Das herumlungernde Subjekt

Zur Ökonomie des Cornerns

Wie das Herumlungern an Straßenecken kommodifiziert wird: Über das Phänomen der »corner boys«, nichtintendierte Folgen moderner Stadtplanung und die »Glokalisierung« von HipHop.

Anfang Juni erfreuten die (Neu-)Berliner Rapper Pöbel MC und Tiger & G.G.B. ihre Fans mit einem kostenlosen Auftritt auf dem Nettelbeckplatz. Kein Grund, sich verwundert die ­Augen zu reiben, wenn man um die quasianarchische Selbstorganisation des Kreises um das Weddinger Musiklabel »Upstruct« weiß, zu dem auch Shacke One und MC Bomber gehören. Dass sie dabei jedoch »freundliche ­Unterstützung« von der Großbrauerei Warsteiner bekommen haben, wirft Fragen auf, wo doch die Unbestechlichkeit der Musiker des Labels unbestritten ist. Neuerdings versucht die nordrhein-westfälische Großbrauerei, im Zeitalter von Mikrobrauereien und Craft Beer neue Zielgruppen nicht mehr nur als Sponsor von Mainstreamfestivals wie dem Melt, sondern offenbar auch in Nischen zu erreichen. Aber Warsteiner in den Händen der einzig wahren Sprüherrapper? Dem einzigen Fan, der auf Facebook wenigstens die Qualität der selbsternannten Premiummarke beargwöhnte, antwortete Upstruct souverän im Paarreim, bei geschenkten Drogen werde nicht nachgewogen. Nüchtern betrachtet steht die Veranstaltung jedoch stellvertretend für die unaufhaltsame Kommerzialisierung der Straßenecke.

Durch den HipHop wurde die Straßenecke ein zentrales Symbol afroamerikanischer Subkultur.

»Am Cornern« lautete das Motto der ursprünglich an drei Straßenecken geplanten Konzertreihe von Upstruct. Der Titel spielt auf eine soziale Praxis an, die sich nicht nur in Berlin großer Beliebtheit erfreut. Mit der gewöhnlichen Verspätung ist sie auch von Lokalredaktionen entdeckt worden; dem ­Zukunftswissenschaftler Ulrich Reinhardt zufolge stellt sie eine Alternative zum bloßen Konsum dar. Die Soziologie ist dagegen bislang blindlings an der Straßenecke vorbeimarschiert – mit Ausnahme von William F. Whyte, der ein Bostoner Italienerviertel in seiner 1943 publizierten Langzeitstudie »Street Corner Society« teilnehmend beobachtete. In diesem Meisterwerk der sozio­logischen Feldforschung differenziert Whyte idealtypisch college und corner boys (girls eingeschlossen). Beide Gruppen internalisieren in ihrer Sozialisation ein je spezifisches Verhaltensmodell. Während das der college boys auf Selbsterhaltung ausgerichtet ist und deren Aufstieg erleichtert, sabotiert das Freundschaft favorisierende Verhaltensmodell der corner boys deren Aufstieg. Die Studie verweist auf die große soziale Bedeutung der Straßenecke und stellt zumindest implizit das bürgerliche Glücksversprechen in einer antagonistischen Klassengesellschaft in Frage.

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Als mehr als eine Generation nach Veröffentlichung der Studie in den USA allmählich der HipHop entstand, wurde die street corner zum Epizentrum der afroamerikanischen Unterschicht in der New Yorker Bronx und ­andernorts. Während die Straßenecke den Gangs als Arena ihrer Revierkämpfe und als Marktplatz für den Drogenhandel diente, wetteiferten dort auch die Breakdancer und Freestyler. Anwohner versammelten sich um das Schauspiel, zur Unterhaltung inmitten eines von Armut geprägten Alltags.

Solche Ansammlungen waren ein nichtintendierter Nebeneffekt einer in den USA bis heute vorherrschenden Stadtplanung, die den urbanen Raum wie ein Schachbrett zergliedert. Dadurch entsteht, was in der Terminologie des französischen Soziologen Henri ­Lefebvre als »abstrakter Raum« par excellence gelten kann. An den Straßenecken Harlems und der Bronx fehlten jedoch die für dieses Konzept vor­bildlichen Hochhäuser, die gleichgültig gegenüber dem Raum ohne eine bevorzugte Frontalansicht in den Himmel ragen. Da, wo mit den Fassaden auch die Straße erhalten blieb, fielen in den Worten Lefebvres »Repräsentation des Raums« und »räumliche Praxis« auseinander, und die Nutzung des Raums ging nicht in seiner Planung auf. Cornern war nicht vorgesehen.

