Die brasilianische Schriftstellerin Clarice Lispector

Aus dem Grab sprechen

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»Rilke schreibt 24 Gedichte über die Rose«, bemerkte Cixous bei einer anderen Gelegenheit, »aber Clarice Lispector lässt uns das stille Atmen einer Rose erleben.« Das fängt das Auratische des Werks der bewunderten Literatin durchaus ein und umschreibt zugleich die Schwierigkeiten der Lektüre. Auch Geübte stehen hier vor einer erheblichen Herausforderung. Denn das durchdringende Ertasten der Welt, das diese Prosa zuvörderst auszeichnet, begleiten ein bisweilen rauschartig anmutender Bilderreichtum (wobei eine Wiederkehr von Pferden als Symbol auffällt), ein eigenwilliger Gebrauch von Interpunktion und Syntax sowie Hervorhebungen diverser Art nebst Abbrüchen, Abschweifungen und Überlagerungen.

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Wer den falschen Romaneinstieg wählt und beispielsweise zu »Der Lüster« (1946) oder zu »Von Traum zu Traum« (1949) greift, dürfte das Buch rasch irritiert aus der Hand legen. Lispectors Romane eignen sich weder für vorwiegend an Handlung und Charakteren Interessierte noch für Eilige – sie gibt vielmehr der Introspektion, der Stille und dem Begriff »minutiös« eine ganz eigene Bedeutung. In manchen Romanen beläuft sich das äußere Geschehen auf einige wenige Ereignisse und Dialoge, während die Momentaufnahme und das Innenleben sich in ungeahnter, kaum zu paraphrasierender Weise ausdehnen. »WAREN Augenblicke vergangen oder waren es dreitausend Jahre?« heißt es an einer Stelle in »Eine Lehre oder das Buch der Lust« nahezu programmatisch.

Lispector im Tetrismuster, 1972.

Bild:
Arquivo Nacional do Brasil (gemeinfrei)

In ihren besten Momenten fühlt sich die Lektüre von Lispector an, als sei man durch das Lesen 100 Kilogramm leichter geworden. »Aqua Viva«, eine 1973 veröffentlichte und mit »Ein Zwiegespräch« untertitelte Komposition, die sich aus unendlich anmutenden Einzelbestandteilen zusammensetzt, prasselt auf den Leser nieder wie eine Dusche, die weder oben noch unten kennt. Trotz der Emphase, die die Autorin auf das Lebendige legte, negierte sie die Erfahrung des Sterbens nie. In der Vorbemerkung »An mögliche Leser«, die dem Zeitlupenschocker und existentialistischen Thriller »Die Passion nach G. H.« vorangestellt ist, mahnte die Autorin: »Dieses Buch ist wie ­jedes andere auch. Trotzdem würde ich mich freuen, wenn es nur von ­denen gelesen würde, deren Seele bereits geformt ist.« Diese dürften auch verstanden haben, was Lispector meinte, als sie in ihrem einzigen Fernsehinterview, das 1977 aufgezeichnet wurde, abschließend bemerkte: »Ich spreche aus meinem Grab.«

Es waren die eingangs erwähnten Legenden, die lange den Blick darauf verstellt haben, dass Lispector keine unpolitische Schriftstellerin war. Die Prädominanz der ihr zugeschriebenen Rätselhaftigkeit erstaunt angesichts des Umstands, dass antise­mitische Pogrome ihre Familie 1920 zur Flucht aus der Ukraine gezwungen hatten und dass die Kolumnistin 54 Jahre später wegen einer antisemitischen Kampagne ihre Anstellung beim Jornal do Brasil verlor. Erst der Literaturwissenschaftler Benjamin Moser, der 2009 eine beachtliche Biographie der Autorin vorlegte und seither für die englischsprachige Werkausgabe verantwortlich ist, hat darauf hingewiesen, dass in Lispectors Roman »Der Apfel im Dunkeln« (1961) die Frage des Antisemitismus bedrohlich die Ränder der Handlung umkreist. 1968 stellte sich die Autorin zudem auf die Seite der studentischen Proteste gegen die Militärdiktatur. In ihren Romanen sind wiederholt abwesende schwarze Dienstmädchen auszumachen, was erkennen lässt, dass sie das Einwanderungsland Brasilien als Klassengesellschaft mit segregiertem Dienstleistungssektor verstand. Und Lispectors vorletzte Arbeit »Die Sternstunde« (1977) schildert, was postkoloniale Theorie eigentlich hätte begreiflich machen müssen, um Längen eindrücklicher: das Leben vermeintlich überflüssiger Existenzen, bar jeder Zukunft. Der scheinbare Mystizismus der Autorin ist somit einer, den auch unverbesserliche Atheistinnen, strenge Verteidiger der Vernunft und politische Realisten vorbehaltlos genießen können – so lange sie sich eben auf eine erhebliche Verlangsamung und außerordentliche Sensualität einlassen.