Saša Stanišićs Roman »Herkunft«

Sag mir, wo die Wurzeln sind

Saša Stanišićs autobiographischer Roman »Herkunft« handelt von der Last der Zuschreibungen und der Freiheit, sich davon zu lösen.

Zum Ende hin löst sich alles auf: ­Herkunft, Erzählung und Identität. Auf den letzten 50 Seiten von Saša Stanišićs autobiographischem Roman »Herkunft« bestimmt der Leser, wie es weitergeht. Nach jedem der kurzen Kapitel hat er selbst zu entscheiden, welchen Fortgang die Erzählung nimmt. »Du wartest, dass Großmutter aufwacht. Lies weiter auf Seite 314 – Du fährst los und liest weiter auf Seite 298«, heißt es dort etwa. Nicht Herkunft, sondern Zufälle und Entscheidungen bestimmen über die Zukunft des Einzelnen. Das macht der 1978 in Višegrad im damaligen Jugoslawien geborene Autor mit dieser Form des Erzählens deutlich: »Jedes Zuhause ist ein zufälliges. Dort wirst du geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Niere der Wissenschaft. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann.« Die Erzählung über  die letzten Monate im Leben seiner Groß­mutter, deren Erinnerungen wegen ihrer Demenz verloren zu gehen drohen, ist gespickt mit Fantasy-Elementen. Es ist das Finale eines ­furiosen Abgesangs auf die Last der eigenen Herkunft: »Wie man es dreht, Herkunft bleibt doch ein Konstrukt! Eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist. Als solches ein Fluch.«

»Jedes Zuhause ist ein zufälliges. Dort wirst du geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Niere der Wissenschaft.«

An anderer Stelle schreibt der Erzähler: »Ich verstehe nicht, dass Herkunft Eigenschaften mit sich bringen soll.« Dennoch begibt sich Stanišić auf die Suche nach seiner Familie im ehemaligen Jugoslawien, besucht mit seiner Großmutter die Gräber von Vorfahren und mit seinem Sohn den Heidelberger Vorort Emmertsgrund, wo er mit seinen Eltern nach der Flucht vor dem Bürgerkrieg gelandet war. Denn er hat Folgendes gelernt: Selbt wenn man die eigene Herkunft für unwichtig hält, wird man trotzdem immer wieder auf sie zurückgeworfen, sie wird herangezogen, um auszugrenzen und zu bestimmen, wer dazu gehören darf und wer nicht. Und daher ist es nicht schlecht, sie zumindest zu kennen.

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Als Jugendlicher hat der Erzähler noch davon geträumt, dass seine ­Eltern »Wurzeln schlagen« und in Heidelberg eine »Heimat finden« würden. »Was habt ihr da im Garten angepflanzt?« sei doch eine wunderbare Frage an einen Geflüchteten in Deutschland, sagt der jugendliche Saša. In der Phantasie des 16jährigen führen seine in Heidelberg gestran­deten Eltern nicht nur ein ganz normales Sozialleben, sondern sind auch verwurzelt in Deutschland, mindestens im Vorgarten. Um »Wurzeln« geht es oft in dem autobiographischen Roman, mal sind sie ­Metapher, mal ganz real. Wurzeln drohen den Protagonisten zu umschlingen, er versucht, sich von der Vorstellung der Verwurzelung und der damit verbundenen Ideologie von Blut und Boden zu lösen.

Ein Handlungsstrang von »Herkunft« beschreibt, wie Stanišić 2009 mit seiner Großmutter das Dorf Oskoruša besucht. Gavrilo, einer der letzten 13 Bewohner des Dorfs und ein entfernter Verwandter des Erzählers, ist angesichts des Besuchs der jüngsten Generation kaum zu bremsen: »Der Ort ist hier! Oskoruša! Hier schlugen sie ihre Wurzeln! Stanišić, Stanišić, Stanišić. Und jetzt – jetzt kommst du!« Später sagt er, während er Schnaps in die Erde gießt: »Hier liegt dein Urgroßvater.« All das Gerede über die Wurzeln, die Erde, die Gräber und die familiäre Vergangenheit werden dem Besucher schnell zu viel. Welche Erkenntnis soll sich aus diesem Wissen ergeben, fragt er sich, welche Rolle sollen die Herkunft, dieses Dorf, für sein Leben in Deutsch­land spielen. »Ich stehe unter dem Baum der Erkenntnis, und der Baum wurzelt im Grab meiner Großeltern«, fasst er den Besuch zusammen, der Baum jedoch sei »kein Symbol mehr. Er trägt einfach nur Blüten.« Die Schwere des Bildes der Verwur­zelung will er auflösen, das Symbol für »Heimat« entwurzeln.

Diese Distanz zu seiner Herkunft musste er sich erst erarbeiten. Als er 1992 mit 14 Jahren vor dem Bürgerkrieg über Ungarn nach Deutschland floh, verlangten alle von ihm, sich damit zu beschäftigen, »Wurzeln« in Oskoruša und eben nicht im Odenwald zu besitzen, seine »Heimat« verloren zu haben und überhaupt ziemlich wurzellos zu sein. Daher bietet Stanišić gegen Heimat den Begriff der Herkunft auf, der etwas weniger unflexibel ist, weniger starr. Zwar problematisiert er auch diesen Begriff als »Fluch«, »Konstrukt« und »Krieg«, doch trägt dieser im Gegensatz zu den fest verankerten Wurzeln auch eine Bewegung in sich, die nicht abgeschlossen sein muss und auch widersprüchlich sein kann.

