Im Nordirak entwickelt sich nach dem Ende des »Kalifats« eine Kunstszene

Die Kunst kehrt zurück

Kalifat kaputt: Der Nordirak ist von der Terrorherrschaft des »Islamischen Staats« befreit. Künstlerinnen und Künstler wagen den Neuanfang.

Die Bilder gingen um die ganze Welt: Die berühmte Torhüterfigur Lamassu war das Wahrzeichen des Museums von Mossul im Norden des Irak. Propagandbilder des »Islamischen Staats« (IS) von Juli 2015 zeigten, wie Islamisten den aus Marmor gemeißelten Schutzdämon mit Stierkörper, Flügeln und menschlichem Kopf mit Pressluftbohrern bearbeiten und dazu »Allahu akbar« rufen. Die Statue gehörte einst zur Befestigungsanlage der assyrischen Stadt Ninive, auf deren Territorium sich Mossul heute befindet. Ninive war ein Zentrum der vorantiken mesopotamischen Hochkulturen. Das Video des IS dokumentierte außerdem die Zerstörung gut erhaltener Figuren aus den Tempeln der zum Weltkulturerbe gehörenden Stätte Hatra. Unklar ist, ob es sich bei den zerstörten Objekten tatsächlich um die Originale handelte. Denkbar wäre es, dass lediglich Nachbildungen zerstört und die Originale ins Ausland geschafft wurden. »Der Handel mit Kunstschätzen war eine der Einnahmequellen des IS«, sagt der britisch-kurdische Künstler Adalet Garmiany. Er sitzt in der 80 Kilometer östlich von Mossul liegenden Stadt Erbil vor dem Computer und schaut sich Vi­deos auf Youtube an.

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Eines davon stammt von einem kurdischen Fernsehsender. Es zeigt, wie in der Schlacht um Mossul ira­kische und kurdische Truppen am 7. März 2017 ins Stadtzentrum vordringen und dabei die Kontrolle über wichtige Regierungsgebäude sowie über das Museum wiedererlangen. Eine erste Bestandsaufnahme zeigte, dass die dem IS in Mossul in die Hände gefallenen Objekte nahezu vollständig zerstört oder geraubt worden waren.

Die Region ist bekannt für ihre Relikte aus der frühen Menschheits­geschichte. Die Zitadelle von Erbil gilt als die älteste dauerhaft bewohnte Siedlung der Welt. Die frühesten Spuren von Behausungen reichen bis ins 5. Jahrtausend vor Christus zurück. Die Zitadelle liegt auf einem Hügel inmitten der Altstadt. Nur wenige Meter davon entfernt unterhält Adalet Garmiany sein kleines Atelier. Der Generator röhrt, weil der Strom gerade wieder ausgefallen ist. Momentan verbringt der Künstler viel Zeit am Computer. Er arbeitet an einem Film über Mossul nach der Befreiung von der IS-Herrschaft. Kein einfaches Unterfangen, denn die Stadt liegt auf Territorium, das der irakischen Regierung untersteht, während Erbil die Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan im Nordirak ist. Die kurdische Region und die irakische Regierung verbindet ­lediglich der gemeinsame Kampf gegen den IS, darüberhinaus gibt es keine Kooperation. Auch wenn die Grenze für Bürger des Irak durchlässig ist, existieren unterschiedliche Befugnisse und Autoritäten. Im Zentralirak operieren Milizen, die der schiitisch dominierten Zentralregierung in Bagdad nahestehen; in Kurdistan vertraut ihnen niemand.

Während eines Theaterseminars.

Bild:
Sabine Küper-Büsch

Garmiany hätte sich früher nie träumen lassen, dass ausgerechnet in Mossul einmal das »Kalifat« aus­gerufen werden würde. »Mossul ist eine Stadt mit drei Millionen Einwohnern, etwa dreimal so groß wie Erbil. Deshalb waren wir schockiert, als der Islamische Staat, eine im Grunde kleine Gruppierung, es 2014 vermochte, eine so große Stadt einzunehmen.« Mossul war auch für den IS von besonderer Bedeutung. Dort rief der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi am 4. Juli 2014 in der Großen Moschee des al-Nuri sein »Kalifat« aus. Die international agierende Terrororganisation kontrollierte die Stadt in dem er die Bevölkerung einschüchterte und drakonische Strafen verhängte. Öffentliche Steinigungen und Enthauptungen waren ebenso alltäglich wie die Versklavung Tausender Frauen vor allem yezidischer Herkunft, die von IS-Mitgliedern vergewaltigt und als Sklavinnen verkauft wurden.

