Im Heideggerseminar

Out of Time

Die preisgekrönte Reportage: Zu Besuch im Heidegger-Seminar.
Kolumne Von

Jbunt

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»Das Nichts nichtet. Unser Wohnen ist der Aufenthalt in einem Vorenthalt des Hohen«, sagt Fips Kirchweih, Doktorand der Philosophy Studies an der Universität Mainz. Sein Professor nickt zufrieden, korrigiert dann aber sanft: »Sehr schön auswendig gelernt, aber ein wenig zu seinsvergessen. Schreiben sie bis zur nächsten Sitzung den Satz ›Ich ende behende mein irdisches Leben‹ hundert Mal in ihr Poesiealbum.«

Eine typische Szene im Hauptseminar »Zeit bei Heidegger«, wie sie so oder ähnlich dutzendfach an ­anderen Hochschulen vorkommen könnte. Eine Philosophie der Zeit, die wie die Heideggers zu Endlichkeit und Tod hingeneigt ist, scheint perfekt in die Zeit (haha!) zu passen – ebenso wie die völlig unkritische Beschäftigung mit dem glühenden Antisemiten und nationalsozialistischen Pumphosenspießer perfekt den Zustand der deutschen Universitätsphilosophie widerspiegelt.

»Die Zeit – über kaum eine Naturkonstante hat Heidegger so viel nachgedacht wie über diese«, so Kirchweih nach dem Seminar. »Fast ohne nachzudenken, verbrauchen wir sie täglich. Sie umgibt uns, umschwirrt uns, ist regelmäßig Bestandteil von Alltagssituationen – und wird dabei doch von den wenigsten verstanden.« Sind die Zeitvorräte der Erde begrenzt? Lässt sich Zeit sparen, kann man sie akkumulieren, konzentrieren und dann mit einem gebündelten Tachyon-Impuls zurück ins Weltall jagen? Und wie kann man Zeit vergessen? Vor allem diese letzte Frage, insbesondere mit Blick auf die Nazizeit, hat Heidegger in seinen letzten Jahren sehr beschäftigt.

Moderne Zeitforscher gehen weiter. Ist unsere Einteilung der Zeit in Minuten und Stunden völlig willkürlich? Könnten wir zum Beispiel die meiste Zeit nicht auch einfach in Jahrhunderten abhandeln? Ist Zeit gegendert, ist das heile Bild von »Vater Zeit« und »Mutter Natur«, wie es etwa die Schlümpfe zeigten, hoffnungslos patriarchalisch? Fragen, die nur dann als sinnlos erscheinen, wenn man sich noch nie mit Überstundenabrechnung beschäftigt hat. »Heidegger hätte auch viel über BWL zu sagen«, so Kirchweih. »Wir müssen nur lernen, ihm zuzuhören. Bedingungslos.«