Breakdance als olympische Disziplin

Kunst oder Kommerz?

Breakdance soll 2024 eine Disziplin der Olympischen Spiele werden. Viele Breakdancer protestieren dagegen. Sie wollen sich von der olympischen Kommerzmaschine nicht vereinnahmen lassen.

Kaum zu glauben, dass das für Willy Hem nicht viel mehr ist als ein leichtes Warm-up: Auf einen Arm gestützt schraubt sich der junge Tänzer vom Boden hoch, macht einen Handstand mit nur einer Hand, winkelt ein Bein dabei an und bleibt für einen Augenblick in der Luft stehen. Als drücke er in einem viel zu schnell laufenden Film, der da abläuft, die Pausentaste. »Air Freeze« heißt diese Figur in Breakdancer-Kreisen. Kurz darauf dreht Hem sich um die eigene Achse, während wuchtige HipHop-Beats ertönen, schlägt ein Rad, dreht sich auf dem Rücken und wirbelt in einem Irrsinnstempo durch die Luft. Die Augen des Betrachters können kaum folgen.

»Für mich ist Breakdance Kunst, kein Sport.«

Willy Hem – alias B-Boy Willy – trainiert an diesem Nachmittag in der »Flying Steps Academy« in Berlin-Kreuzberg, der er seit 2015 angehört. Hem ist einer der talentiertesten Tänzer der Schule, er hat auch schon einen großen »Battle«, also einen Breakdance-Wettbewerb, gewonnen: 2016 wurde er Erster beim »Red Bull Battle Championship« in seinem Herkunftsland Frankreich. Obwohl Hem diese Veranstaltungen liebt und sich auch als Wertungsrichter be­teiligt, ist der Wettstreit für ihn nicht das Wichtigste beim Tanzen: »Für mich ist Breakdance Kunst, kein Sport.«

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Für jemanden wie Hem könnten sich bald ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Im Jahr 2024, bei den Olympischen Sommerspielen in Paris, soll Breakdance ins Programm aufgenommen werden. Das hat das französische Organisationskomitee der Olympischen Spiele vorgeschlagen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) entscheidet im Dezember 2020 endgültig darüber. Seit der vom IOC vor fünf Jahren beschlossenen »Agenda 2020«, mit der die Spiele reformiert werden sollen, dürfen die jeweiligen Gastgeber neue Sportarten vorschlagen. In Tokio werden im kommenden Jahr Baseball für Männer, Softball für Frauen, Karate, Sportklettern, Skateboarding und Surfen olympisch.

Gerade bei einer Disziplin, die so sehr street ist wie Breakdance, führt das selbstverständlich zu heftigen Debatten. Im New York der Siebziger, genauer in der Bronx, hat der Sport seine Ursprünge, er ist eng mit dem HipHop verflochten. In den Achtzigern machten ihn Filme wie »Beat Street« populär – und blieb doch Teil der urbanen Subkultur. Viele Breakdancer sehen sich nun in einem Zwiespalt: Einerseits brächte eine Aufnahme ins olympische Programm der Subkultur mehr Respekt und bessere, auch ökonomische, Möglichkeiten. Andererseits hieße es, Teil des Systems der Sportverbände und des nicht gerade gut beleumundeten IOC zu werden. Hem zuckt nur mit den Schultern: »Ich weiß nicht, ob ich an Olympia-Qualifikationen teilnehmen würde. Mir ist es nicht so wichtig, ob Breakdance olympisch wird oder nicht. Die Tanzkultur und der Spaß daran sind entscheidend.«

Andere nehmen es nicht so locker. Als der Welttanzsportverband (WDSF) Verhandlungen mit dem IOC aufnahm und sich so zum Vertreter der globalen Community aufschwang, initiierte der armenische Breakdancer Serouj Aprahamian eine Petition auf change.org mit dem Titel: »Get the WDSF’s Hands Off HipHop«. Fast 2 200 Menschen unterschrieben. Weitere Break­dancerinnen und Breakdancer äußerten sich in sozialen Medien. Zwei Südkoreaner versuchten auf Youtube, den Verbänden die Grundlagen zu erklären: »Breakdance« sage kein Mensch in der Szene, es heiße »Breaking«. Und die Aktiven hießen »B-Boys« und ­»B-Girls«.

»Wenn man eine coole Location findet, in der die Battles stattfinden, könnte das richtig gut werden. Olympischer Breakdance in einer alten Fabrikhalle – das hätte doch was.«

An einem Tisch in der Lounge der »Flying Steps Academy« sitzt Vartan Bassil. Bassil ist seit den frühen Neunzigern bei den Flying Steps, jener Berliner Breakdance-Crew, mit der er die Tanzschule 2007 ins Leben rief. Begonnen haben sie 1993 als kleines Kollektiv, mittlerweile stemmen sie große Shows wie die Produktion »Flying Pictures«, die noch bis Anfang Juni im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen ist.

Bassils Crew entstammt der Berliner HipHop- und Popszene: »Wir haben meistens in Jugendclubs trainiert, oder im Sommer draußen.« Relativ schnell wurde es aber auch wichtig, gegeneinander anzutreten. »Wir haben bei den Competitions viele wichtige Erfahrungen gesammelt. Erst haben wir an kleinen Battles in Berlin teilgenommen, dann deutschlandweit und international. Es war immer unser Ziel, uns mit anderen Tänzern zu messen. Daraus lernst du, dadurch wirst du besser.«

So stellt auch kaum jemand in der Szene den Wettbewerbscharakter an sich in Frage. Schließlich haben ­Breakdance-Competitions eine ­lange Tradition. Der internationale »Battle of the Year« wurde erstmals 1990 ausgetragen, meist fand er in Deutschland oder Frankreich statt. Später folgten das »Notorious IBE« in den Niederlanden und die dänischen »Floor Wars«. Nur sind diese Events mehr oder weniger in Szenehand. Hieße der Veranstalter IOC, wäre einiges anders. In dem Fall gäbe es eine Deutsche Meisterschaft als Qualifikation, veranstaltet vom Deutschen Tanzsportverband.

