Cocolumne

Oma, Greta und die Russen

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Ich hoffe, Sie haben den Winter bisher mit der gebührenden Heizscham, Skischam, Streaming-Scham, Weihnachtsbeleuchtungs- und Silvesterraketen­scham verbracht. Aber wahrscheinlich gehören Sie eh zur Post-Boomer-Generation und folgen dem Leben auf Instagram, dann sind Sie fein raus. So wie Coco. ­Jedoch: Cocos Instagram-Account wurde gehackt. Er wurde vorübergehend von jemandem mit einer russischen E-Mail-Adresse übernommen. Inzwischen ist das Hündchen wieder safe, aber wer weiß, was in Cocos Namen alles gelikt und geteilt wurde. Irgendetwas für oder gegen Omas womöglich. Braucht sie jetzt Personenschutz? Man weiß ja heutzutage nicht mehr, ob der Mob nur virtuell ist oder plötzlich vor der Haustür steht. Und ob es überhaupt einen Mob gibt oder man selbst einer ist. Wir erinnern uns an den Oma-Umweltsau-Skandal. Wie sich hierzulande die Hysterie verbreitet, wurde deutlich, als sich dieselben Menschen über den Umweltsau-Shitstorm aufregten, die sich kurz zuvor noch selbst beherzt am Shitstorm gegen den Kabarettisten Dieter Nuhr beteiligt hatten; sogar in meiner ausgewählten Facebook-Blase wurde wegen einiger Witze über Greta allen Ernstes darüber diskutiert, ob Nuhr ein »Neo­nazi« sei. In beiden Fällen ging es um Reaktionen auf Satire im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk. Was für den ­einen die Oma, ist für den anderen die Greta. Skandal, Skandal! Oder nicht?

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Nur zwei Prozent der Bevölkerung in Deutschland nutzen der ARD/ ZDF-Online-Studie von 2019 zufolge Twitter aktiv. Bei den Frauen sind es, gerundet, null Prozent. Der Youtuber Rezo erklärte: »Wenn nur 0,001 Prozent der deutschen Bevölkerung (immerhin 830 Leute) sich halbwegs aktiv vernetzen und ­jeweils mehrere Tweets schreiben, können sie im Alleingang easy die deutschen Twitter-Trends dominieren.« Der Social-Media-Analyst Luca Hammer hat sich die Debatte über die »Umweltsau« angeschaut. Bis zum 30. Dezember gab es 210 000 Tweets zum Thema, sie stammten von 44 000 Accounts. Davon ließen sich 23 Prozent dem rechten und 46 Prozent dem linken Milieu zuordnen. Die Aufregung über die Aufregung war also deutlich größer als die Aufregung selbst. Allerdings schafften es die rechten Accounts, die Mehrzahl der Tweets (52 Prozent) abzusetzen. Sie waren also aktiver als die linken. Der Artikel auf Spiegel Online, in dem diese Zahlen vorgestellt wurden, problematisierte ausschließlich, wie die Rechten geschickt Empörung schürten, obwohl die im selben Artikel als Beleg vorgebrachten Zahlen ja gerade zeigten, dass es ohne die linke ­Gegenempörung gar nicht einen solchen Buhei gegeben hätte.

Dass es bei Dieter Nuhr andersherum war und zuerst Personen aus dem linken Milieu Hasskommen­tare in ihre Filterblasen schleuderten, wurde denn auch gar nicht erst erwähnt. Vielleicht stammen aber auch alle solchen Postings nur von russischen Trollen, die gehackte Accounts von Coco und ihren Hundefreunden auf Instagram benutzten. Das ist nicht auszuschließen.