Berliner Theatertreffen

Auch der Ayatollah war irgendwie #MeToo

Das Berliner Theatertreffen schwelgt in Untergangsszenarien. Die Hoffnung ruht auf organisierten ­Minoritäten. Erstaunlich ist, wer alles zu diesen gehören soll.

Für Aufsehen sorgte beim diesjährigen Berliner Theatertreffen vor allem eine Ankündigung über das Festival, das im Rahmen der Berliner Festspiele alljährlich stattfindet. In den kommenden zwei Jahren sollen bei mindestens der Hälfte der eingeladenen »zehn bemerkenswertesten Inszenierungen« des deutschsprachigen Raums Frauen Regie führen. Thomas Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele, lieferte in seiner Eröffnungsrede allerdings eine merkwürdige Begründung. Es ging ihm nicht um die zu erwartenden positiven Effekte von Geschlechterparität auf die Theaterarbeit, sondern ganz allgemein um »Notwehr« gegen ein System. Doch gerade die drastische Wortwahl ließ Fragen offen: Warum kommt die Quote nicht als Selbstverpflichtung der mehrheitlich weiblichen Jury, sondern als Vorgabe der Veranstalter? Warum bezieht sich die Quote auf die Regieposition, deren Stellung im gegenwärtigen Theater sowieso überbewertet ist? Kann eine solche Quote bei einer repräsentativen Auswahl tatsächlich helfen, die Produktionsbedingungen in den Theatern zu ­verändern?

Die Botschaft kommt an: Irgendwie ist alles politisch im Ringen um die knappen Güter der medialen Aufmerksamkeit und kulturellen Anerkennung.

Das war durchaus nicht das einzige Befremdliche an Oberenders Eröffnungsrede. Der »Minoritätenlärm« werde nicht mehr verstummen, insistierte er, um sodann die Demonstrationen von 1989 in der DDR und die Islamische Revolution im Iran 1979 als Vorläufer der heutigen »Me too«-Debatten zu bezeichnen. Das erscheint eher als eine Projektion gegenwärtiger identitätspolitischer Vorstellungen auf die Vergangenheit. Aber die Botschaft kommt an: Irgendwie ist alles politisch im Ringen um die knappen Güter der medialen Aufmerksamkeit und kulturellen Anerkennung. Das geht einher mit einem auffälligen Schweigen über das, was man mit Marx politische Ökonomie nennt. Das freilich passt zu einem Kulturbetrieb, der sich unter glitzernden Rettungsdecken versammelt und das Prinzip von Vielfalt feiert, ohne ernsthaft deren soziale Voraussetzungen zu thema­tisieren.

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Das zeigte sich auch an dem Stück »Oratorium« des Theaterkollektivs She She Pop, das in der diesjährigen Auswahl wohl am explizitesten politisch war. Im Stil eines Singspiels nach Bertolt Brecht und Kurt Weill geht es um Wohneigentum und die Verdrängung von armen Mietern. In »Oratorium« kommt die Hauptrolle gewissermaßen dem Publikum zu. Durch eingeblendete Schriftzüge wird es zum chorischen Sprechen angeleitet. Verschiedene Gruppen werden zur Sprache gebeten, der Chor der jungen Männer ohne Einkommen, der Mütter mit prekärer Altersab­sicherung, der Ostdeutschen oder der Klassenkämpfer. So wird dann auch der Chor der Erben auf die Bühne geholt. Ungefähr sechs Millionen Euro Erbe kann das kleine Grüppchen in der besuchten Vorstellung zusammenbringen. Da können die deutschen Milliardäre mit ihren Gesamtvermögen von ungefähr 450 Milliarden Euro nur müde lächeln. Über die Kritik des individuellen Eigentums kommt das Stück nicht hinaus. Die ungleiche Verteilung der Vermögen ist das Resultat einer nur auf Anhäufung von Kapital ausgerichteten Produktionsweise, doch von Profitraten und Bodenrente ist keine Rede. Zwar gibt es zu Beginn noch ein paar Seitenhiebe gegen das Privateigentum an sich, am Ende wird aber nur der Chor der Vielfalt beschworen. So bleibt von dem Stück vor allem die politische und künstlerische Harmlosigkeit in Erinnerung, es ist mehr betreutes Theater als aufrüttelnde Agitation oder ästhetische Erfahrung.

Und sonst? Auf Melancholie getrimmte Nebellandschaften mit schwermütiger Musik von Thom Luz und eines von Ulrich Rasches drehbühnengetriebenen Stücken, die aus unerfindlichen Gründen immer wieder zum Theatertreffen eingeladen werden. Vielleicht weil darin so eindrucksvoll hin- und hergestapft wird. Bemerkenswert daran ist vor allem die Ähnlichkeit aller Arbeiten, die sich solch äußerlicher Regiemethoden bedienen. Die Inszenierung von Ersan Mondtag – noch einer derer, dessen sogenannte starke Regiehandschrift vor allem auf Wiedererkennbarkeit zur Etablierung der eigenen Marke zielt – konnte wegen Problemen mit dem Aufbau des Bühnenbilds nicht gezeigt werden. Alles weder neu noch sehenswert.

