Interview mit Ralf König

»Ich ändere nichts«

Dem schwulen Comiczeichner Ralf König wird vorgeworfen, sich rassistischer und transphober Bildsprache bedient zu haben. Er selbst wundert sich über die Dauerempörung der Gender-Aktivisten.
Interview Von

Vielen Dank, dass du dir Zeit für ein Gespräch nimmst! Es ist ja gerade einiges los bei dir…
Ja, dickes neues Buch und dünner alter Skandal. Das mit dem Wandbild in Brüssel schlummert ja schon seit einem Jahr vor sich hin.

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Was genau stört das Rainbow House, ein queeres Zentrum in Brüssel, an deinem Wandbild, dass du in dessen Auftrag 2015 gemalt hast? Erst wurde ja sogar diskutiert, das Bild zu übermalen, jetzt sollst du nur Veränderungen an Figuren vornehmen.
Zwei der insgesamt zwölf zu sehenden Comicnasen sind angeblich problematisch. Die schwarze Lesbe hat zu rote Lippen, oder überhaupt Lippen, das sei rassistisch. Ich meinte aber eher was Positives, nämlich selbstbewussten Lippenstift. Und die Drag Queen sei keine Drag Queen, sondern eine Transfrau, und das sei transphob, weil sie angeblich traurig guckt und haarig ist und auch noch dick. Ich habe aber nur eine stämmige Tunte mit etwas debilem Gesichtsausdruck gezeichnet. Wir sehen also verschiedene Dinge.

Zeichnet seit fast 40 Jahren: Ralf König in seinem Atelier.

Bild:
VVG­Köln / Ralf König

Du hast in einem Interview betont, dass eine der kritisierten Figuren eine Trümmertunte ist. Die Kritik klingt jetzt so, als müssten Tunten immer schick und glatt und schön sein. Dabei besteht ihr Selbstbewusstsein ja gerade im Anderssein, in der Peinlichkeit und der trutschigen Pose, die immer ein bisschen daneben ist. Ist die Trümmertunte ein Auslaufmodell? Musst du in Zukunft andere Figuren entwerfen, und wie sähen die dann aus?
Ich werde genau solche Comics zeichnen wie eh und je. Ich nehme sowieso stark an, dass die, die das Bild beanstanden, noch nie einen Comic von mir gelesen haben, es also gar nicht im Kontext meiner Inhalte sehen. Da ist eine neue Generation an Deck, die mein Zeug nicht mehr kennt. Und die Jungen sehen ohnehin Dinge, die wir früher nicht gesehen haben oder nicht so wichtig fanden, das ist der Lauf der Zeit.

In deiner Lebensgeschichte hast du selbst eine Wandlung vollzogen, von einem eher Schminke ablehnenden »normalen« Homosexuellen hin zur Tunte und zum politischen Schwulen.
Ach je, ich hatte 1979 beim Homolulu-Festival in Frankfurt am Main noch Probleme mit Tunten, aber da war ich 19 und kam frisch vom westfälischen Dorf. Schon wenige Wochen später stöckelte ich selbst mit hohen Schuhen herum.

Nun siehst du dich wiederum mit Kritik aus LGBT-politischer Richtung konfrontiert. Welchen Weg siehst du persönlich, mit diesen Diskussionen umzugehen?
Ich glaube, wir sollten uns alle mal locker machen. Keine Ahnung, ob die schnöde Travestie überhaupt in der Kritik steht. Aber es glaubt doch keiner oder keine ernsthaft, dass die Tunten auf den CSDs sich den Fummel verkneifen werden.

Deine Zeichnungen und Geschichten waren und sind für viele Schwule wichtige Begleiter bei ihrem Coming-out und bei persönlichen Liebes- und Leidensgeschichten. Du hast schwule Sehnsüchte ins Bild gesetzt und aufs Korn genommen. Sicherlich hast du während deiner Veröffentlichungen seit 1979 viele Reaktionen auf deine Arbeit bekommen. Haben die aktuellen Rückmeldungen da noch etwas Überraschendes an sich?
Bisher hatte ich nur nennenswert Ärger mit dem Bayerischen Landesjugendamt wegen »Bullenklöten«, das Buch war deren Meinung nach pornographisch und sollte auf den Index, aber die Bonner Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften stufte es als Kunst für Erwach­sene ein. Die Zeichnungen im Buch seien ja schwarzweiß, das würde Kinder und Jugendliche gar nicht interessieren! Fand ich eine coole Begründung. Aber das war Mitte der Neunziger. Überraschend ist heute, dass der Unmut aus den vermeintlich eigenen Reihen kommt. Das Bild wurde ja vor vier Jahren vom Rainbow House feierlich eingeweiht. Es gibt also auch dort intern viel Streit darüber.