Für seine Mutter ist Herkunft »das Zusammenzucken, wenn jemand in ihrer Geburtsstadt ihren Namen ruft«.

Stanišićs verbindet mit Herkunft den Fußballclub Roter Stern Belgrad, eine Aral-Tankstelle in Heidelberg, Ivo Andrić und Joseph von Eichendorff, Višegrad, Heidelberg und Hamburg. Für seine Mutter ist Herkunft »das Zusammenzucken, wenn jemand in ihrer Geburtsstadt ihren Namen ruft«. Denn diese geographische Herkunft wurde ihr streitig gemacht: Sie musste als bosnische Muslima fliehen, die »ethnische Herkunft hing ihr an wie ein hartnäckiges Gerücht«. Der Vater, ein orthodoxer Serbe, folgte den beiden später nach Heidelberg. Er ist wortkarg, erzählt immerhin, dass »es Großmutter gut geht. Den Umstän­den entsprechend.« Was die Umstän­de konkret sind, dazu schweigt er. Wie die Narbe an seinem Oberschenkel entstanden ist,  erzählt er auch nicht.

Die ersten Jahre nach Stanišićs Ankunft im Odenwald sind von Demütigungen durch die Mehrheitsgesellschaft bestimmt. »Mit der Zeit kannten wir die Vorurteile und lernten, gemeint zu sein, ohne so zu sein. Aggressiv und primitiv und illegal. Zwiebeln und Keime. Ausgewandert, um zu unterwandern«, schreibt Stanišić. Gegen diese Zuschreibungen und Festlegungen setzen er und seine neuen migrantischen Freunde aus aller Welt sich zur Wehr, indem sie sich eine eigene »Heimat« schaffen. Ihr Treffpunkt ist eine Aral-Tankstelle in Heidelberg-Emmertsgrund, wo sich die in Deutschland gestrandeten Jugendlichen täglich treffen und versuchen, sich mit vermeintlich Erlebtem gegenseitig zu übertrumpfen.

»Dass ich diese Geschichten überhaupt schreiben kann und schreiben will, verdanke ich nicht Grenzen, sondern ihrer Durchlässigkeit, verdanke ich Menschen, die sich nicht abgeschottet, sondern zugehört haben.«

In dieser »Aral-Literatur« liege der Kern seines eigenen Schreibens, da ist sich Stanišić sicher. Er erlernte mit Hölderlin und Joseph von Eichendorff Deutsch und begann einige Jahre später, mit der Unterstützung eines Lehrers an eigenen literarischen Texten zu arbeiten – wieder ein lebensverändernder Zufall: »Dass ich diese Geschichten überhaupt schreiben kann und schreiben will, verdanke ich nicht Grenzen, sondern ihrer Durchlässigkeit, verdanke ich Menschen, die sich nicht abgeschottet, sondern zugehört haben.« Die Erfolgsgeschichte des jungen Mannes, der schließlich studieren kann, während seinen Eltern die Abschiebung droht, ist nichts anderes als ein großer Zufall, stellt Stanišić immer wieder heraus – eine andere Herkunft, eine andere Bewegung hätte ihm auch ein anderes Leben zuschreiben können. Nach den Pog­romen in Rostock-Lichtenhagen bringt der Lehrer Zeitungsartikel mit in den Unterricht: »Wir lasen stumm und blieben stumm nach dem Lesen. Sonst meldete sich immer gleich jemand, weil etwas nicht begriffen worden war. Diesmal hatten das Wesentliche wohl alle begriffen. Diesmal waren wir gemeint.« Gemeint sind all jene, deren Herkunft eine Aral-Tankstelle und nicht der deutsche Boden in welchen Grenzen auch immer ist.

Saša Stanišić ist mittlerweile ein anerkannter Autor. Dennoch hat er sich eine kritische Distanz zur Gesellschaft bewahrt. Er blickt kritisch auf die Mechanismen, die über Zugehörigkeit und Ausschluss bestimmen, auf die Rolle von »Heimat« und Herkunft, auf die Zufälle, von denen das Leben der Geflüchteten bestimmt wird. Statt die Erwartungen an eine Autobiographie zu erfüllen, lässt er in seinem Buch Drachen auftauchen, spielt mit den Erwartungen der Leser und bekennt offen, Teile seiner Biographie erfunden und ausgeschmückt zu haben. Der Reinheit einer literarischen Gattung setzt er seine Mischform entgegen, schweift ab, setzt den Umweg als Strategie ein, statt eine stringente Erzählung zu präsentieren, die den wenigsten Fluchtbiographien entsprechen dürfte. »Diese Geschichte beginnt mit dem Befeuern der Welt durch das Addieren von Geschichten. Nur noch eine! Nur noch eine! Ich werde einige Male ansetzen und einige Enden finden, ich kenne mich doch. Ohne Abschweifung wären meine Geschichten überhaupt nicht meine. Die Abschweifung ist mein Modus des Schreibens.« Das Abschweifen wird zum Gegenentwurf der vermeintlichen Klarheit von Herkunft. »Herkunft sind die süß-bitteren Zufälle, die uns hierhin, dorthin getragen ­haben. Sie ist Zugehörigkeit, zu der man nichts beigesteuert hat.« Noch schlimmer als die Festlegung auf eine Herkunft, von der sich alles ableiten soll, ist für Stanišić nur das Bild von der Wurzel, diesem »Gehölz, Farn, Gedöns«.

Saša Stanišić: Herkunft. Luchterhand, München 2019, 356 Seiten, 22 Euro