Vom rechten Hass auf die Ökologie

Die Antigrünen sind blau

Rechte faseln unentwegt vom »Schutz der Heimat«, aber hassen doch fast immer den Umweltschutz. Warum eigentlich?

Für die AfD ist klar, wer der politische Gegner ist. Jörg Meuthen, Spitzenkan­didat der rechten Partei für die Europawahl, nannte die Grünen »in Personal und Programmatik hochgefährlich«, sie stünden »für alles, was wahre Bürger, die konservativ und freiheitlich geprägt sind, ablehnen«. Mehr noch: »Die Grünen sind der exakte Gegenentwurf zu unserem Europa.« Als »natürliche« Bündnispartner nannte er in seiner Rede auf dem AfD-Parteitag zur Europawahl in Magdeburg im vergangenen Jahr dagegen die italienische Lega, Viktor Orbán und die österreichische FPÖ.

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Meuthens Rede zeigt auf, wie sich die Neuorganisation rechter Propaganda gegen die linksliberale Ökologiebewegung gestaltet. Im Internet finden sich Seiten wie »Grüne! Nein danke«, eine Facebook-Seite mit über 35 000 Likes. Hier wird pausenlos über das dritte Geschlecht, Greta Thunberg und das Tempolimit gelästert. Junge Freiheit, FPÖ-Nachrichten und Tichys Einblicke liefern den reaktionären Content dazu. Auch die von Verschwörungstheorien ­lebende Zeitschrift Compact greift die Grünen an und titelte bereits 2016 über diese: »Porträt einer gefährlichen Partei«. Sie bewarb die Ausgabe als »unser zweiter Hexenhammer«. Das aktuelle Titelbild der Zeitschrift, »Kein Volk, kein Recht, kein Diesel«, wartet mit Reichsadler auf dem Sonnenblumen­logo auf. Die Eigenwerbung der von Jürgen Elsässer geleiteten Zeitschrift lautet: »Compact-Magazin wirkt auf Grüne wie Knoblauch auf Vampire: Abschreckung pur.«

Rechts gegen grün – diese Polari­sierung ist kein Zufall. Die Rechte identifiziert sich mit der Wirtschaft und dem Klassenkampf von oben.

Rechts gegen grün – diese Polari­sierung ist kein Zufall. Sie ist die logische Konsequenz eines Interessengegensatzes zwischen bürgerlicher Gesellschaft und Ökologie. Dem kapitalistischen Gesetz der Expansion zeigt die Wissenschaft dessen krisenhafte Konsequenz auf. Angesichts dieser Krise entscheidet sich die bürgerliche Gesellschaft für den Reformismus. Selbst die FDP will heute »Umwelt- und Klimaschutz«. Ihre Behauptung, dass Markt, Selbstverpflichtung und Technologie die Lage verbessern, wird allerdings von keiner Erfahrung gedeckt. Dennoch verfolgen auch CDU und SPD dieses abwegige Konzept. Und offenbar hofft auch Stefan Laurin auf die magischen Kräfte des Marktes, wenn es um die Lösung der Klimakrise geht.

Die Alternative zum Reformismus, und dafür steht vor allem die AfD, ist die autoritäre Revolte mit ihren Strategien der Leugnung, der zynischen Schuldprojektion und der Besitzstandswahrung mit allen Mitteln. Je offensichtlicher das Versagen des Reformismus und die Notwendigkeit einer tiefgreifenden, revolutionären Lösung wird, desto aggressiver wettert die reaktio­näre Propaganda. Mehr noch: Die Hassformel »linksgrünversifft« ist für die neue Rechte das Ventil für ihren schlecht unterdrückten Antisemitismus.
Die Grünen eignen sich als Hass­objekt, weil sie die ökologische Kata­strophe eben nicht autoritär lösen ­wollen, sondern für Kosmopolitismus, Feminismus, sexuelle Befreiung und ­Basisdemokratie eintreten. Die antigrüne Propaganda aus dem Umfeld der AfD warnt daher vor einer grünen ­»EUdSSR«, um im nächsten Augenblick zu behaupten, die Grünen seien reiche Bonzen, Windkraftbarone, Profiteure der von ihnen erzeugten Klimahysterie.

