Vulvaverletzungen durch Fahrradsättel

Schmerzen und Scham

Viele weibliche Rennradprofis leiden unter chronischen Schmerzen im Genitalbereich, weil sie auf Sätteln sitzen, die für Männer konzipiert sind. Darüber in der Öffentlichkeit zu reden, ist für die meisten ein Tabu.

Hannah Dines ist nicht prüde und hat einen Sinn für Wortspiele. Beides hilft sicherlich, wenn man als Spitzensportlerin in der Öffentlichkeit ausführlich über die eigene Vulva spricht. Die Gabe der Schottin, Schmerzen mit Humor zu schildern, führte jedenfalls dazu, dass Leserinnen des Guardian im März am Frühstückstisch über die wundgescheuerten Vulven ambitionierter Radlerinnen lesen konnten – zur kurzen Klarstellung: über den von außen sichtbaren Teil des weiblichen Geschlechts.

»Ich habe meine Vulva an den Guardian verkauft. Schweigen, Scham und Geheimhaltung machen alles nur noch schlimmer.«

»Ich habe meine Vulva an den Guardian verkauft«, übertitelte die Paraolympionikin Dines auf Twitter ihren Artikel über geheimgehaltenes Leid im Spitzensport, der seither Tausende Kommentare und Tweets zur Folge hatte – sicherlich auch, weil es um Genitalien geht, was im Internet immer gut funktioniert. Dines, Teilnehmerin der Paralympics von Rio 2016 und WM-Goldmedaillenge­winnerin auf einem speziellen Rennradmodell mit zwei Hinterrädern, macht in ihrem Beitrag öffentlich, zu welchen Verletzungen im Genitalbereich das Rennradfahren bei Frauen führt. Und sie schreibt darüber, dass sie selbst eine Operation gebraucht habe, weil die Schäden irreparabel waren – und erst da begriffen habe, dass viele Frauen schweigend litten.

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»Wenn ein Arzt jemanden wie mich sieht, ist der erste Gedanke oft Krebs«, schreibt Dines drastisch im Text. Man müsse dem Arzt dann erst mal erklären, dass die Schäden, die er da an der Vulva sehe, für Radsportlerinnen normal seien. Mit anderen Worten: »Während die wertvollen Teile männlicher Genitalien auf dem Sattel aus dem Weg bewegt werden können, sitzen die Frauen direkt auf dem Wertvollsten.« Diese Problematik ist nicht neu, wird aber weiterhin selten offen diskutiert, vor allem nicht im Spitzensport.

Wer eine kurze Online-Suche bemüht, findet allerhand anonyme Schilderungen ambitionierter Amateurradfahrerinnen, auf Deutsch wie auf Englisch, die oft verschämt von den Verletzungen an ihrer Vulva berichten, meist in der Reihenfolge, die auch Dines benennt: wundgescheuerte Haut, eingewach­sene Haare, dann Blasen, Eiter, offene Wunden, irgendwann chronische Entzündungen und sich verhärtende Schwellungen an den Schamlippen, die oft nur noch durch eine Operation behoben werden können. Andere Betroffene nennen ständige Blasenentzündungen, bakterielle Infektionen, Vergrößerungen der Schamlippen, was wiederum zu mehr Schmerzen auf dem Sattel führt. Und das Schweigen.

»Schweigen, Scham und Geheimhaltung machen alles nur noch schlimmer«, schreibt Dines. Sollten ihre Schilderungen der Wahrheit entsprechen, ging der Verband »British Cycling« mindestens fahrlässig mit seiner Athletin um: Vorhandene Möglichkeiten, um zum Beispiel Druckstellen elektronisch zu vermessen und dann ein besseres Sattel­modell zu entwickeln, wurden offenbar nie genutzt oder auch nur vorgeschlagen. Dines erhielt vom Verband noch nicht einmal eine präventive Creme, die sie erst später entdeckte; die Fahrerinnen selbst machten allerdings auch nicht den Mund auf. Erst als Dines offen über ihre eigenen Verletzungen sprach, erfuhr sie ähnliche Leidensgeschichten vieler Kolleginnen. Auf Twitter schrieb etwa die niederländische Ultraradfahrerin Jasmijn Muller, dass auch sie zwei Operationen an der Vulva hinter sich habe.

Dines macht vor allem die im Radfahren herrschende Macho-Attitüde als wesentliches Übel aus: Es gebe schlicht keine Forschung, um solche Verletzungen zu verhindern, und kaum Interesse daran, Sättel eigens für Frauen herzustellen. Wie in so vielen Sportarten müssten Frauen Dinge verwenden, die für Männer entwickelt wurden. Das gilt vor allem für den Amateursport.

Wie in so vielen Sportarten müssten Frauen Dinge verwenden, die für Männer entwickelt wurden. Das gilt vor allem für den Amateursport.

