Klassenkampf

Organismen unter sich

Kolumne Von

Wikipedia ist toll, man kann immer noch etwas lernen. Ich zum Beispiel habe gerade von Wikipedia über Wikipedia gelernt, dass es dort 2018 über zwei Millionen deutschsprachige Einträge gab, womit die deutschsprachige Wikipedia die drittgrößte der ganzen Welt war – allerdings weit abgeschlagen hinter – erstaunlich – der schwedischen Wikipedia. Die Anzahl der schwedischen Wikipedia-Einträge (2018 waren es fast vier Millionen) geht seit ungefähr 2012 durch die Decke, demselben Jahr ­übrigens, in dem Loreen aus Schweden den Eurovision Song Contest gewann (Quelle: Wikipedia). Ich denke nicht, dass das noch Zufall sein kann.

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Der kleine Nachteil an Wikipedia ist, dass man leicht vom Thema abkommen kann. So wollte ich eigentlich gar nicht über Schweden schreiben, sondern über Biozönose und Schule. Ein betrunkener Biologe gab mir einst den Hinweis, dass beides dringend einmal auf mögliche Parallelen hin untersucht werden müsse. Et voilá. Biozönose ist Wikipedia zufolge eine »Gemeinschaft von Organismen verschiedener Arten in einem abgrenzbaren Lebensraum« – ist Schule das etwa nicht? Zum Beispiel existieren an meiner Schule viele kleine, ständig schreiende Organismen, die ganz sicher einer anderen Art angehören als die großen, ständig schreienden Organismen, zu denen ich mich zählen würde. Und dann haben wir ja noch nicht über die Sekretärinnen oder die Schulleiterin geredet, den Hausmeister, die Sozialpädagogen, die sporadisch erscheinenden Eltern sowie die drei Katzen. Außer Acht gelassen wurden außerdem die vielen winzigen Lebewesen, die in den Toiletten, auf alten Kaugummis und fortgeworfenen Butterbroten vermutlich gerade eine in der Welt der Kleinstlebewesen noch nie dagewesene Hochkultur entwickeln.

Die auf Wikipedia gelisteten erhellenden Gemeinsamkeiten hören hier nicht auf: Die Lebewesen einer solchen Lebensgemeinschaft stünden zueinander »in zahlreichen Wechselbeziehungen, werden von den abiotischen Umweltfaktoren beeinflusst und wirken auf diese zurück. Durch diese Wechselbeziehung stehen sie in gegenseitigem Abhängigkeitsverhältnis (biozönotischer Konnex).« Wechselbeziehungen, Umweltfaktoren und Abhängigkeitsverhältnisse – stimmt absolut alles, ich bin begeistert. Der biozönotische Konnex wird bei nächster Gelegenheit bestimmt einem meiner Schüler dabei helfen, seine Note besser einordnen zu können in den Gesamt­zusammenhang der Dinge. Schön ist auch, dass der Begriff Biozönose von Karl August Möbius geprägt wurde (Quelle: Wikipedia), einem Namensvetter des Mannes mit dem Möbiusband (Quelle: Wikipedia), das unter anderem für die Unendlichkeit steht (Quelle: Wikipedia), in die sich manch langweilige Schulstunde zu ziehen droht. Das kann alles kein Zufall mehr sein.