Der Spaß am Drama

Sehnsucht nach The Blitz

Alle Erklärungen dafür, wieso die Engländer (mit den Walisern zusammen) für den EU-Austritt gestimmt haben, erklären eigentlich nichts.
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Klar gibt es in Orten in England, in denen die Mehrheit für leave gestimmt hat, Familien, deren Mitglieder seit drei Generationen arbeitslos sind. Klar gibt es Armut und Wut. Und Wehmut. Es gibt einen Hass auf Westminster. Es gibt Hass auf Brüssel und Berlin. Es gibt auch Hass, verbunden mit viel Ignoranz und Arroganz, auf die Menschen, die in Frankreich, Deutschland und Spanien leben. Es gibt Verachtung für die Menschen, die in Osteuropa leben, und mehr noch für die, die aus Osteuropa kommen, um in Großbritannien zu leben. Mit den Festlandeuropäern identifiziert sich der Durchschnittsengländer viel weniger als umgekehrt der Festlandeuropäer England mit Europa.

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Es gibt auch Nostalgie. Nostalgie und Sehnsucht – Nostalgie nach dem Empire, Sehnsucht nach dem Kolonialismus. Und wahrscheinlich steckt in der englischen Nostalgie nach der Zeit, als »wir alle« gemeinsam Hitler und The Blitz trotzten, auch ein bisschen Sehnsucht nach Krieg. »Wir haben den Krieg überstanden, was kann uns schon der ›Brexit‹ anhaben?« hört man Leute sagen, als sei der Krieg die gute alte Zeit gewesen. Und es gibt eine unbewusste, masochistische Lust auf den Feudalismus. Nur wer Lust auf Feudalismus hat, kann solche elitären Figuren wie Nigel Farage oder Boris Johnson zu Helden der »kleinen Leute« verklären. Das ist der Wunsch nach einem dicken, fetten Lord, der die Bevöl­kerung unterdrückt – und sagt, dies sei nur zu ihrem Schutz.

Es wäre auch besser, wenn ein zweites Referendum abge­halten würde, selbst wenn sehr wahrscheinlich die Mehrheit wieder für leave stimmen würde. Diese leichtsinnigen Leute sollten doch zumindest noch einmal gefragt werden, wie leichtsinnig sie genau sein wollen.

Aber man wird das Gefühl nie los, dass alle Erklärungen nichts erklären. Statt etwas zu erklären, projiziert man Bedeutung in das Chaos. Das ist so wie bei Menschen, die an Astrologie glauben, oder wie für die Übersetzer, die die deutschen Untertitel schreiben müssen für eine Rede von Donald Trump. Selbstverständlich waren die Versprechen der Leave-Kampagne lächerlich und absurd: Die Briten würden 350 Millionen Pfund pro Woche einsparen, und 100 Millionen Pfund davon würden in das staatliche Gesundheitssystem Großbritanniens und Nordirlands fließen. Der Austritt würde die Einwanderung reduzieren (gut, dieses Versprechen stimmt, denn weniger Menschen dürften dann ins Vereinigte Königreich kommen), aber zugleich Teil des europäischen Binnenmarkts bleiben. Großbritannien würde mit Commonwealth-Ländern und den Vereinigten Staaten Handel treiben, wieder ein großes Land werden, würde nicht nur eben überleben, sondern florieren.

Die remainer im Land kämpfen dafür, dass es ein zweites Referendum gibt, weil die Leute von der Leave-Kampagne so viel gelogen haben. Es wäre auch besser, wenn ein zweites Referendum abge­halten würde, selbst wenn sehr wahrscheinlich die Mehrheit wieder für leave stimmen würde. Diese leichtsinnigen Leute sollten doch zumindest noch einmal gefragt werden, wie leichtsinnig sie genau sein wollen. Würde ein »soft Brexit« reichen oder muss es der härteste der »hard Brexits« sein? Binnenmarkt, Zollunion, Reisefreiheit, Irland – man sollte das mit der Bevölkerung klären. Aber ein Referendum ist nicht deswegen nötig, weil die Menschen angelogen worden sind. Selbstverständlich sind sie angelogen worden. Aber wie eine Ehefrau, die glaubt, dass ihr Mann samstagnachts im Büro schlafen muss, wollten sie diese Lügen glauben.

Die Wahrheit ist: Die Vertreter der Leave-Kampagne haben recht, wenn sie sagen, dass die Aussicht auf das Geld für den Nationalen Gesundheitsdienst kein konkretes, sondern ein allgemeines Versprechen war. Die Versprechen waren alle allgemein. Und genau so wenig konkret ist die Ablehnung einer Union mit Europa in den Köpfen der Engländer.

Deswegen lehnen sie das Angebot der EU ab – es geht um nichts Konkretes, es geht um ein vages Gefühl. »They need us more than we need them!« heißt es oft. Ich kenne niemanden, der für den »Brexit« gestimmt hat, weil er glaubte, dass es dem Vereinigte Königreich hinterher wirtschaftlich besser gehen würde. Und ab und zu beschleicht einen der Verdacht, dass die Austrittbefürworter das alles nur aus einem Grund gemacht haben: aus Langeweile.