Gerechte Notenvergabe

Gerechtigkeit und Transparenz

Klassenkampf Von

In Berlin stehen die Winterferien vor der Tür und mit ihnen wieder die Halbjahreszeugnisse – und die Noten. Was wäre die Schule auch ohne diese? Nichts als eine Menge Stühle mit Tischen davor, zwischen, auf und unter denen verwirrte Jugendliche unbewertete und damit vollkommen wertlose Leistungen erbrächten. Das wäre Schule ohne Noten! Also geben wir ihnen Noten, gute Noten, gerecht, transparent und angemessen. Problematisch dabei ist oft die mündliche Note, die ja keineswegs nur Leistungen erfasst, die sprechend erbracht werden, und vielen Jugendlichen wie das Wirken einer launischen Fee erscheint, die oft beschützend wirkt und, wenn sie nur will, eine Fünf im schriftlichen Teil mit einer milden Drei ausgleichen kann. Oder halt nicht. Dann hat man sich gemeldet und Lernplakate angefertigt bis zur Erschöpfung, hatte Bücher und Zettel sowie bunte Textmarker dabei, hat den Hefter ordentlich geführt und immerzu mit Lineal unterstrichen, eine Präsentation über irgendwas Blödes gehalten, war obendrein nett zum bekloppten Arschlehrer und bekam trotzdem nur eine Vier! Sehr ungerecht.

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Aus Lehrerperspektive ist die mündliche Note der Schwachpunkt der Bewertung, weswegen viele von uns bemüht sind, dem Vorwurf der Willkür mit schicken Kriterienrastern zu begegnen. Selbstverständlich hilft das nicht. Zum einen, weil so ein Raster auch nicht ­genau weiß, wie oft sich eine bestimmte Schülerin insgesamt gemeldet hat, und zum anderen, weil Jugendliche, die über Wochen daran gearbeitet haben, sich einen Bleistift möglichst tief in die Nase zu stecken, das manchmal für ­aktive Mitarbeit halten und ihre Note daher selbst mit Raster nicht nachvollziehen können.

Zudem gibt es bei der Notenfindung ja auch noch Faktoren, die dort nicht genannt werden können, weil sie zu peinlich sind oder gar jenem Bereich unseres Gehirns entspringen, der am Bewusstsein vorbei arbeitet: Sympathie etwa, aber auch Schlamperei und das Schweinesystem spielen hier eine Rolle. Wie Sympathie funktioniert, wissen wahrscheinlich alle. Schlamperei aber ist keineswegs, wenn eine Schülerin ihren Ordner nicht abgibt, sondern wenn ich das Butterbrotpapier, auf dem ich die Note für ihren Ordner notiert hatte, nicht wiederfinde und mir deshalb eine neue ausdenken muss.

Das Schweinesystem ist komplizierter, es macht Noten überhaupt erst notwendig und sorgt dann dafür, dass Merve eine Fünf in Deutsch hat und Lisa eine diagnostizierte Lese- und Rechtschreibschwäche. Es geht dabei viel darum, für welches Nichtkönnen Kinder etwas können, so dass sie eine schlechte Note dafür bekommen können. Der Platz reicht hier leider nicht aus, um dem Thema in seiner Komplexität gerecht zu werden, und eigentlich habe ich schon viel zu viel gesagt. Merken Sie sich einfach nur, dass unsere Noten gut sind, gerecht, transparent und angemessen.