gerne denkt Labrouste an seine Studienjahre, erinnert sich an sexuelle Eskapaden und seine Chancen, als Spross einer aus der gehobenen Mittelschicht stammenden Familie eine nicht allzu mühevolle Karriere zu machen. Inzwischen arbeitet er als Agraringenieur. Sein Aufrag, die ­Renaissance der normannischen Käsewirtschaft herbeizuführen, erweist sich wegen des Endes der Milchquote und der Konkurrenz chinesischer Billigimporte jedoch als aussichtlos.

Im Niedergang begriffen ist auch die Beziehung zu seiner Freundin Yuzu. Die von ihr kuratierten Ausstellungen zu Mangas, Tee und Pornos schaut er sich schon lange nicht mehr an. Ein Sodomievideos mit Yuzu in der Hauptrolle, das Labrouste auf ihrem PC findet, setzt den tristen Schlusspunkt dieser Beziehung. Der sexpositive Feminismus lässt den Erotomanen buchstäblich alt aussehen.

Für Labrouste ist es der Schicksalsschlag, der ihn nicht nur die Beziehung, sondern auch Arbeit und Wohnung kündigen lässt und ihn endgültig zur Weltflucht treibt. Mit dem Geld aus seinem Erbe und einem Vorrat des sensationellen Antidepressivums Captorix setzt der Erzähler sich in seinen (aus »Karte und Gebiet« bekannten) Mercedes-Diesel, verschwindet grußlos aus seinem bisherigen Leben – und erweist sich als erstaunlich verletztlich. Der ­sexpositive Mann ist vorerst gescheitert.

Es beginnt die komische und zugleich tragische Reise in die eigene Vergangenheit, aus der sich für ­seine Gegenwart nichts ergeben hat, das in die Zukunft weist. Der siebte Roman Houellebecqs verbindet die bekannten Motive des bisherigen Werks – von den länglichen Erörterungen zum Analsex über die packenden Schilderungen der Nikotinsucht bis hin zu Betrachtungen der Romane Dostojewksijs – zu einer ironisch zugespitzten Führung durch unterschiedliche Milieus der französischen Gesellschaft.

In der Erinnerung an die Frauen, die er als junger Mann geliebt hat, und im Wiedersehen mit einem Freund aus alten Zeiten, der als Viehzüchter um seine wirtschafliche und gesellschaftliche Existenz kämpft, rechnet er mit seinen Idealen ab. Das Ende bleibt dabei hinreichend offen. Ob der 62jährige Houellebecq am Ende doch ein großer Liebender ist? Ausschließen kann man das nach diesem Buch noch nicht.  

 

Michel Houellebecq: Serotonin. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner. ­Dumont, Köln 2109, 335 Seiten, 24 Euro

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