Ralf Josat ist Präsident von »TAF Germany«, jenes Bereichs des Tanzsportverbands, der die urbanen Tanzstile vertritt. Josat erzählt am Telefon, dass ein Teil der Szene zu Olympia sage: »Brauchen wir nicht, wollen wir nicht, wir tanzen auf der Straße.« Gerade in dieser extrem freien Szene lasse man sich nur ungern fremdbestimmen. Aber es gebe eben auch den anderen Teil der Szene, der dem Vereinswesen aufgeschlossener gegenüberstehe. So sind in Josats Verband etwa 200 Breakdancer organisiert. Ohnehin nehme die Sportart gerade organisiertere Formen an. Im März fanden nationale Ausscheidungswettkämpfe von TAF Germany statt – die Gewinner nehmen am Sonntag im chinesischen Nanjing an der ersten Breakdance-WM teil, die vom Welttanzsportverband WDSF ausgerichtet wird.

Bei ihren Turnieren gebe es ein »relativ lockeres Regelwerk«, sagt Josat. Bei einem Battle treten zwei B-Boys oder -Girls gegeneinander an. Sie tanzen in einer vorgegebenen Zeit zu einer Musik, die sie in der Regel nicht kennen. Ein drei- bis fünfköpfiges Wertungsgericht entscheidet, wer gewonnen hat. Kriterien sind zum Beispiel, wie fließend die Bewegungen ineinander übergehen, ob sie zum Rhythmus der Musik passen und wie die Tanzenden aufeinander reagieren (»Battle-Verhalten«). Ähnlich war das Prozedere auch bei den Youth Olympics 2018. Josat sagt, es sei »klug, junge Leute aus einer komplett anderen Richtung an die Olympischen Spiele heranzuführen«. Er selbst hat eine Vision für die Spiele der Zukunft: »Wenn man eine coole Location findet, in der die Battles stattfinden, könnte das richtig gut werden. Olympischer Breakdance in einer alten Fabrikhalle – das hätte doch was.« Aber kann man sich ein solches Olympia derzeit vorstellen? Und haben die B-Boys und -Girls Lust, an der Coolwerdung des IOC mitzuwirken?

»Breakdance bei Olympia könnte dafür sorgen, dass es endlich mehr ­Respekt für den Tanz gibt«

Als bloße Imagepolitur will der IOC-Programmdirektor Kit McConnell die jüngeren Olympiareformen nicht verstanden wissen. »Es geht eher darum, die Spiele zu erneuern«, sagt der 45jährige. »Nachhaltigkeit, Glaubwürdigkeit und Jugend waren wichtige Aspekte der ›Agenda 2020‹. Nicht umsonst ist der Claim für Tokio 2020 ›More youth, more urban, more women‹«. Bei den Winterspielen sieht McConnell das teilweise bereits umgesetzt, seit Freestyle-Skiing/Skicross, Snowboard-Cross und Skispringen für Frauen im Programm sind. McConnell sagt, dass die urbane Subkultur auch bei Olympia urbane Subkultur bleiben solle: »Wir wollen die Communities einbinden, die diese Sportarten praktizieren. Nicht nur, was den Wettbewerb, sondern auch, was den Lifestyle betrifft.«

Aber sind die subkulturellen Athletinnen und Athleten überhaupt bereit, die Gigantonomie und den Kommerz Olympias mitzutragen? McConnell sieht da kein Problem. »In Sportarten wie Skateboarden oder Breaking wird doch auch im Tagesgeschäft viel mit großen Sponsoren gearbeitet.« Aber selbstverständlich gebe es gegenüber den olympischen Verbänden Skepsis, so McConnell, und das verstehe man auch. »Wir wollen diese Kulturen und Communities wirklich respektieren, das ist uns ein Anliegen.«

Vartan Bassil bewertet bislang zumindest das Bemühen der Verbände, eng mit der Szene zu kooperieren, als positiv. »Ich kenne alle aus der Szene, die dort involviert sind«, sagt er, »es sind die richtigen Leute.« Für seinen Sport, so Bassil, sei Olympia in erster Linie etwas Positives – und ob jemand ein Event wie Olympia unterstützen wolle oder nicht, »diese Frage kann jeder Tänzer später für sich selbst beantworten«. Bassil erhofft sich zum einen, dass Breakdance besser gefördert wird, zum anderen ein größeres Renommee für seinen Sport. »Wenn ein Kind dann zu seinen Eltern sagt: ›Ich will Breakdance machen, mein Traum ist Olympia‹, dann bekommt das einen ganz anderen Stellenwert.«

Die Sache mit dem Renommee würde Willy Hem unterschreiben. »Breakdance bei Olympia könnte dafür sorgen, dass es endlich mehr ­Respekt für den Tanz gibt«, so Hem. Es ist eine Forderung, die hier, in der Kreuzberger Tanzschule, wo er an diesem Nachmittag mit sechs anderen Teens und Twens trainiert, auffällig oft geäußert wird. Der Wunsch, als Tänzer endlich anerkannt und nicht länger schräg angeguckt zu werden, scheint in der Academy größer zu sein als die Furcht vor der Kommerzmaschine Olympia.