Der rechte Publizist Harald Martenstein bezeichnete die Grünen als »Anti-Freiheits-Partei«, und auch in den einschlägigen neurechten Foren gelten sie als »Verbotspartei«, Lustfeinde und ­Puritaner. Gleichzeitig wird ihnen aber auch ausufernde Libertinage unterstellt, die von Pädosexualität, Frühsexualisierung und »Gender-Gaga« geprägt sei. 2015 veröffentlichte der damalige Autor des Kopp-Verlags, Michael Grandt, ein Buch mit dem Titel »Die Grünen: Zwischen Kindersex, Kriegs­hetze und Zwangsbeglückung«. Das Phantasma der perversen Grünen, die hinter den Kulissen die Strippen ziehen, kanalisiert darin die konformistische Revolte der Wutbürger und spielt mit ihren sexuellen Entbehrungen. Reiche Grüne sind demnach Schnösel, arme Grüne sind versiffte Hungerleider. Irren die Grünen, werden sie ausgelacht, haben sie recht, sind sie rechthaberisch. Sie sind entweder kompromisslose Fundis oder, wenn sie Kompromisse eingehen, bigotte Pharisäer.

Für Misstrauen bei den Rechten sorgt vor allem, dass die Grünen keine reine Klientelpolitik machen, sondern dass die vorgeschlagenen gesetzliche Regelungen die eigenen Wähler teilweise sogar härter treffen als andere. Grün wählen vor allem junge, weltoffene Menschen, die mobil sind und im Durchschnitt häufiger fliegen als die tendenziell älteren Wähler der CDU oder der AfD. Konsequent ist das Hauptansinnen antigrüner Propaganda, den moralinsauren ­Grünen den Heiligenschein vom Kopf zu ­nehmen, um sich im ­eigenen moralischen Elend nicht unwohl zu fühlen.

Von den bürgerlichen Parteien hat vor allem die CDU von jeher besonders aktiv den Hass von rechts angefacht. Den grünen Vampir hat nicht Compact erfunden. Als die Grünen 1998 die ­Forderung nach der schrittweisen Anhebung des Benzinpreises auf fünf Mark für den Liter bis 2005 beschlossen, entwarf Peter Hintze (CDU) die Parole »Lass dich nicht anzapfen!«. »Union in Deutschland«, ein Informationsdienst für aktive Parteimitglieder, entwickelte dazu die Kampagne: »Ein Unglück kommt selten allein.« Der Titel des ­Beitrags: »Ein Pakt gegen die Bevölkerung«. Im nationalsozialistischen Deutschland war Heinrich von Treitschkes Spruch »Die Juden sind unser ­Unglück« allgegenwärtig und jede routinierte PR-Agentur studiert und kennt die Wirkweise von Nazipropaganda. Einen politischen Gegner als »Unglück« zu bezeichnen und von einer Verschwörung (»Pakt«) gegen das Volkskollektiv »die Bevölkerung« zu raunen, ist daher sicher kein Zufall ­gewesen.

Dass in der Ökologiebewegung seit jeher auch rechte Strömungen existieren, ist bekannt. Die Aufarbeitung der braunen Geschichte kam aber vor allem aus der linken Umweltbewegung, die sich früh mit reaktionären Tendenzen, die es auch bei den Grünen gab, aus­einandersetzte und Abgrenzungsarbeit leisten musste. In Teilen der Linken entstand aus der meist unscharfen ­Assoziation von Romantik, Ökologie und Nationalsozialismus die verbreitete ­Reaktion, Ökologie generell als reaktionären Kleingeist einzustufen. Aus­gerechnet Kommunisten fanden hier einen Vorwand, sich mit Fortschrittsideologien von der Abschaffung der Armut durch Robotisierung, Kernfusion und Raumfahrt zu identifizieren. Die Verachtung der Ökologie als Hemmschuh des Fortschritts, so wie Laurin ihn beschreibt, ignoriert sowohl die wissenschaftliche Ökologie als auch den rechten Hass auf die Ökologie. So wertvoll die Aufarbeitung der rechten Ökologie war: Heute stellt sich die neue Rechte zwar immer auf die Seite von Volk und Heimat, aber fast immer ­gegen die Ökologie. Sie identifiziert sich mit der Wirtschaft und ihrem Klassenkampf von oben.