Durch den HipHop wurde die Straßenecke ein zentrales Symbol afro­amerikanischer Subkultur. Diese bekam einerseits staatliche Repression zu ­spüren und wurde andererseits von der Kulturindustrie vereinnahmt. Hip­Hop war zwar in den Worten des Rappers Chuck D das »CNN der Schwarzen«, ab Mitte der achtziger Jahre popularisierte MTV den Stil aber auch für andere Bevölkerungsgruppen. HipHop gelang der Aufstieg vom Bordstein zur Skyline.

Im Zuge seiner massenmedialen ­Inszenierung wurde das Cornern zu ­einer »glokalen« Praxis, die prinzipiell überall auf der Welt (»global«) und nicht nur an der Straßenecke (»lokal«) vollzogen werden kann, eine Praxis, die immer an ihren Ursprung erinnert, während sie ihn gleichzeitig verleugnet. Am Herumlungern an Straßenecken erfreuen sich heute so unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen wie Hipster, Trinker, Aktivisten, Künstler, Touristen, Schüler, Studierende und Marginalisierte. Eine kostenlose Freizeitbeschäftigung für die einen, ein wertvolles ­kollektives Erlebnis für die anderen.

So ist auch der Habitus beim Cornern, wie es heutzutage in deutschen Städten praktiziert wird, vorwiegend kleinbürgerlich. Das herumlungernde Subjekt will sehen, was auf der Straße passiert, ihre Reize aufnehmen, das ­Geschehen zum Gegenstand seiner Konversation machen. Das hektisch an ihm vorbeiziehende Leben der Stadt dient als bewegtes Hintergrundbild seiner Zerstreuung. Es fühlt sich von Lärm und Gestank angezogen. Das ­herumlungernde Subjekt ist jedoch nicht nur Voyeur, sondern auch Exhibitionist. Es will gesehen werden, wie es sich mit Gleichgesinnten ostentativ die Zeit vertreibt. Der zur Schau gestellte Rausch gehorcht jedoch nicht nur der Leidenschaft hedonistischer Sozialcharaktere, sondern unterwirft sich einer Ordnung, die im Vollzug dieser Praxis reproduziert wird. Die demonstrative Untätigkeit parodiert sich in ­ihrer Geschäftigkeit selbst. Zudem konkurrieren heutzutage die college boys mit den Marginalisierten um die Straßenecken.

Das alles läuft natürlich nicht ohne die Konflikte zwischen college boys und corner boys ab, wie sie bereits Whyte beschrieb. Einige Konflikte eskalieren und landen vor Gericht. Es zeichnen sich aber auch Auseinandersetzungen mit Anwohnern ab, die am Herumlungern keinen Gefallen finden. In fast alle ­Zeitungsartikeln ist das Cornern negativ konnotiert, und auch besorgte ­Anwohner und jene Kleinstkapitalisten, die davon nicht zu profitieren ver­mögen, empören sich über die Praxis: Schmutz, Lärm, Verkehrschaos und Kneipensterben werden ihm zugeschrieben. Rufe nach Restriktionen werden laut und von einer zuverlässig alarmistischen Berichterstattung verstärkt. ­Liberale Metropolen wie Berlin ziehen Touristen aus Ländern mit strenger Gesetzgebung an, wodurch sich die Probleme in diesen Metropolen noch ­potenzieren. Infolge der sukzessiven Produktion eines neuen städtischen Raums ändern sich urbane Lebensweisen. Anwohner fühlen sich oft als »Touristen in der eigenen Stadt«. In dieser Wahrnehmung gerät das Cornern zum Menetekel des sogenannten Easy­jetset-Tourismus. Man wähnt sich in ­einer außer Kontrolle geratenen Kolonialisierung der Stadt durch Menschen, die mit den Folgen nicht leben müssen, da sie am Tag danach vielleicht schon wieder zu Hause sind – was im Zweifel auch nur ein anderer Bezirk sein kann.

Das von Warsteiner gesponsorte Konzert war, um wieder zum Nettelbeckplatz zurückzukehren, gut besucht. Die Brauerei hielt sich mit offensiver ­Eigenwerbung zurück und überließ die übriggebliebenen Bierkästen den ­Veranstaltern – das spricht für die Cleverness der Battlerapper. Und zeigt wiederum, wie trotz fortschreitender Kommodifizierung das Cornern noch ­etwas Resilienz und Renitenz gegen diese enthält.

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