»Die jungen Leute haben in den vergangenen Jahren so viel Schreckliches gesehen. Sie spielen sehr intensiv, das ist eine Art, das Erlebte zu verarbeiten.«

Adalet Garmiany hat Anfang der neunziger Jahre in Mosul Kunst studiert. Sein Film soll vor allem seine Erinnerungen an die Stadt und die Erfahrungen der Menschen spiegeln, die jahrelang im »Kalifat« leben mussten. Auf seinem Computer sieht man die Aufnahmen eines Mannes, der durch eine vom Krieg zerbombte Straße geht. Seine Bewegungen sind langsam, sein Blick bleibt stoisch gesenkt. Garmiany erklärt, dass er ­seinen Hauptdarsteller auf der Straße von Mossul kennengelernt habe. Er galt dort als Sonderling, als einer, der nicht ganz richtig im Kopf, aber harmlos ist.

»Das Faszinierende an diesem Charakter ist, dass er es geschafft hat, unter unterschiedlichsten Machthabern in diesem Hexenkessel zu überleben, ohne sich jemals wirklich beteiligen zu müssen«, erzählt der Filmemacher. Mit dem Mann aus Mossul will er in den kommenden Monaten drehen, seine Erinnerungen nachzeichnen und versuchen, die Ereignisse zu rekonstruieren. »Die mentalen Probleme haben meinem Hauptdarsteller eine Art Freiheit eröffnet, mit unterschiedlichen ethnischen Gruppen in der Stadt kommunizieren zu können. Er gilt ja als verrückt. Das ist für mich eine Me­tapher der Situation im Irak: Wenn Irrsinn regiert, ist einer, der als irre gilt, plötzlich der Menschlichste von allen.« Im September 2018 reiste der Künstler das erste Mal wieder nach Mossul, um an einer Ausstellung teilzunehmen. »Wir durften das Museum allerdings noch nicht betreten«, berichtet Garmiany, »weil dort noch forensische Untersuchungen im Gang sind.« Die Künstler betätigten sich in der Altstadt. Garmiany schuf dort eine Rauminstallation. »Ich hatte einen kleinen, leeren Laden entdeckt, den ich nutzen wollte. Dann kam jemand und erzählte mir, dass einer der Kommandeure des IS dort ein Geschäft hatte. Das war wie eine merkwürdige Fügung.« Garmiany tauchte seine Hände in Farbe und überzog die Wände des Raumes mit bunten Handabdrücken. »Ich benutze vor allem die Farbe Rot in meinen Performances. Rot wie Blut. Die Handabdrücke sollen an das Leid erinnern, aber gleichzeitig auch in die Zukunft weisen. Wie können wir das Blutvergießen verwinden?«

Debatte zwischen Künstlern: Riyadh al-Barazanchi (links), und Adalet Garmiany.

Bild:
Sabine Küper-Büsch

Mit kulturellen Angeboten wagt eine Handvoll Leute einen Neuanfang in der Stadt. Das Institut für Bildende Künste aus Mossul hat in einem nicht genutzten Schulgebäude in Erbil eine Unterkunft auf Zeit ­gefunden. Die Stadt gilt immer noch als zu unsicher, um dorthin zurückzukehren. In der Aula probt die Theaterklasse das Stück »Die Wiege« des irakischen Autors Abdul-Kareem al-Ameri. Das Stück wurde noch zu Lebzeiten des Diktators Saddam Hussein uraufgeführt. Es beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Krieges, im Mittelpunkt stehen die Leiden der Bevölkerung. Die 19jährige Tamara Nezar geht am Stock und trägt eine Laterne. Dabei singt sie von besseren Tagen. Ihr gleichaltriger Kommilitone Hakem Minha liegt reglos auf dem Boden, ebenso sein Lehrer, der Schauspieler Abdallah Raht. Beide Männer stehen auf und beginnen einen Streit. Hakem verkörpert einen Extremisten, der mal für die eine, mal für die andere Ideologie kämpft, Hauptsache, er profitiert davon. Abdallah Raht spielt den Mann von nebenan, der eigentlich nur in Ruhe leben will, aber ständig seine Ideale und Prinzipien verrät. Die Dramaturgin Hiba Hani, die den Kurs leitet, berichtet, wie wichtig solche Workshops für die Jugendlichen sind. »Die jungen Leute haben in den vergangenen Jahren so viel Schreckliches gesehen. Sie spielen sehr intensiv, das ist eine Art, das ­Erlebte zu verarbeiten.«

Hiba Hani floh noch vor dem Einzug des IS aus Mossul, aber viele ihrer Verwandten blieben dort. Bei der Bombardierung der Altstadt, in der sich der IS verschanzt hatte, starben acht ihrer Angehörigen. Trauern ist ein langer Prozess, mit dem Theaterspielen versucht Hani, sich abzulenken und das Leid zu bewältigen. »Das Theater ist ein gutes Medium, um mit Unrecht und Leid umzugehen, ohne zu konkret ein individuelles Schicksal in den Vordergrund zu stellen. Wir spielen ein Stück, das aus einer anderen Zeit stammt, aber heute immer noch Gültigkeit hat.«