Das neue Album »Venus in Leo« des Duos HTRK

Verliebt in die Liebe

Das neue Album von HTRK erinnert mit seinem düsterem Sound an unstillbares Verlangen.

Fast jeder kennt das: Man wandert durch die Stadt und begegnet einem sich innig umschlingenden Pärchen, dessen Anblick einen plötzlich traurig stimmt und wie einen Außenseiter fühlen lässt. Die melancholische Sehnsucht, die sich dabei einstellt, begenet einem auch in der Musik des Duos HTRK (ausgesprochen: Hate Rock). Auf die Frage, ob sie sich bewusst sei, wie stark ihre Musik emotional wirkt, antwortet Sängerin Jonnine Standish im Interview mit der Jungle World: »Wir sind uns sehr darüber im Klaren, dass wir Musik für Leute schreiben, die sich wie Außenseiter fühlen. Ich denke wenn man verliebt ist, fühlt man sich nicht mehr als Außenseiter – im Gegenteil. Man hat jemanden gefunden und fühlt sich, als würde sich die ganze Welt plötzlich öffnen. Wir hoffen natürlich, dass auch diese Emotion in die Welt passt, die wir erschaffen.«

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Fünf Jahre nach ihrem vorigen ­Album »Psychic 9-5 Club« kehren Jonnine Standish und Nigel Yang aus dem australischen Melbourne mit ihrem vierten Studioalbum »Venus in Leo« zurück, das nur mit Hilfe ­weniger Takes, quasi live eingespielt wurde. Im Interview, das vor ihrem Auftritt beim Festival Berlin Atonal geführt wurde, erklärt Standish das sich durch das Album ziehende Thema, das dem Eröffnungstitel »Into the Drama« bereits innewohnt. »›Venus in Leo‹, das steht sozusagen für ein zweifaches Drama. Es ist eine astrologische Konstellation, in der man quasi verliebt in die Liebe ist und dann damit anfängt, das eigene Ego mit Drama zu füttern, denn ohne Drama stirbt das Ego. Ziemlich gruselig.«

Der Sound von »Venus in Leo« ist zunächst vertraut, düster und hallend, schleichend, kühl und minimalistisch. Und doch hat sich die Stimmung seit »Psychic 9-5 Club« deutlich spürbar, aber nicht aufdringlich verändert. Standish und Nigel verarbeiteten auf »Psychic 9-5 Club« und insbesondere auf dessen Vorgänger »Work (Work, Work)« (2011) ihren Schmerz über den Tod ihres Freundes und Produzenten, des australischen Underground-Pionier Rowland S. Howard, sowie den ihres Gründungsmitglieds Sean Stewart. Diese Alben klangen tieftraurig, Glück war hier abwesend, doch auf »Venus in Leo« werden auch etwas wärmere und zuversichtlichere Töne angeschlagen. Standish erklärt dazu: »Wir wollten etwas grundlegend anderes machen als beispielsweise auf ›Psychic 9-5 Club‹, auf dem wir nach Wegen gesucht haben, unsere Sinne neu zu verknüpfen, um einen Raum zu ­erschaffen, der nicht nur aus Tod besteht. Mit dem neuen Album wollen wir theatralischer und physischer werden. Das hat uns dazu geführt, das Konzept des Dramas zu untersuchen.«

Das Drama auf »Venus in Leo« wird angetrieben von der Suche nach Nähe, die nie ans Ziel kommt. Besonders deutlich wird diese Sehnsucht in dem Song »Mentions«. Inspiriert wurde der Song durch eine Körperuntersuchung, der sich Standish am Flughafen unterziehen musste. »Es ist eine verrückte, wahllose und unmittelbar intime Erfahrung, die deinen Tag auf den Kopf stellen kann«, erzählt sie. »Mich interessierte diese plötzliche Nähe zu einer fremden Person und ich begann, dies beispielsweise mit den Interaktionen auf ­Instagram zu vergleichen.« Auch hierbei bestehe trotz der Zuneigung durch Likes eine lediglich kurzzeitige, jedoch niemals als ausreichend empfundene Nähe, die Standish im Lied mit den Worten »It’s not physi­cal enough« besingt. Logisch, dass der Sound von HTRK neben dem hoffnungslosen Grundton immer auch unheimlich erotisch und sinnlich klingt. Doch just in dem Moment beim Hören, in dem man sich fast schon in einem ungefährlich dahinplätschernden Popsong vermutete, erinnern HTRK mit ihrer Mischung aus Industrial und Lo-Fi an ein Verlangen, das vielleicht nicht zu stillen ist.

HTRK: Venus in Leo (Ghostly International)