Die brasilianische Schriftstellerin Clarice Lispector

Aus dem Grab sprechen

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In der Bundesrepublik waren in den sechziger Jahren beim Verlag Claassen zunächst ein Roman und eine Kurzgeschichtensammlung ­Lispectors erschienen. Zwei Jahrzehnte später folgten zwei Romane bei ­Lilith, sechs Titel in der Bibliothek Suhrkamp sowie drei weitere bei Rowohlt. In den neunziger Jahren schwand das hiesige Interesse an der Autorin dann rapide. Vor wenigen Jahren kündigte Schöffling & Co. eine Werkausgabe an, die jedoch nach drei Neueditionen, die der Münchner Luis Ruby gekonnt nuanciert übersetzt hat, abrupt und ohne Angabe von Gründen abbrach.

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Jüngst sind erfreulicherweise zwei Bücher auf Deutsch erschienen, die abermals an das Leben und Werk von Clarice Lispector erinnern. »Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau«, wie immer kenntnisreich von Benjamin Moser ediert und abermals kundig von Luis Ruby übertragen, eröffnet eine auf zwei Bände angelegte Sammlung aller Kurzgeschichten der Autorin. Die erste Abteilung hierin versammelt Texte, die Lispector noch vor Publikation ihres vielbeachteten Roman­debüts »Nahe dem wilden Herzen« (1943) in diversen Printerzeugnissen veröffentlicht hat, die übrigen sind Erzählbänden entnommen, die in Brasilien bisweilen schon in den sechziger Jahren erschienen waren. Einige Beiträge der letzten Sektion – die treffend mit »Ganz hinten in der Schublade« überschrieben ist – komplettieren die Zusammenstellung; darunter findet sich auch das einzige überlieferte Theaterstück der Autorin.

Es geht unter anderem um einen Fiebertraum, antagonistische Betrunkene, einen philosophischen Briefwechsel, die Effekte der Hegel-Lektüre auf eine Beziehung, eine Metallschnur für die Ewigkeit, die Begegnung zwischen einem rothaarigen Mädchen und einem rothaarigen Dackel – alles dargeboten im unnachahmlichen Stil Lispectors, in dem das Empathische, das Skurrile und das Unbegreifliche zusammenfallen und das Leben dort hervortreten lassen, wo es am wenigsten vermutet wird. Die Texte sind bisweilen weitaus zugänglicher, als es die Romane der Autorin sind, und eignen sich somit als Einstieg in das Gesamtwerk. Aus ihnen lässt sich zudem lernen, so man denn zur Unterweisung bereit ist. Wer das nicht mag, darf sich an die Lektion halten, mit der die Korrespondentin im erwähnten philosophischen Austausch ihren Adressaten instruiert: »Und wenn Du meinen Rat nicht befolgen kannst, weil das Leben stets gieriger ist als alles an­dere, wenn Du meine Ratschläge nicht befolgen kannst und all die Vorhaben, die wir zu unserer Besserung ersinnen, dann lutsch ein paar Minzbonbons. Die sind so frisch. Deine Idalina«.

Parallel zu »Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau« ist im Deutschen Kunstverlag der Bildband »Clarice Lispector« von Leonie ­Meyer-Krentler erschienen, ein Porträt der Autorin mit zahlreichen Aufnahmen, die in Deutschland bislang unbekannt waren. Es bietet Hintergrundinformationen für jene, die noch nicht mit diesem Werk vertraut sind, aber auch Überraschendes für bereits damit Vertraute.

»Und nun«, um mit einer Zeile aus »Aqua Viva« zu schließen: »Schweigen und leichtes Erstaunen.«

Clarice Lispector: Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau. Aus dem Portugiesischen von Luis Ruby. Penguin-Verlag, München 2019, 416 Seiten, 24 Euro
Leonie Meyer-Krentler: Clarice Lispector. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2019, 80 Seiten mit 20 Abbildungen, 22 Euro