Porträt - Ricardo Rosselló

Wenn Deppen chatten

Dass das alles nicht ganz korrekt war, gesteht er ein. »Ich habe Fehler gemacht und ich entschuldige mich«, ließ Ricardo Rosselló auf Facebook wissen – nach Tagen der Massenproteste gegen seine Regierung. Von seinem Amt als Gouverneur von Puerto Rico zurücktreten – wie von den Zehntausenden Protestierenden gefordert – will er allerdings nicht*, nur von dem des Vorsitzenden der Neuen Progressiven Partei (PNP). Zudem versprach er, bei den Wahlen 2020 nicht erneut zu kandidieren. Dem 40jährigen war eine Chatgruppe zum Verhängnis geworden. Am 13. Juli hatte das Centro de Periodismo Investigativo (Zentrum für investigativen Journalismus) in Puerto Rico 889 Seiten veröffentlicht, die den Chat einer ­Telegram-Gruppe protokollieren, der Rosselló angehörte. Die zwölf Männer hatten sich unter anderem über Strategien und teils höchst vertrauliche Regierungs­interna ausgetauscht – und das, obwohl der Gruppe nicht nur derzeitige, sondern auch ehemalige Regierungsangehörige und weitere Personen in leitenden Funk­tionen angehörten. Sie zogen auch auf derbste Weise über politische Gegnerinnen und Gegner sowie bekannte Persönlichkeiten des Landes her. Politikerinnen nannte Rosselló »Hure« oder »Hurentochter«, der schwule Sänger Ricky Martin wurde homophob beschimpft, man machte sich über Dicke lustig.

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Doch dies allein hätte vermutlich nicht zu den großen Protesten geführt, denen sich auch Prominente anschlossen. Im Chat ging es auch um Manipulationen bei der Medienberichterstattung und bei der Vergabe von Staatsaufträgen – ins­besondere nach dem Hurrikan »María« im Jahr 2017, in dessen Folge Tausende Menschen starben und der das ohnehin hochverschuldete Puerto Rico in eine tiefe Krise stürzte. Die Chatmitglieder hatten unter anderem »Stinkefinger« gegen die Finanzkontrollbehörde gepostet. Die Korruptionsvorwürfe sind allerdings nicht neu. Bereits einige Tage vor der Veröffentlichung der Chats hatte das FBI ehemalige Regierungsvertreter sowie andere Personen wegen Korruption und der unrechtmäßigen Aneignung von Bundesmitteln, die unter anderem als Katastrophenhilfe nach »María« gewährt worden waren, verhaftet.

* Nach Redaktionsschluss ist Ricardo Rosselló nun doch zurückgetreten.