Das neue Album von FKA Twigs

Zerkratzte Oberflächen

Der Musikerin FKA Twigs ist ein zögerliches, aber dennoch fesselndes neues Album gelungen.

Es beginnt mit einem Ende: »If I walk out the door, it starts our last goodbye«, singt FKA Twigs im sakralen Eröffnungstrack ihres neuen ­Albums gegen eine sich verdichtende und immer lauter wummernde Klangcollage an. Vor der Unschärfe der Musik scheint ihr Anliegen umso klarer hervorzutreten. Um Abschiede und Neuanfänge geht es auch in den folgenden acht Songs immer wieder.

Der musikalischen wie visuellen Ästhetik der Kunstfigur FKA Twigs ist mit engen Genrebegriffen nicht beizukommen. Auch »Magdalene« ist, angefangen beim Titel, eine an Verweisen reiche, vielschichtige Arbeit.

Erster Vorbote war bereits im April die Single »Cellophane«, eine reduzierte Ballade, die das im ersten Satz konstatierte Scheitern einer Beziehung Stück für Stück ausformuliert: »I don’t want to have to share our love / I try but I get overwhelmed / All wrapped in cellophane, the feelings that we had.« Im dazu veröffentlichten Video gerät die Musikerin als Pole-Dance-Performerin ins Trudeln, ihr durchtrainierter Körper fällt ­direkt von der Pole-Dance-Stange in eine andere Welt, sie wird durch mystische Sphären gewirbelt, prallt unsanft auf und beginnt schließlich, ihren Körper in Schlamm gehüllt, zu ruhen. Auf dem neuen Album ist »Cellophane« der letzte Song und stellt eine Art inhaltliche Zusammenfassung dar, denn im Zentrum von »Magdalene« – daraus macht die Künstlerin kein Geheimnis – stehen körperlicher und emotionaler Schmerz.

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Das Ende einer Liebesbeziehung und eine belastende Operation an der Gebärmutter verarbeitet Tahliah Debrett Barnett alias FKA Twigs auf ihrem zweiten Album zu kunstvollem Pop, der bei aller Verletzlichkeit auch so kraft- und lustvoll klingt wie ihr zukunftsweisendes Debüt »LP1« aus dem Jahr 2014. Dessen autotunelastiger, von tickenden Trap-Hi-Hats und verstrahlter Sinnlichkeit gekennzeichneter Futurismus wird auf »Magdalene« eigentlich nur beim Song »Holy Terrain« noch einmal neu aufgelegt. Stattdessen sind erstaunlich viel Klavier und ausfransende Ambient-Flächen zu hören, fast verspielt klingt es manchmal, wenn ein Track eine unerwartete Wendung nimmt. Immer wieder sind es harte Brüche und unvollendete Ansätze, die dem Album die von FKA Twigs gewohnte Sperrigkeit und Kontrolliertheit verleihen. Der Song »Sad Day« etwa hätte leicht zu einem überproduzierten Dancefloor-Kracher werden können, hält aber gerade durch sein Zögern, offensichtlich zu werden, und sein Nichterfüllen von Erwartungen die Spannung über die gesamte Track-Länge aufrecht. Solcher musikalischen Kontrolle ist mit Blick auf das Gesamtkunstwerk FKA Twigs ein beeindruckender Wille zur Selbstverwirklichung zu eigen.