Wie geht es nun weiter mit deiner Brüsseler Wandzeichnung? Werden acht Meter lange Zensurbalken angebracht? Oder wirst du die Figuren wirklich verändern? Unbekannte haben ja schon in rot die Wörter »Racism« und »Transphobia« über das Bild gesprüht.
Nein, ich ändere nichts, das habe ich den Rainbow-House-Leuten geschrieben. Auch, dass sie es überstreichen sollen, wenn es wirklich jemanden beleidigt oder verletzt. Es ist ihre Wand, sie können damit tun, was sie wollen. Klar, schade, unter dem Bild ist ein Hundekackplatz, da stellen sich schwule Männer gern hin und heben ihr Hemdchen hoch, wie mein kleiner »Paul« auf dem Bild. Ich kriege lustige und sexy Fotos davon geschickt. Derzeit bin ich auf dem Stand, dass das Bild vorerst bleibt, aber mit einer Plakette, warum es problematisch sei. Und das ist okay, klar sollen sie ihren Standpunkt auch deutlich machen!

Welchen Einfluss haben solche Diskussionen auf deine Arbeit? Wie gehst du persönlich mit den Vorwürfen um?
Ich stehe etwas befremdet daneben. Ich würde womöglich bei People-of-Color-Knollennasen mit Lippenstift auf Lippen zurückhaltender sein, aber das ist schon alles. Auch die Schwarzen bei »Asterix« sollen ja rassistisch sein oder die Chinesen bei »Lucky Luke« zu gelb und die Indianer zu rot. Ich glaube, das sind Scheinkämpfe, der wahre Rassismus ist da draußen, wenn Schwarze nur miese Jobs kriegen oder keine Wohnung. Dem ist nur schwer beizukommen, da stürzt man sich auf Comicfiguren.

Mit deinen Figuren übst du des Öfteren Kritik an Religionen, vor allem am Christentum und manchmal auch am Islam. Du hast dich auch bei Protesten wie jenen gegen den Papstbesuch mit versauten Engeln eingebracht. Nun hast du mit Moralaposteln aus einer ganz anderen Richtung zu tun. Werden auch sie Eingang in deine Comics finden?
Ich überlege in der Tat, eine Geschichte über die derzeitige gesellschaft­liche Dauerempörung zu zeichnen. Aber ich habe noch keinen richtigen Plot.

Auf dem Cover deines neuen Buchs »Stehaufmännchen« mussten Hoden bedeckt werden. Was steckt hinter dieser Geschichte?
Die Damen vom Vertrieb bei Rowohlt befürchteten, dass die dicken Eier im Buchregal vom Kauf abschrecken. Ich war zu der Zeit entnervt von der langen Arbeit an der Geschichte und hab dem Erectus halt einen brennenden Stock in die Hand gedrückt. Keine weitere Aufregung, auch kein Streit.

Eigentlich galt doch immer, »sex sells« – ist das im Buchhandel grundsätzlich anders? Oder verändert sich in deinen Augen derzeit der Umgang mit Sexualität in der Gesellschaft?
Das ist zwiespältig. Im Internet gibt es überall Hardcore, aber bei Facebook zum Beispiel kriegen wir alle schleichend die amerikanische Prüderie aufgedrückt. Aber die Eier hatten eher verkaufsstrategische Gründe. Das Buch hat ja auch Inhalt, ähnlich wie mein »Prototyp«, meine Adam-und-Gott-Geschichte, und man wollte vermeiden, dass es für Teile der Leserschaft zu derb wirkt.

Zuletzt ein Ausblick: Womit wirst du in deinem nächsten Buch ­unsere zarten Gemüter erregen?
»Stehaufmännchen« erscheint bei Rowohlt und ist eine Evolutions­geschichte, also wie in Afrika der Mensch vom Baum steigt, aufrecht geht und von da an nur Mist baut. Das Hauptäffchen heißt Flop und ist schwul und es gibt Queerfeminis­tinnen, die ihren Eisprung verstecken und Männchen generell scheiße ­finden. Flop verknallt sich erst in einen Homo erectus und dann in ­einen süßen Australopithecus robustus mit Penisknochen. Also jede Menge los im Pleistozän!