Im Spitzensport sieht es ein wenig anders aus. In den Jahren vor den Spielen in Rio 2016 suchte das olympische Radrennteam Großbritanniens nach weiteren Verbesserungschancen im Wettbewerb, wie sich aus der damaligen Berichterstattung ­ersehen lässt. Mit dem Spezialisten Phil Burt widmete es sich dem Problem der Verletzungen im Genitalbereich. Eine zunehmende Zahl von Profisportlerinnen und Amateurinnen müsse sich Operationen an der Vulva unterziehen, machte Burt schon damals öffentlich: »Sie leiden heimlich. Angesichts eines überwiegend männlichen Betreuerteams fühlen sie sich nicht wohl dabei, offen darüber zu reden.« Burt erstellte eine Studie und organisierte eine Expertinnenrunde. In der Folge wurde unter anderem ein spezieller Sattel entwickelt, bei dem die Sattelnase weiter nach unten geneigt ist, um den Druck auf die Vulva zu mindern. Spezielle Cremes und Gels wurden an die Athletinnen ausgegeben, die Shorts wurden mit Rücksicht auf die persönliche Anatomie gestaltet und die individuelle Verteilung des Drucks auf den Sattel wurde in einer Studie analysiert. Nach Burts Angaben litt anschließend sechs Monate lang keine der Athletinnen mehr ­unter Schmerzen.

Doch wenn das olympische Team Großbritanniens wirklich so gut umsorgt war, warum kümmerte sich niemand um das paralympische Team? Warum erfuhr die Spitzenathletin Hannah Dines erst von der Expertise Phil Burts, als es bei ihr für präventive Maßnahmen schon zu spät war? Und warum wusste sie offenbar auch bei Erscheinen ihres ­eigenen Textes nichts von den seit Jahren existierenden Maßnahmen im olympischen Team? Auch Dines war in Rio. Athletinnen mit Behin­derungen waren anscheinend wieder einmal weniger relevant und Schmerzen sind nur dann wichtig genug, wenn sie den Gewinn von Medaillen gefährden könnten; nicht umsonst präsentierte der Guardian damals die Schutzmaßnahme als wichtigen Beitrag für das Streben nach Gold. Forschung gibt es, wenn sie sich lohnt.

Das Thema betrifft auch die Männer. Phil Burt und andere Ärzte ­weisen darauf hin, dass männliche Radsportler ähnliche gravierende Probleme im Genitalbereich hätten, sich jedoch noch mehr als Frauen dafür schämten und deshalb nicht darüber redeten. Für seine Untersuchungen fand Burt nur einen männlichen Freiwilligen.

Das Problem beim Radfahren ist vor allem die vorgebeugte Sitzposition, für Männer wie Frauen. Sie ist für die Genitalien denkbar schlecht. Die Autoren einer belgischen Studie – Studien gibt es nämlich durchaus, wenn auch wenige – fanden ­heraus, dass zehn von 60 befragten Radsportlerinnen eine chronische Schwellung an der Vulva hatten. Eine Studie von 2017 zeigte, dass Radsportlerinnen schwieriger zum Orgasmus kommen, während sich bei Männern das Risiko für Prostatakrebs erhöht. Die Sporthochschule Köln stellte in einer Studie mit 120 Probandinnen und Probanden fest, dass für Frauen gar nicht zwingend andere Sättel nötig seien; stattdessen komme es auf Faktoren wie den individuellen Sitzknochenabstand an. Ab­gesenkte Sattelnasen könnten beiden Geschlechtern helfen.

Wenige Hersteller scheinen sich überhaupt über die weibliche Kundschaft Gedanken zu machen. Bei Fußballschuhen, Skiern und Wanderschuhen stehen Frauen häufig vor demselben Problem.

Mehr Forschung, das hat der Fall Dines gezeigt, ist also bitter nötig. Freilich kann auch eine bessere Forschung nur zum Teil die bekannten und geduldeten Körperschäden im olympischen Spitzensport verhindern oder mindern. Dines ist nach ­eigenen Angaben auf dem Weg der Besserung und strebt die Qualifi­kation für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio an. Zurzeit hat sie jede Menge Medientermine, bei denen sie ihre Forderung vorbringt, den Frauenradsport genauso ernst zu nehmen wie den der Männer.

Ihr Artikel hat viel Aufmerksamkeit erhalten, weil er ein Problem angesprochen hat, das auch beim Radfahren im Alltag weit verbreitet ist: Viele Leserinnen berichten in Kommentaren unter dem Text von Intimverletzungen und peinlichen Erlebnissen im Fahrradladen, wo sie um spezielle Frauensättel gebeten hätten, um dann doch einen üblichen Männersattel mit Blümchenmuster vorgesetzt zu bekommen. Wenige Hersteller scheinen sich überhaupt über die weibliche Kundschaft Gedanken zu machen. Bei Fußballschuhen, Skiern und Wanderschuhen stehen Frauen häufig vor demselben Problem.