Imprint - »Inneres Lind«

Unter die Räder

Sie waren doch mal Subkultur. Bruno, Gerda, Miriam und Patrick haben ihre Jugend auf ihre Weise verschwendet. Als Teenager in der Schweizer Provinz organisieren sie illegale Bike-Partys. In der Stadt angekommen, versuchen die leidenschaftlichen Mountainbiker, Fuß zu fassen. Aber sie landen im Wasser, im Dreck oder auf der Wache. Ein Buch über Abgründe, die kein BMX-Sprung überwindet. Auszug aus dem Roman »Inneres Lind«.

Bichelsee, Ende Oktober. Wassertemperatur: acht Grad. Vereinzelt Schwebeteilchen, sonst klare Sicht. Das Licht der Taschenlampe gleitet über die mit Quaddeln übersäte Haut eines Körpers, der bäuchlings auf dem Grund liegt. Der Taucher fährt neugierig mit einer Hand über das Quaddelmuster, bevor er den Körper umdreht. Er schaut für einen Moment in die weit geöffneten Augen, während durch den Mund einige Luftbläschen entweichen und sich tänzelnd den Weg zur Wasseroberfläche suchen. Er zieht den Körper über den Grund ans nächste Ufer, wo er ihn auf das feuchte Gras legt. Das Muster auf der Haut scheint im kalten Licht der Herbstsonne rötlich zu leuchten. Vom Parkplatz her kommen die Sanitäter und Beamten herbeigeeilt.

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»Die haben sich nackt ausgezogen und sind in den See gesprungen, der eine ist losgeschwommen und der andere hinterher. Die haben ­gelacht und sich angespritzt. Eine Frau war auch da, am Ufer, ja, Rock, oranger Pullover, schwarze Haare, Brille. Als die reingesprungen sind, hat sie den Kopf geschüttelt und ist weggegangen. Und da beginnt der eine plötzlich, mit den Armen zu rudern und wird rot, extrem rot. Ja, das ist ein ziemlich gutes Teleobjektiv, wird auch für Sportauf­nahmen ­genutzt. Nein, ich hab nicht abgedrückt, man hat ja noch einen Anstand. Ja, auch gut für Naturauf­nahmen. Und dann hat der Rote sich an den andern geklammert, ja, an den mit den kurzen Haa­ren und dem Bart. Der hat sich aber befreit und ihn weggestoßen. Nein, ich weiß nicht, ob er ihn unter Wasser gedrückt hat, ich war ja auf der ­anderen Seite der Straße, dort bei den Panzersperren. Also ich hab ja ­gedacht, die haben irgendetwas genommen, wie die sich be­nehmen, und so rot wird man doch nicht von alleine, und da ist die Frau zurück­gerannt ans Ufer und hat angefangen zu schreien und dann hab ich gesehen, dass der Rote verschwunden ist, und wie sie da hin- und herrennt, denk ich natürlich ›oha‹, und sie geht in den See mit allen Kleidern und sie schreit und schreit, schon brusttief im Wasser, ehe der andere sie festhalten kann. Irgendwann ist sie ruhig geworden, und der andere, ­immer noch nackt, wohlverstanden, schleppt sie hinter sich her ans Ufer und bellt sie an, sie solle sich ins Gras setzen und dort bleiben. Wir hatten ja früher viel Hippies hier in der Nähe. 

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