Besorgte Rundfunkkritiker demonstrierten in Köln vor der WDR-Zentrale

Umweltsau und Messermann

Raucherecke Von

Satire schlägt in Deutschland leicht hohe Wellen, das ist spätestens seit Jan Böhmermanns Gedicht über Recep Tayyip Erdoğan klar. Zwischen Weihnachten und Neujahr sorgte ein satirisches Lied des WDR-Kinderchors für deutschlandweite Aufregung. Der hatte eine umgedichtete Version des Kinderlieds »Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad« aufgenommen und im Radio sowie auf Facebook veröffentlicht. Passend zur Bewegung »Fridays for Future« heißt es im Refrain der neuen Version: »Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Das sind tausend Liter Super jeden Monat. Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau.«

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Diese satirischen Zeilen sorgten für große Empörung. In sozialen Medien wurden sie als Pauschalverurteilung einer ganzen Gene­ration kritisiert. Selbst der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) äußerte sich auf Twitter: Der WDR habe mit dem Lied »Grenzen des Stils und des Respekts gegenüber Älteren überschritten. Jung gegen Alt zu instrumentalisieren, ist nicht ­akzeptabel.« Der WDR produzierte eine Sondersendung, »um sich sachlicher Kritik und Fragen zu stellen«, und nahm das Video des Liedes aus dem Netz. Tom Buhrow, der Intendant des WDR und designierte ARD-Vorsitzende, entschuldigte sich für den Beitrag: »Das ­Video mit dem verunglückten Omalied war ein Fehler. Ich entschuldige mich ohne Wenn und Aber dafür.« Sein Vater sei im übrigen keine Umweltsau, so Buhrow.

Das war Anlass genug für extreme Rechte, Rundfunkbeitragsgegner und Verschwörungstheoretiker, ihre Aufregung aus den ­sozialen Medien auf die Straße zu tragen. Bereits am 29. Dezember demonstrierten etwa 100 Personen, unter anderem von der neo­nazistischen »Bruderschaft Deutschland«, vor der WDR-Zentrale in Köln. Mitglieder der Gruppe suchten während der Demonstration die Konfrontation mit Gegendemonstranten. In Abwandlung der ersten Strophe des Deutschlandlieds sangen Rechtsextreme: »Deutscher Opa über alles.« Die Polizei nahm die Personalien von 20 Kundgebungsteilnehmern auf.

Für den vergangenen Samstag war erneut eine Kundgebung vor der WDR-Zentrale in Köln angemeldet worden. Während die »Bruderschaft Deutschland« diesmal nicht mit von der Partie war, konnten die Demonstrierenden wieder auf die Unterstützung des Rappers »Master Spitter« zählen. Dieser ist ein Anhänger der Bewegung der »Gelbwesten«  teilt auf seiner Facebook-Seite Verschwörungstheorien und tritt regelmäßig vor Reichsbürgern auf. Auf der Kundgebung präsentierte er seine eigene Version des Lieds: »Meine Oma baut ein Haus allein aus Trümmern, aus Trümmern, aus Trümmern.«

Der Mythos der deutschen Trümmerfrauen, von Historikern längst widerlegt, war bei den besorgten WDR-Kritikern generell sehr ­beliebt. Es waren aber lediglich etwa 50 Teilnehmer, die sich zu der verschwörungsideologischen Selbstbespaßung eingefunden hatten. Sie inszenierten sich als Bewegung, die Widerstand gegen die Manipulation durch »GEZ-Medien« und Politiker leiste.

Dabei trafen sie selbst auf Widerstand. Als die Polizei Teilnehmer der Demonstration durch eine zahlenmäßig überlegene Gegenkundgebung führte, kam es zu mehreren Auseinandersetzungen. Auch bei der Abreise sorgte das Konzept der Polizei für Kopfschütteln. Diese verzichtete auf die weitere Begleitung der extremen Rechten, was Auseinandersetzungen in der Nähe eines zwischen dem WDR-Gebäude und dem Hauptbahnhof gelegenen Hotels ermöglichte. Dabei zog ein Mann, der von Zeugen als Teilnehmer der extrem rechten Kundgebung wiedererkannt wurde, ein Messer. Klaus Lober vom Bündnis »Köln gegen rechts«, das zu der Gegenkundgebung aufgerufen hatte, sagte dazu: »Im direkten Anschluss an eine Kundgebung, an der auch Personen des ›Flügels‹ der AfD teilgenommen haben, setzte ein rechter Demonstrant die rassistische Hetze gegen Andersdenkende in die Tat um und zückte ein Messer. Dadurch wurde in Kauf genommen, dass Personen lebensgefährlich verletzt werden.« Die Polizei sprach hinterher von einer »Auseinandersetzung zwischen links- und rechtsorientierten Versammlungsteilnehmern«.