Simon Stone eröffnete das Theatertreffen mit seinem »Hotel Strindberg«, eine Überschreibung verschiedenster Stücke von August Strindberg. In dem beeindruckenden Bühnenbild, der Aufschnitt eines hyperrealistisch gestalteten Hotels, tummeln sich vor allem verschiedene Paare, die in einer Mischung aus unglücklicher Ehe, persönlicher Enttäuschung sowie ungehemmtem Sex und vor allem Suff zugrunde­gehen. Doch auch das fulminante Spiel von Martin Wuttke und Caroline Peters konnte nicht über die inhalt­liche Leere dieses in glatter Film- und Serienästhetik gestalteten Abends hinwegtäuschen.

Bei Christopher Rüpings zehnstündiger Inszenierung »Dionysos Stadt« orientiert sich der Regisseur an den antiken Festspielen zu Ehren des Gottes der Fruchtbarkeit und des Rauschs, auf drei Tragödien folgte ein Satyrspiel. Der erste Teil ist dem Revolutionär Prometheus gewidmet, mit Texten von Goethe bis Heiner Müller. Das hat durchaus ­poetische Momente, beispielsweise wenn der Prometheus-Darsteller in einem Käfig über der Bühne schwebt, nur begleitet von Schaflauten und dem Wehen des Windes. Quälend lange zieht  sich die Szene und bringt eine Ahnung dessen, was es bedeutet, 1 000 Jahre an den Kaukasus gekettet zu sein. Es folgt im zweiten Teil der Krieg um Troja mit einer Menge Mord und Totschlag, unterlegt mit wummerndem Schlagzeug und bunten Videoprojektionen, bevor dann im dritten Teil die Orestie als eine Telenovela präsentiert wird. Inzest, Kannibalismus, Vater- und Muttermord, Ehebruch, Scheidung auf altgriechische Weise durch Erschlagen und noch ein paar Grässlichkeiten mehr sind die Folge des Fluchs, der auf dem Haus des Tantalos liegt und der sich vererbt wie das Eigentum. Doch ums Eigentum geht es dann doch nicht in der Inszenierung, die damit endet, den Ausnahmefußballer Zinédine Zidane als modernen tragischen Helden zu stilisieren. Das erschöpfte Publikum dankte es mit stehenden Ovationen.

In Claudia Bauers rasanter Inszenierung von Peter Lichts Molière-Überschreibung »Tartuffe oder das Schwein der Weisen« geht es um eine Gruppe Menschen in barocken Kos­tümen, für die immer alles »okay« und »kein Problem« ist. Bis ein fettes Schwein namens Tüffi kommt und mit seinem Riesenpenis alle ficken will, was im Jargon der Leute »kontextualisieren« genannt wird. Es ist eine sich in Wortschleifen suhlende Parodie auf ein Milieu, dem jedes Unterscheidungs- und Urteilsvermögen abhanden gekommen ist, das die Welt nur noch in »geil« und »ungeil« aufteilt und permanent von der Öffnung fürs Neue palavert. Das Schwein erweist sich am Ende als ­gewöhnlicher Sex-Schamane und alle anderen als sich selbst betrügende Heuchler. Trotz interessanter Anlage läuft das schnell leer.

Ästhetisch überzeugen konnte hingegen Sebastian Hartmann mit seiner ganz in Schwarz und Weiß gehaltenen Romanadaption von Fjodor Dostojewskijs Roman »Erniedrigte und Beleidigte«, verbunden mit der ausgesprochen klugen, um den Begriff des Realismus kreisenden Hamburger Poetikvorlesung des Dramatikers Wolfram Lotz. Es sind ökonomische Motive, die in den Untergang einer Familie führen, der mit viel Geschrei und nackter Haut dargeboten wird. Die Schauspieler bewegen sich mit Textblöcken versehen improvisierend über die Bühne und damit durch die Romanlandschaft, was sich als formal stimmig erweist.

Die Bedeutung der dramatischen Literatur in der Auswahl hat weiter abgenommen, was auch Anna Bergmanns Adaption von Ingmar Bergmans Film »Persona« zeigte. Das ist wenig überraschend, gibt es doch kaum überzeugende neue Stücke für die Bühne. Die beim Theatertreffen gezeigten Inszenierungen illustrieren vor allem, dass das Theater den Untergang als Thema entdeckt hat – noch nicht aber die Ideen, die ihn aufhalten könnten.