Der letzte linke Kleingärtner und sein Huhn Hilde zeigen den Ökos, wo es lang geht

Bob Dylan und Hilde, das Huhn

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 48
Kolumne Von

Als diese Kolumne aus dem Inneren des letzten linken Kleingärtners ans Licht der Welt gelangt, sind es draußen satte 14 Grad. Und das im Februar. Da hüpft das Kleingärtnerherz – es drängt ihn zu großen raumordnenden Taten und er sieht am Horizont ganz vi­sionär blühende Landschaften. Nein, man darf sich als Kleingärtner von so etwas nicht aus der Ruhe bringen lassen. Für das meiste Grünzeug – in seiner Urform als Samen – ist es zu früh. Man darf sich von der warmen Februarsonne nicht täuschen lassen, sondern muss sich seinen gesunden Pessimismus bewahren. Wer zu optimistisch ist, fällt tief. Theoretisch könnte ich jetzt dicke Bohnen legen. Der Ehrlichkeit halber sei gesagt, dass ich das schon einmal zu diesem Zeitpunkt gemacht habe. Aber sie werden nicht früher reif als die im März gelegten: ab Mitte Juni. Also keine Hektik.

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Ach, was bin ich froh, wieder bei meinen Hühnern zu sein. Der Trip im Januar nach Berlin zu der jährlichen Demonstration unter dem Motto »Wir haben Agrarindustrie satt« hielt, was der Titel erwarten ließ: bedeutungsschwangere Reden und viel Empörung – die große Erzählung von der bösen kalten Industrie und dem guten warmen Bauernhof. Wenn man die ersten zwei, drei Reden gehört hatte, kannte man das nächste Dutzend und obendrein das Gros der Reden aus den vorangegangenen Jahren. Es ist wie bei einer Band, die seit Jahren auf Tour ist und immer die gleichen Songs in der gleichen Interpretation heraushaut. Auf keinen Fall darf man dies mit der »Never Ending Tour« von Bob Dylan verwechseln. So viel Abwechslung, wie der auf die Bühne bekommt, kann kein Metropolenöko bieten.

Es ist ja auch nicht alles falsch, was die Ökos dort erzählen. Aber es fehlt jedwede linke Perspektive oder gar Analyse. Ein bisschen Empörung, ein bisschen Konsumveränderung – und schwups baue ich mir meine heile Ökowelt, wie sie mir gefällt. Ich bin übrigens dafür, dass die Auftakt- und Abschlusskundgebung zukünftig in einem Fußballstadion stattfindet. Dann hört endlich mal der Unfug auf, die Angaben zu den Teilnehmerzahlen ins Astronomische zu steigern. Als regelmäßiger Demonstrationsteilnehmer sowie noch regelmäßigerer Fußballstadiongänger frage ich mich jedes Jahr, woher die hohen Teilnehmerzahlen kommen. Es ist doch ein riesiger Erfolg, wenn man im kalten Januar 20 000 oder 25 000 Menschen in Berlin für eine nachhaltigere Landwirtschaft auf die Beine bekommt. Da kann man doch darauf verzichten, die Teilnehmerzahl in immer schwindelerregendere Höhen zu treiben. Als Kleingärtner in meiner kleinen analogen Welt bevorzuge ich die sachliche Darstellung. Wenn das so weitergeht, gibt es die Demonstration bald als Computerspiel à la »FIFA 18«, »FIFA 19« undsoweiter.

Und dann die mediale Eigendarstellung: Als gäbe es nur junge, fröhliche, tanzende und gesunde Menschen. Auf Dauer nervt der Jugendwahn der Metropolenökos. Es gibt schließlich auch ein Recht auf Missmut und darauf, wenig Bock zu haben. Diese Ökos übernehmen mit ihrem Gute-Laune-Gedudel die dogmatische Arbeitswut der frühen und späteren Arbeiterbewegung, die kein süßes Nichtstun und keine Faulheit kannte. Da fehlt mir die Vielfalt. Das Leben hat unfassbar viel mehr zu bieten, als Ökos und Arbeits­fanatiker wahrhaben wollen.

Der Jugendwahn schlug sich auch bei der Auswahl der Testimonials nieder, mit denen für die Kundgebung geworben wurde. Die Vorgabe war eine Drittelquotierung: Ein Drittel der Zitatgeber sollte nicht männlich sein, ein weiteres Drittel unter 35. Das letzte Drittel würde sich aus allen Übrigen bilden. Gesagt, getan. Ich klärte diesen Unfug flugs mit meinen Hühnern ab. Und siehe da: Hilde, zweieinhalb Jahre alt, erklärte sich bereit, in die Bresche zu springen und für meine Ansichten zu werben. Weiblich und extrem jung, das musste funktionieren. Da konnte nichts schiefgehen. Hilde bot dem Agrarbündnis alternativ zwei Zitate an und schickte ein wunderschönes Selfie mit: »Ich schlage Alarm für ein neues Wirtschaftssystem. In eurem Kapitalismus wandern wir Biohühner nach 14 Monaten in den Kochtopf, weil wir ab dann zu wenige Eier legen.« Oder: »Ich schlage Alarm gegen die doofen NS-Vergleiche mancher Ökos. Es gibt keine Hühner-KZs, und ein Schlachthof ist keine Gaskammer. Und Öko-Nazis sind auch scheiße. Kapiert?« Unterschrieben wurde es mit: »Hilde, 2,5 Jahre, das Huhn der ›Aktion 3.Welt Saar e. V.‹«

Aber ich hatte die Rechnung ohne die Ökos gemacht: Hilde sei zu spät dran gewesen. Da war nichts zu machen. Aber mal Hand aufs Herz: So penibel, wie das Bündnis peinlich genau darauf achtete, dass kein linker Redebeitrag gehalten wurde, wurde auch bei der Vorbereitung darauf geachtet, dass kein linkes Gedöns geäußert wurde. Da half es auch nichts, weiblich und saujung zu sein. Ökosein und Jugendlichkeit sind eben nur Maskerade: Der letzte linke Kleingärtner hat es aufgedeckt. Das hilft der Welt und meinem Garten zwar auch nicht weiter. Aber ein bisschen Genugtuung bleibt doch übrig von meinem Metropolentrip. Denen haben Hilde, das Huhn, und ich es gezeigt!

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