Geschichte des Nudismus

»FKK ist sehr deutsch«

Gespräch mit dem Historiker Hans Bergmann über die Geschichte der Freikörperkultur.
Interview Von

In einer großen Berliner Sauna müssen die  Gäste außerhalb der Saunen und Pools Bademäntel tragen. Dieser Trend ist neu. Gibt es eine neue Prüderie?
Ja und nein. Einerseits ist Nacktheit gerade medial viel stärker präsent als früher, egal ob im Internet, in Zeitschriften oder im Fernsehen. Andererseits spiegelt sich das im Alltag ja nicht wider. Nacktsein oder FKK wird nach meinem Eindruck immer weni­ger betrieben, aber das ist auch eine ­Generationenfrage.

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Nacktheit wird also einerseits tabuisiert und andererseits zur Ware gemacht?
Tabuisiert würde ich nicht sagen. Eher hat sie verloren, wofür sie einmal stand, nämlich für Freiheit. Diese Art, sich zu befreien, indem man sich entblößt und zeigt, hat heutzutage keine Bedeutung mehr.

Und dennoch hatten Menschen immer das Bedürfnis, sich auszuziehen.
Die Freikörperkultur (FKK) ist ja vor allem eine deutsche Erfindung. In vielen Ländern gibt es Nudisten und Leu­te, die gerne nackt sind, aber als Bewegung ist es sehr deutsch. Aus der Nacktkulturgeschichte heraus gibt es da nämlich Unterschiede. Der Begriff Freikörperkultur, FKK, entsteht erst in den zwanziger Jahren, davor nannte man es Nacktkultur. Das macht ja eigentlich deutlicher, was dahinter steckt. Es ging darum, eine Kultur zu entwickeln, in der sich alle Geschlechter gemeinsam an bestimmten Orten nackt zeigen konnten. Das ist für uns heutzutage vielleicht eine größere Selbstverständlichkeit, aber im Kaiserreich war das fast schon skandalös. Die Menschen waren umgeben von einer Gesellschaft, die verhüllt war, sogar im Sommer mit hochgeschlossenen Kleidern und Hüten.

Gleichzeitig beruhte der FKK-Gedanke auf einer Vorstellung von Keuschheit. Warum legte man solchen Wert darauf, dass Nacktheit nichts mit Sex zu tun habe?
Nacktheit wurde ideologisch überhöht. Man betrachtete das Nacktsein als besonders rein und besonders ­moralisch. Da hatte Sex nichts zu suchen. Die angezogenen Menschen, so die Vorstellung, machten sich insgeheim Gedanken über die Körper der ande­ren. Sie wurden auch als weniger diszipliniert betrachtet, weil ja die Kleidung auch eine Erektion verhüllen konnte. Der Nackte musste sich eben zusammenreißen, um seine Lüste in Zaum zu halten. Dahinter steht ein ausgepräg­tes Konzept der Selbstbeherrschung, Kontrolle und Disziplinierung.

Das klingt nicht sehr hedonistisch.
Es war jedenfalls bis zur Weimarer Republik eine Bewegung zur Selbstdisziplinierung. Der völkische Ideologe ­Richard Ungewitter, der als antisemitischer Pionier des FKK in der Kaiserzeit und auch noch im NS aktiv war, hat sich nach und nach alles abgewöhnt. Am Ende hat er wohl auch den Sex eingestellt.

Als Teil der Lebensreformbewegung basiert FKK also auch auf rassehygienischen Vorstellungen?
Diese völkische und nationalsozialistische Strömung beginnt sich schon im Kaiserreich zu entwickeln. Ungewitter war ein ganz übler Propagandist völkischer, rassistischer und antisemitischer Vorstellungen. Auch der völkische Publizist Heinrich Pudor, später bekannt als Heinrich Scham, hob stark darauf ab, dass Nacktheit ein Beitrag zur Hebung der Volksgesundheit und gegen die gesellschaftliche »Degeneration« sei. Die FKK-Bewegung hat sich erst in der Weimarer Republik stark aufgefächert. Es gab eine sozialistisch orientierte Bewegung, eine bürgerliche und eben eine völkische. 1933 wurden die sozialistisch orientierten FKK-Bünde verboten. Die Bürgerlichen haben ihre jüdischen Mitglieder rausgeworfen und sich angepasst und die Völkischen machten einfach weiter. Die Vereine wurden dann gleichgeschaltet und schlossen sich zusammen im sogenannten Bund für Leibeszucht. Und da war klar, dass es sich nicht mehr um Freizeitvergnügen handelte, sondern um Erziehung und Züchtigung. Man musste zum Beispiel paramilitärischen Sport betreiben.

Waren diese Vereine im Nationalsozialismus erlaubt?
Die Vereine ja. Und mitten im Zweiten Weltkrieg, 1942, wird FKK dann mit einer sogenannten Polizeibadeverordnung auch öffentlich legalisiert. Da wird dann an ausgewiesenen Plätzen das Nacktsein erlaubt.

Die FKK-Vereine in der Weimarer Republik, aber auch der Nazi-Bund verlegten eigene Zeitschriften, in denen man bedingt erotische und auch homoerotische Bilder findet. Wurde die Bildsprache auch schon damals so wahrgenommen?
Die ganze Bildproduktion in der Nacktkultur hatte den Aspekt, erotisches Material zu liefern, auch wenn man das immer negiert hat. Besonders für das Betrachten männlicher Nacktheit im Bild oder Film gab es weniger Gelegenheit als für das Angucken nackter Frauen. Ein öffentlicher Aushang war aber in der Weimarer Republik auch nicht möglich. Die Hefte wurden eher unter dem Ladentisch verkauft.

In der DDR war die Freikörperkultur weit verbreitet. War sie dort auch staatlich verordnet?
In der DDR gab es in den fünfziger Jahren noch Versuche, FKK zu bekämpfen. Einige Sommer lang gab es an der Ostsee immer mal wieder kleinere Polizeirazzien. Das muss ein eigenartiges Spiel gewesen sein. Die Polizei kam an den Strand, die Leute zogen sich an. Die Polizei rückte ab, die Leute zogen sich wieder aus. Es war insgesamt eine recht unpolitische, aber sehr weit verbreitete Freizeitbetätigung. Wirklich organisiert wie im Westen waren die Leute allerdings nicht.

War das im Westen politischer?
Im Westen hat sich eher die streng­ ­lebensreformerische Strömung mit Vegetarismus und so weiter durchgesetzt, wo der eigene Beitrag zur Sitt­lichkeit stark betont wurde. Die organisierte FKK-Bewegung passte sehr gut in die Adenauer-Zeit, die ja auch eine sehr eigene Mischung aus Prüderie und Doppelmoral hatte.

Hans Bergemann ist Mitarbeiter der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft. Mit der »Jungle World« sprach er über die Geschichte der FKK-Bewegung in Deutschland und die Bedeutung des Nacktseins als Freiheit.

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